Siegessäule - NEWS/COMMENTS

Interview mit Organisatorin Stana Iliev

Der Sofia Pride braucht Hilfe: „Nur gezielter Druck bringt die Regierung dazu, etwas zu machen“

Wir sprachen mit Aktivistin und Organisatorin Stana Iliev über den am Samstag stattfindenden Sofia Pride, bei dem Übergriffe von Rechtsextremisten befürchtet werden

Sofia Pride 2016

09.06.17 – Rechtsextremisten bedrohen den Sofia Pride! Sie selbst nennen sich „Nationaler Widerstand“. Der Chef der Gruppe, Blagowest Asenow, hat auf seinem Facebook-Account ein Video hochgeladen, in dem er aufruft mit Schaufeln und Besen bewaffnet zum Pride zu kommen, „um Sofia vom Müll zu befreien“. Die OrganisatorInnen haben die Bürgermeisterin der Stadt, Jordanka Fankowa, gebeten, den Pride, der in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert, zu unterstützen. Wir sprachen mit der Aktivistin Stana Iliev, die zu den HauptorganisatorInnen des Sofia Pride gehört, über die drohenden Übergriffe, die gesellschaftliche Situation für LGBTIs in Bulgarien und wie wir in Deutschland den Pride unterstützen können

Bei dem Pride-Marsch am Samstag in der bulgarischen Hauptstadt Sofia werden Übergriffe von Rechtsextremisten befürchtet. Wie schätzt ihr die Gefahr ein? Unser Pride wird leider im gleichen Park sein, wo auch die Gegenproteste der Rechtsextremisten stattfinden werden. Die Stadt hat uns hinter einem großen sowjetischen Monument Platz gegeben, während die Gegenproteste genau davor sein werden. Es wird eine große Polizeipräsenz geben. Wir sind relativ sicher, dass die Polizei uns gut beschützen wird. Gefährlich ist eher die Zeit vor und nach dem Pride, wenn die Menschen kommen und gehen. Oft versuchen Hooligans Leuten zu folgen und sie in kleinen Strassen abzufangen. Problematisch ist auch, dass die Menschen Angst haben überhaupt zu kommen und dass die Medien wieder einmal nur über die Gegenproteste berichten anstatt unsere Botschaften zu verbreiten.

Wieviele Leute erwartet ihr zu diesem Pride? Letzes Jahr waren wir 2.500. Dieses Jahr erhoffen wir uns ca. 3.000 TeilnehmerInnen.

Welche Erfahrungen mit Gewalt habt ihr in den letzten zehn Jahren beim Sofia-Pride bereits gemacht? Der erste Pride 2008 wurde von Hooligans angegriffen. Seitdem haben wir Polizeischutz. Bis 2011 haben wir für diesen Schutz bezahlt. Seit 2012 müssen wir das nicht mehr tun. Wir haben allerdings immer zusätzliche Securitykräfte in Zivil und in Uniform dabei. Wenn es Übergriffe gibt, geschieht das meistens nach dem Pride, wenn die Leute nach Hause gehen. Wir instruieren alle, dass sie in Gruppen oder im Taxi den Pride verlassen und alle Fahnen, Regenbogenbänder etc. entfernen sollen. In den letzten Jahren gab es aber wenige ernste Vorfälle.

Mit welcher gesellschaftlichen Situation seid ihr konfrontiert? Hat sich in den letzten Jahren daran etwas verändert? Gibt es mehr oder weniger Zustimmung für den Pride als früher? Bulgarien ist ein sehr konservatives Land mit einem kulturell orthodoxen Hintergrund. In den letzten vier Jahren hatten wir drei verschiedene Regierungen. Die neueste Regierungskoalition beinhaltet eine konservative nationalistische Bewegung: Die Patriotische Front. Die wenigen Fortschritte, die die LGBTI-Bewegung hier machte, wurden schnell von den ultranationalistischen Tendenzen zunichte gemacht. Der Pride als einzige öffentliche Plattform für LGBTI wird von der allgemeinen Gesellschaft sehr negativ aufgenommen. Zudem sind die ethischen Standards der Medien sehr schlecht. Russland hat in den letzten Jahren gezielt nationalistische Parteien gesponsert und Propaganda gestreut. Dies hat schlimme Konsequenzen, nicht nur für die LGBTI-Community sondern auch für ethnische Minderheiten oder Geflüchtete.

Gibt es überhaupt konkrete Unterstützung von Seiten der Regierung? Es gibt keine wirkliche Unterstützung aus der Politik. Bisher haben nur 2 Parteien den Pride unterstützt. Diese Parteien sind allerdings sehr klein und unbedeutend und schaffen es in den Wahlen nicht über die 4% Hürde. Es gibt 2 Politiker in der Gemeinde, die den Pride unterstützen, allerdings als Parteipolitiker und nicht in ihrer Funktion als Gemeinderat. Frau Fandakowa, die Bürgermeisterin von Sofia, antwortet nicht auf unsere offiziellen Schreiben und hat in 5 Jahren nie einem Treffen zugestimmt. Die Gemeinde macht exakt soviel wie sie per Gesetz muss.

Wie können die Leute in Deutschland euch unterstützen? Der Sofia Pride wird von einer Handvoll AktivistInnen organisiert. Alles passiert ehrenamtlich. Kurz gesagt helfen uns zwei Dinge: zum einen Partnerschaften mit andern LGBTI-Organisationen, die unsere Botschaften verbreiten. Dann Blogs, Artikel, Medien. Internationale Aufmerksamkeit hilft uns dabei Druck auf die besagten PolitikerInnen auszuüben. Uns wird leider wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Diplomatie hilft auch wenig. Nur gezielter Druck bringt unsere blutleeren Zweckopportunisten in der Regierung dazu etwas zu machen. Die zweite Sache ist finanzielle Unterstützung. Das Budget des Pride ist auf unserer Webseite zu finden. Bulgarien hat kaum eine Spendenkultur, gerade für Unpopuläres wie den Pride. Wir sind finanziell auf Crowdfunding-Kampagnen angewiesen.

Interview: Andreas Scholz


Spenden könnt ihr unter:
en.sofiapride.org

pinkstart.me/en/sofiapride2017



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