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Disability & Mad Pride Parade: „Negative Wörter wie Freaks und Krüppel werden von uns wieder positiv besetzt"

Am 15. Juli zieht wieder der „Behindert und verrückt feiern“- Pride durch Berlin. Was das ist und wieso auch queere Orte inklusiver werden müssen, erklärt das Orga-Bündnis im Interview

© Sally B.

13.07.17 – Zum mittlerweile vierten Mal findet in Berlin, am Samstag, den 15. Juli, der „Behindert und verrückt Feiern“-Pride statt. Die Demo startet am Hermannplatz um 15 Uhr, zieht über die Kottbusser Straße und die Oranienstraße. Abschlußkundgebung ist am Kottbusser Tor beim Lokal „Südblock“ mit Party und Konzerten. Aktivistin Anne hat uns für das Orga-Bündnis ein paar Fragen zur diesjährigen Disability & Mad Pride Parade beantwortet.

Wer ist zu eurer Demo eingeladen? Teilnehmen können behinderte und verrückte Menschen und auch nicht betroffene Unterstützer*innen.

„Behindert“ und „verrückt“: was bedeuten diese Begriffe für euch? Ihr verwendet auch Wörter wie „Krüppel“ oder „Freaks“... Mit „behindert“ und „verrückt“ meinen wir: Menschen, die behindert werden und Menschen mit psychiatrischen Diagnosen. Die Wörter „Behinderte, Verrückte, Freaks und Krüppel“ gehen mit einer gesellschaftlichen Abwertung einher und werden dazu benutzt, Menschen auf negative Weise zu bezeichnen, die nicht in die Norm passen. Die Begriffe, wie wir sie verwenden, sind Selbstbezeichnungen. Sie wurden von behinderten und verrückten Menschen wieder positiv besetzt, so ähnlich wie es mit den Begriffen „queer“ oder „schwul“ passiert ist.

Eure Demo findet mitten im Pride-Monat statt. Wo seht ihr den Bezug zu den CSDs und dem Thema Sichtbarkeit von LGBTI? Bei der Pride geht es darum, uns selbst zu feiern. So wie wir sind und nicht so, wie andere uns haben wollen. Wir wollen zeigen, dass Menschen vielfältig sind und die starren Normen nur auf wenige zutreffen. Das ist ein verbindendes Element der verschiedenen Paraden. Wie LGBTI-Personen sind auch behinderte und verrückte Menschen noch zu oft von Ausgrenzung betroffen. Sei es auf gesetzlicher Ebene oder im Alltag.

Kommt es auch innerhalb von LGBTI-Communities zu Ausgrenzung? Ja, das beginnt ganz praktisch bei der Gestaltung von Veranstaltungsorten. In wenigen queeren Räumen gibt es Rampen und behindertengerechte Toiletten. Auch inhaltlich werden Behinderung und Verrücktheit noch zu wenig bedacht und in Veranstaltungen mit einbezogen. Und auch in queeren Communities gibt es starke Körpernormen. Das schließt viele Menschen schon deshalb aus, weil ihr Aussehen als „anders“ gelabelt wird.

Das Motto eures Pride in diesem Jahr ist „ganzhaben statt teilhaben“. Was meint ihr damit? Mit „Ganzhabe“ meinen wir die vollständige und umfassende Teilhabe für behinderte und verrückte Menschen. Mit dem 2016 erlassenen Bundesteilhabegesetz (BTHG) sollte beispielsweise die Teilhabe behinderter Menschen vergrößert werden. Tatsächlich gibt es kleinere Verbesserungen, aber die sind sehr überschaubar. Dafür enthält das Gesetz weitere Einschränkungen der Selbstbestimmung behinderter Menschen. „Ganzhaben statt teilhaben“ heißt: wir wollen die ganze Bäckerei statt nur Krümel. Wir wollen eine Gesellschaft, in der kein Mensch ausgegrenzt wird.

Auf eurer Abschlusskundgebung wird auch wieder die „Glitzerkrücke“ verliehen ...
Die Glitzerkrücke ist ein Negativpreis. Wir geben sie an Institutionen, Vereine oder Einzelpersonen, die sich im Hinblick auf Diskriminierung von behinderten und verrückten Menschen besonders mies verhalten haben. Anwärter*innen gibt es leider viel zu viele. Wir präsentieren bei unserem Bühnenprogramm vor dem Südblock drei Nominierte und losen dann vor Ort den*die Gewinner*in aus.

Interview: FS

Behindert und Verrückt Feiern Pride, 15. Juli
Demo ab 15:00 vom Hermannplatz
Party ab 19:30 am „Südblock" beim Kottbusser Tor

Barrierefreie Toiletten am Hermannplatz und am Kottbusser Tor.
Programm auf deutsch, mit Übersetzung in deutsche Gebärdensprache.

Mehr Infos und Programm: http://pride-parade.de/



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