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Diskussion zum Thema Community: „Ich möchte auch von Schwulen, dass sie sich mit Sexismus beschäftigen."

An verbalem Zündstoff mangelt es in der queeren Szene nicht. Auf der Diskussionsveranstaltung „Are we family?" der SIEGESSÄULE stellten wir die Frage: Was verbindet uns noch?

Diskussionsabend im Ludwig, Moderation: Dirk Ludigs

14.07.17 – Das vorweg: Nein, es hat nicht gekracht. Auch wenn es in der queeren Szene in der vergangenen Zeit viel Zündstoff und teils deftigen verbalen Schlagabtausch gab – die Atmosphäre im Lokal Ludwig wirkte offen und fast schon unheimlich harmonisch. Ausgangspunkt der Gesprächsrunde war Dirk Ludigs’ SIEGESSÄULE-Artikel, der die queere „Community“, so es sie denn als Gemeinschaft gibt, mit einer dysfunktionalen Familie vergleicht. Man kann sie scheiße finden und gehört doch dazu. Es gibt permanent Stress – aber gibt es auch Respekt voreinander und gemeinsame Träume?

Auf der Couch lag zunächst das Kürzel LSBTI, viel geschmäht als „Buchstabensuppe“. Einerseits signalisiert es Diversität und nach Möglichkeit Sichtbarkeit. Andererseits setzt es Spaltungsprozesse in Gang: Wer gehört dazu? Welcher Buchstabe fehlt? Und ist das akademische Diskursgeschöpf nicht viel zu elitär? „Queer finde ich super. Das ist kürzer und es passen alle rein“, sagte Siegessäule-Redakteurin Kaey. „Es bezeichnet alles, was nicht heteronormativ ist.“ Auch Verónica Mota fühlte sich mit den bestehenden Identitätseinteilungen nicht wohl. „Bist du lesbisch?“, werde sie oft gefragt. „Nein.“ – „Was bist du dann?“ – „Androgyna.“ Die Performance-Künstlerin erklärte: „Ich bin Humanistin. Wichtig ist für mich, keine Arschlöcher um mich zu haben, sondern Allianzen, Menschen, die Empathie füreinander haben.“

Empathie – das war allgemein ein Wunsch der DisputantInnen des Abends. Genauso wie ein Gesprächsklima, das nicht immer gleich einen Scheißesturm hochwirbelt oder zu totaler Funkstille führt. Thorsten Knowles, Mitbetreiber des Ludwig: „Nach meiner Erfahrung der letzten 20, 30 Jahre ist es unglaublich leicht, mich als ‚schwuler Mann‘ zu diskreditieren und das Gespräch ist beendet.“ Hilfreicher wäre ein Fehlermachendürfen – und ein Fehlereingestehen. Journalistin Stephanie Kuhnen wies auf eine Entsolidarisierung in der „Community“ hin, zum Beispiel beim Thema Armut. Eine Antwort auf die häufig gestellte Frage „Wo sind die Lesben hin?“ sei etwa: „Viele sind armutsbetroffen.“

Insgesamt spiegeln sich alle gesamtgesellschaftlichen Probleme auch in der queeren Szene, ob es nun um Klassismus, Rassismus oder gender geht. „Ich möchte auch von den Schwulen, dass sie sich mit Sexismus beschäftigen. Einfach so zu tun, als wäre das Frauengedöns, ist eine Milchmädchenrechnung“, sagte Stephanie Kuhnen. Der Wunsch, Unterdrückungsstrukturen generell anzugehen, schien deutlicher Konsens der Runde zu sein. So meldete sich Dieter Rita Scholl zu Wort: „Ich finde das Allerwichtigste, was im Moment für uns ansteht, ist die Zurückschlagung des Patriarchats.“ Und Dirk Ludigs zitierte noch einmal den US-Theoretiker José Esteban Muñoz, der die Idee von Queerness ungefähr so definiert: „Eine andere Welt ist möglich.“ … Klingt wunderbar. Nur wie?

Reinhard Thole, ehemaliger Bundesvorstand der LSU, dem beim Gespräch eher die bürgerlich-konservative Rolle zufiel, schlug vor, den riesigen Begriff der Utopie auf ein etwas konkreteres Maß zu schrumpfen und den kommenden CSD als Aufschlagpunkt für erste Ideen und neue Energien zu nutzen. Dirk Ludigs erträumte sich ein Festival mit Namen Queertopia – „so einen LSBTTQ-Kirchentag“ – mit Diskussionen, Workshops, Musik und Drinks. Ein Frauenlesbenfrühlingstreffen für alle. Und Thorsten Knowles regte gleich das nächste Treffen an, ein queeres Familienfest mit allem Drum und Dran: Kuchen, Streit, Zuhören, Meckern, Feiern. „Are we family?“ war vielleicht ein Anfang. Wir bleiben im Gespräch.

kittyhawk



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