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Film

Queerer Tagtraum: „Der Ornithologe"

Lesben auf Pilgerfahrt, Amazonen und ein sexy Vogelkundler: João Pedro Rodrigues´queere Lesart der Legende des Heiligen Antonius ist Abenteuerfilm und surreale Traumreise zugleich

Paul Hamy in „Der Ornithologe" © Salzgeber

17.07.17 – Ein paar Sätze mit seinem Mann sind Fernando noch möglich, dann ist die Handyverbindung abgebrochen und der Vogelkundler in der abgelegenen Wildnis im Norden Portugals auf sich allein gestellt. In den ersten Filmminuten gelingt es João Pedro Rodrigues mit seinen Leinwandbildern die Faszination für diese atemberaubende, unberührte Natur einzufangen wie auch Fernandos etwas nerdige Leidenschaft für Vögel. Aber schon gibt es da eine erste Irritation. Wer beobachtet hier eigentlich wen? Der Ornithologe die Vögel, oder ist es vielleicht umgekehrt? Als Fernandos Kajak in einer Stromschnelle kentert, glaubt man sich zunächst in einem Outdoor-Survival-Film. Rettung naht in Gestalt zweier chinesischer Pilgerinnen auf dem Weg nach Santiago de Compostela, die sich allerdings selbst verlaufen haben und hilflos durch die Wälder irren.

Auch Regisseur Rodrigues („O fantasma“) gerät in seinem fünften Langfilm immer wieder auf Abwege, und als ZuschauerIn bleibt einem nichts weiter übrig, als ihm zu folgen, zu vertrauen und nicht nach Logik oder eindeutigen Erklärungen zu suchen: Es gibt einen archaisch anmutenden, romantischen Quickie mit einem stummen Ziegenhirten, lateinisch sprechende Amazonen kommen vorbeigeritten, und Fernando erwacht eines Morgens nackt und kunstvoll mit Stricken gefesselt, derweil eine Horde junger Männer sonderbare fremse Rituale vollführt. Dass dieser immer märchenhaftere Zauberwald mit einem Male von ausgestopften Tieren bevölkert ist, verwundert dann kaum noch. „Der Ornithologe“ ist in jeder Hinsicht ein Trip: Für seinen Helden wird diese Exkursion in die Wildnis zum Selbstfindungsprozess, der letztlich zur völligen Verwandlung seiner Persönlichkeit führt. Rodrigues scheint mit seinem Film die eigene Haltung zu Spiritualität wie zum in Portugal omnipräsenten Katholizismus neu bestimmen zu wollen und darüber hinaus auch cineastische Traditionen zu reflektieren. Das bedeutet keineswegs, dass die Menschen im Kinosaal all die subversiven, klugen und humorvollen Querverweise auf Film- und Heiligengeschichte erkennen müssen, um sich – ganz drogenfrei – auf diesen Trip und damit auf diese surreale Traumreise begeben zu können.

Axel Schock

„Der Ornithologe"
Regie: João Pedro Rodrigues
ab 13. 07. im Kino

SIEGESSÄULE präsentiert:
Screening bei MonGay,
17.07., 22:00
Kino International



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