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Pride

Laut und lesbisch: Auf zum 5. Dyke* March in Berlin

Am Vorabend des CSDs wird der Dyke* March Berlin zum fünften Mal für lesbische Sichtbarkeit und Lebensfreude sorgen. Katrin Kämpf erklärt, warum es wichtig ist, auf die Straße zu gehen

Dyke* March Berlin 2016 © Brigitte Dummer

17.07.17 – „Welcome to the White House“, rief Kelly Cogswell an einem Aprilabend 1993 in ein Megafon, das eigentlich viel zu klein für die Unmenge von Menschen war, die sich vor dem Weißen Haus in Washington versammelt hatten. Dennoch reichte es, um 20.000 Lesben auf dem Höhepunkt des ersten großen Dyke Marches der Geschichte zum Johlen zu bringen. Danach begann eine Gruppe, die „Lesbian Avengers“, Feuer zu schlucken, während Tausende Lesben skandierten: „Das Feuer wird uns nicht verschlingen. Wir nehmen es und machen es uns zu eigen!“ Die Aktivistinnentruppe protestierte damit gegen einen homofeindlichen und rassistischen Brandanschlag: Kurz davor waren die Schwarze Lesbe Hattie Mae Cohens und ihr schwuler Mitbewohner Brian Mock in Salem, Oregon von Neonazis getötet worden. Gleichzeitig protestierten die Grassroots-organisierten und stets unangemeldet stattfindenden Dyke Marches gegen die Unsichtbarkeit lesbischer Anliegen auf den großen Pride Parades, gegen die Kommerzialisierung der Paraden und gegen das homofeindliche Klima in den USA der frühen 1990er-Jahre.

Seit fünf Jahren findet auch in Berlin am Vorabend des CSDs der Dyke* March statt. Zwar hat sich seit der Geburtsstunde der Marches insbesondere auf rechtlicher Ebene für Lesben einiges getan, dafür tobt derzeit ein antifeministischer Backlash, der deutlich lesbenfeindliche und transmisogyne Züge trägt. Übergriffe und Anschläge sind besonders für queere Refugees eine tägliche Bedrohung. Der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck mit seinen heterosexistischen Sexualpolitiken und seinem rassistischen und antisemitischen Leitkulturgeschwafel, der auch vor Teilen der LGBTI-Szenen keinen Halt gemacht hat, verlangt besonders in einem Wahljahr nach lauten und sichtbaren Gegenpositionen.

Neben ihrer von Anfang an antirassistischen Ausrichtung bieten die Dyke Marches auch Platz für antisexistische, feministische Themen, die auf den CSDs unsichtbar geworden sind. Gerade in lesbisch-feministischen Kontexten gibt es wesentlich komplexere Positionen zu Geschlecht, Ehe und Zusammenleben jenseits von Heterokleinfamilienkopien, als sie in gegenwärtigen Main- stream-LGBTI-Politiken vertreten werden. So gab es auf den letzten Ausgaben des Berliner Dyke* Marches sowohl „Ehe für alle“-Transparente wie auch Plakate mit Slogans wie „Gleiches Recht für alle! Weg mit der Ehe!“, „Some dykes are trans, get over it“ oder „Smash Gender Norms“.

Und falls das noch nicht genug Gründe sind, auch in diesem Jahr mit Tausenden von Dykes auf die Straße zu gehen und danach auf dem gentrifizierungsgeplagten Kotti vor dem Südblock zu diskutieren, zu feiern, zu flirten und zu tanzen, hat der Dyke* March noch mehr zu bieten: Er funktioniert auch als lesbisches Klassentreffen, größte und einzige wandernde Freiluft-Lesbenbar, Networking-Hotspot, niedrigschwellige Einstiegsdroge für Erstdemonstrantinnen und – vom Base Camp am Mount Everest in der Hochsaison abgesehen – größte Modenschau für ebenso knallfarbene wie wetterfeste Outdoorgarderobe der Welt.

Katrin Kämpf

Dyke* March, 21.07., 18:30, Platz der Luftbrücke
Endpunkt: Südblock, ab 20:45 Liveübertragung EM-Spiel Deutschland–Italien

„Plakativ zum Dyke* March“, 19.07., 19:00, Südblock. Gemeinsam basteln für die Demo

Dyke* March Route

dykemarchberlin.com



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