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„Mit Charme gegen Beschimpfungen": Travestie für Deutschland über die Reaktionen auf ihre Kampagne

Die fiktive Partei TfD setzt Kunst und Satire gegen rechte Politik. Viele fühlen sich davon provoziert. Jacky-Oh Weinhaus von der TfD im Gespräch über Aggressionen und Shitstorms im Netz

© Steven P. Carnarius

11.09.17 – Die fiktive Partei Travestie für Deutschland (TfD)engangiert sich, über die Mittel der Kunst und Satire, gegen rechte Diskurse und rechtspopulistische Politiken. Mit ihren Fake-Wahlplakaten, Fotomontagen, Videos und einer eigenen Webseite sind sie im Internet und in diversen Medien in den letzten Wochen sehr präsent gewesen. Ihre Beiträge wurden vielfach in sozialen Netzwerken geteilt und kommentiert. Nicht alle Reaktionen waren dabei positiv: zum Beispiel zeigten einige Facebook-Posts, dass sich viele durch die TfD und ihre Aktionen provoziert fühlen.

Was einerseits als Erfolg von kreativer Satire gewertet werden kann, wirft andererseits die Frage auf: Wie reagiert man auf Kommentare, die aggressiv sind? Wie soll mit jenen umgegangen werden, die unter den eigenen Satirebeiträgen rechtes Gedankengut verbreiten? Und hilft die Aufmerksamkeit, die die Aktionen der TfD erzeugen, nicht letzten Endes der realen Partei „Alternative für Deutschland (AfD)“, die man eigentlich aufs Korn nehmen wollte?

Ein Gespräch mit Jacky-Oh Weinhaus, Gesicht der TfD, über Netzaktivismus und Kommunikation in Wahlkampf-Zeiten 

Jacky, kurz zusammengefasst: was ist die TfD?

Ein Kunstprojekt mit dem Ziel, dass die Menschen sich mehr mit Politik und Wahlen beschäftigen. Über Plakate, Videos, Bilder etc. wollen wir Leute ermutigen, ihr Gehirn zu benutzen, sich Parteiprogramme durchzulesen und dann bei der Wahl die richtige Entscheidung zu treffen. Und auch, sich Gedanken zu machen, was passiert, wenn man gar nicht wählen geht.

Ihr habt mit eurer Kampagne ja einen Wahnsinnserfolg. Woher kam die Idee? Letztes Jahr hab ich eins meiner Pressefotos mit Stinkefinger auf Instagram hochgeladen und es getagt mit „Schminkt Nazis“. Das kam bei meinen Followern sehr gut an. Meine Freunde Matthias Panitz, Alexander Winter und ich haben uns zusammen getan, um das auszubauen. Später ist unser Team gewachsen und wir haben auch andere Leute vor die Kamera gebeten, um mehr Diversität zu zeigen. Dass das Konzept so durch die Decke geht, hätten wir aber nicht erwartet. Sogar BBC und die New York Times haben über uns berichtet.

Wie erklärt ihr euch diese Resonanz? Wir sind eine Art Sprachrohr geworden für viele, die das Gleiche denken wie wir, die aber nicht gewusst haben, wie sie das ausdrücken können.

Kamen von der AfD bisher nennenswerte Reaktionen?
Unter den Leuten, die unter unsere Beiträge posten, sind einige Fans der Partei dabei, aber ob die jetzt selbst in der Partei sind, kann man schwer nachprüfen. Stefan Möller, Landessprecher bei der AfD Thüringen, hat unsere aktuellen Kampagnenfotos auf Facebook geteilt und etwas darunter geschrieben wie, danke dass ihr uns im Wahlkampf unterstützt. Die TfD hat geantwortet, Aufmerksamkeit sucht der, der sie nötig hat.

Aber das ist ja gerade die Strategie der AfD, dass sie sich immer wieder, wenn es sein muss auch über Skandale, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Böse gefragt: Unterstützt man mit Aktionen wie den euren nicht noch, dass rechtspopulistische Parteien Aufmerksamkeit bekommen? Da muss ich gegen fragen: Was kann man sonst tun? Dass sogar Skandale der AfD etwas zu bringen scheinen, sehe ich als ein Zeichen dafür, wie wenig die meisten, die denen hinterherrennen, nachdenken, und wie egal es ihnen ist, dass Gewalttäter und Nazis in dieser Partei sitzen. Die AfD zu ignorieren klappt nicht, denn es gibt genug, die die gut finden, weil sie sich mit den Inhalten nicht wirklich auseinandersetzen. Das einzige „Argument“, das beispielsweise immer von AfD-Fans unter unseren Posts landet, ist: „Wenn der IS in Deutschland regiert, baumelt ihr Transen als erstes.“

Versucht ihr, auf so etwas mit rationalen Argumenten zu reagieren? Unser Credo ist: mit Charme gegen Beschimpfungen. Es ist tatsächlich selten, dass wir echte Argumentationen zu lesen kriegen. Meistens lesen wir Dinge wie „ihr gehört aufgehängt“ oder „euch hätte man vergast“, das gibt es öfters. Ich habe keine Zeit dafür, darauf zu antworten. Was aber gut funktioniert: wenn zum Beispiel ein Troll schreibt, wie wir so dumm sein können, zu antworten: „Ach mein Kätzchen, was biste denn so aggro, komm doch mal runter, dann reden wir drüber!“ Damit können die gar nicht umgehen.

Kann man von einem Online-Shitstorm von rechts gegen euer Projekt sprechen? Würde ich so nicht sagen. Es kommt auf die Seite und den Kontext an, in dem unsere Bilder veröffentlicht werden. Auf unserer eigenen Facebook-Page wird etwa oft etwas geschrieben, das erst mal wie ein Angriff klingt, aber eine durchaus gute Diskussion nach sich zieht. Dann gibt es wieder Posts, wo man sich fragt, benutzen die Leute ihre Augen beim Lesen nicht oder sind sie einfach dumm? Mein Lieblings-Beitrag bisher war der einer Frau, die mich für Conchita Wurst gehalten und sich darüber echauffiert hat, warum sich da jetzt eine Österreicherin in den deutschen Wahlkampf einmischt.

Löscht ihr Sachen, die bei euch gepostet werden? Manche Kommentare bewusst stehen zu lassen, könnte ja auch eine Gelegenheit sein, zu zeigen, wo ein gewisses Denken hinführen kann. Es kommt vor, dass wir etwas löschen, wenn es unter die Gürtellinie geht. Das sprechen wir immer in der Gruppe ab. Einzelne User blocken wir auch. Einmal hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass eine Person bei uns unter drei verschiedenen Accounts geschrieben hat. Das sind Leute, die ganz klar völkisches Gedankengut haben und oft Fake-Profilnamen verwenden wie Brecher oder Reisser, die etwas Martialisches an sich haben. Natürlich könnte man manches stehen lassen, als entlarvendes Beispiel für die Gewalt, die hinter dem Denken oder den AnhängerInnen dieser Positionen steckt. Andererseits möchte ich das nicht immer und immer wieder lesen müssen. Und man muss auch an die denken, die im Internet still mitlesen, von solchen Kommentaren aber sehr betroffen sein können.

Du stehst mit deinem Gesicht für die Kampagne und setzt dich Angriffen im Internet damit auch aus. Das muss man sich erstmal trauen ... Ich hatte immer mit dem Bild zu kämpfen, das Leute von mir haben. Schon als ich klein war, war ich der „komische Homo vom Land“. Und wenn ich heute rausgehe, kriege ich auch manchmal blöde Dinge zu hören. Ich weiß aber, dass es ziemlich cool ist, was ich mache, dass das ein Teil von mir ist, und ich bin fein damit. Natürlich sind Aussagen auf Facebook wie „du sollst eine Kugel in den Kopf kriegen“ oder „du gehört vergast“ extrem krass. Wo ich denke, wie kann man derart tiefsitzenden, unbegründeten Hass empfinden? Ermutigend ist, dass wir auch unglaublich positives Feedback auf unsere Aktionen bekommen. Leute, die ich noch nie gesehen habe, umarmen mich im Club oder auf der Straße, weil sie sich so darüber freuen.

Was habt ihr als nächstes vor? Wir haben Termine mit einer Rabbinerin und einer Imanin hier in Berlin, mit denen wir uns unterhalten wollen. Wir planen eine Soli-Veranstaltung, um unsere nächsten Plakate zu finanzieren, und eine Bar zur Bundestagswahl, wo wir uns gemeinsam die Wahlergebnisse angucken und diskutieren. Außerdem überlegen wir, in Dialog mit Politikern zu gehen. Dabei wollen wir mit keiner Partei speziell sympathisieren – ganz klar sympathisieren wir aber mit einer bestimmten Partei nicht! Ich denke, das ist dir schon aufgefallen.

Interview: Franziska Schulteß

Soli-Schnaps für die TfD - Travestie für Deutschland
15. September ab 23 Uhr, SchwuZ
https://www.facebook.com/events/2056526304578363/?acontext=%7B%22action_history%22%3A%22null%22%7Dhttps://www.facebook.com/events/2056526304578363/?acontext=%7B%22action_history%22%3A%22null%22%7D

Die TfD Wahl-Bar
24. September, 16 Uhr, Ludwig
https://www.facebook.com/events/117152508987412/?acontext=%7B%22action_history%22%3A%22null%22%7D



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