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Kommentar

Fickt endlich weiter! Die PrEP als historische Chance

Die Aids-Krise hatte auch ein Erstarken der Sexualmoral zufolge! Für Trümmertunte Fabienne du Neckar bietet die PrEP eine erneute Chance auf eine Befreiung schwuler Sexualität

Fabienne du Neckar © Matthes von Bieberstein

12.09.17 – Der schwule Schriftsteller Ronald M. Schernikau veröffentlichte in der SIEGESSÄULE vom November 1984 einen Aufruf, den er mit den denkwürdigen Worten „Fickt weiter!“ überschrieb. Er befürchtete darin zu Beginn der Aids-Krise zu Recht das Erstarken der Sexualmoral im schwulen Sex, während von schwulen Aids-Gruppen in einer Sprache zum Safer Sex aufgerufen wurde, die für moralisierende VerfechterInnen der Monogamie mindestens anschlussfähig war. Ein Rückzug vom schwulen Sex kam für Schernikau nicht infrage. Und schwuler Sex meint hier: eine spezifische sexuelle Kultur von Schwulen, die sich durch Lustbetontheit, Promiskuität und programmatische Zwecklosigkeit auszeichnet.

Was Schernikau befürchtet hat, ist eingetreten. In unseren sexuellen Kontakten spielt seitdem Moral eine große Rolle und zwar meist in Gestalt des (an- oder abwesenden) Gummis, das nicht einfach nur die Bedeutung hat, eine HIV-Infektion zu verhindern, sondern darüber hinaus symbolisch aufgeladen wird. Kombitherapie und Schutz durch Therapie haben daran wenig geändert.

Der Soziologe Michael Bochow vertritt daher die These, dem Gummi komme für schwule Männer eine immense Bedeutung im Umgang mit ihrem historischen Trauma zu. Über seine tatsächlich zentrale Bedeutung in der HIV-Prävention hinaus benutzten Schwule, so Bochow, das Gummi als sichtbares Zeichen für „verantwortliches Sexualverhalten“. Dahinter stehe die Hoffnung auf einen symbolischen Tauschhandel: Der Schwule bietet die im Gummi symbolisierte moralische Eindämmung seiner sowohl von ihm selbst als auch von der heterosexuellen Mehrheit als destruktiv phantasierten Sexualität an und erhofft sich im Gegenzug nicht in Lager getrieben oder totgeschlagen zu werden.

Die Wirksamkeit der PrEP ist nun seit mehreren Jahren bekannt. Ich will sie dennoch nicht als mythisches Allheilkraut bejubeln. Sie ist ein neues Mittel unter mehreren, die es ermöglichen, negativ zu bleiben. Aber: Wir haben heute durch die PrEP die historische Chance, dort anzuknüpfen, wo Schernikau sich geweigert hat zu resignieren. Ergo: weiterzuficken im emphatischen Sinne einer fröhlichen sexuellen Zwecklosigkeit. Der Aktivist John Byrne hat einen zentralen Aspekt der Bedeutung von PrEP für Schwule äußerst präzise getroffen: Sie ermöglicht, uns gegenseitig nicht mehr länger primär als potenzielle Virenträger wahrzunehmen. Zweitens aber bedeutet die PrEP einen nicht zu unterschätzenden Autonomiegewinn für Männer (und alle anderen), die sich ficken lassen – einen Autonomiegewinn, der demjenigen der Antibabypille für heterosexuelle Frauen entspricht. Mit der PrEP haben es Gefickte selbst in der Hand, sich zu schützen. Also: Fickt endlich weiter!

Fabienne du Neckar

Einen Kommentar zur PrEP, der eher auf Probleme der PrEP hinweist, findet ihr hier: Allheilmittel PrEP? (von Dr. Martin Viehweger)



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