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Kommentar

Allheilmittel PrEP?

Dr. Martin Viehweger versucht sich als Pro-PrEP-Advokat im Zusammenspiel mit der allgemeinen Stellungnahme der dägna in einem Kontrabeitrag und weist auf Probleme der PrEP hin

Dr. Martin Viehweger

13.09.17 – Aufklärung über Wirkung, Nutzen, Nebenwirkungen, Interaktionen mit anderen Medikamenten und Drogen ist wichtig, um für eine verantwortungsvolle Einnahme zu sorgen. Die Grenzen der PrEP sind nicht bekannt, wenn nach Sex mit mehreren TeilnehmerInnen ohne Kondom oder nach einer Fist-Session ohne Handschuhe Schleimhautverletzungen rektal deutlich zugenommen haben. Nach aktuellem Kenntnisstand scheint die PrEP auch hier zu schützen. Aber auch bei PrEP on Demand? Oder wenn man sich entscheidet, nur sechs von sieben Tabletten pro Woche zu nehmen? Dies ist kein Aufruf zur Tablettenreduktion, sondern zeigt gängige Praktiken: Oft werden Tabletten reduziert, um Geld zu sparen oder aus anderen Gründen. Eine PrEP kann versagen, so wie ein Kondom reißen kann. Es wird keinen absoluten Schutz geben. Und die Schwierigkeit besteht darin, auf der einen Seite Aufklärung auszuhalten und zuzulassen, aber auch Spaß an der eigenen Sexualität zu haben und Grenzen überschreiten zu dürfen.

Schutz besteht vor HIV allein, nicht vor Hepatitis C oder B und nicht vor anderen Schmierinfektionen (STDs) wie Syphilis, Gonokokken und etlichen mehr. Kondome selbst bieten keinen kompletten Schutz vor STDs, können eine Übertragung dieser aber reduzieren. Aktuell scheint sich ein dreimonatiger Check auf Nebenwirkungen und STDs zu etablieren. Widersprüchlich hier sind unterschiedliche Stimmen unterschiedlicher Communitys, welche teilweise einen rasanten Anstieg von STDs seit Einführung der PrEP verzeichnen und solche, bei denen die Anzahl stabil blieb.

PrEP on Demand wird unterschiedlich propagiert und verunsichert die User: AktivistInnen sagen, die Einnahme von zwei Truvada vier bis sechs Stunden vor dem penetrativen Verkehr sei ausreichend. Andere Studien verdeutlichen die Notwendigkeit eines stabilen Wirkspiegels im Blut. Die tägliche Einnahme ist der PrEP on Demand aus Effektivität vorzuziehen. Die regelmäßige, tägliche Einnahme sorgt für den Erhalt eines wirksamen Medikamentenspiegels im Blut zum lückenlosen Schutz. Ein reduzierter Wirkspiegel erhöht das Risiko einer HIV-Infektion, damit das Risiko, andere zu infizieren und der Entwicklung von Resistenzen.

Die Beschaffung der PrEP in Deutschland ist aktuell ein Problem: Die Kosten des Generikums betragen noch immer circa 650 Euro pro Packung/Monat und die Beschaffung aus dem Ausland ist problematisch. Außerdem tauchen neue Stigmatisierungen und Vorurteile auf. Die Bezeichnung „PrEP-Whore“ wird benutzt, um die eigene Kondomnutzung zu rechtfertigen, besonders in einer Subkultur von Barebackern, welche wiederum die Kondomnutzung verurteilt. Nicht nur, dass „Whore“ in diesem diskriminierenden Kontext einen gesellschaftlich zu akzeptierenden Berufsstatus diskreditiert – diese fundamentalen, prohibitiven Einstellungen limitieren die Möglichkeiten einer Community, die im Grunde um Liberalisierung kämpft.

Die PrEP gehört eingebettet in ein Gesamtkonzept der Prävention. Mit Strategien zur vermehrten HIV-Testung, Beratung, Betreuung. Dazu gehört auch auf eine mögliche Veränderung der eigenen sexuellen Kultur hinzuweisen. Man sollte sich vor Start über die eigene sexuelle Identität klar werden, um Risiken vorzubeugen oder sich zumindest über eventuelle Konsequenzen bewusst zu sein.

Dr. Martin Viehweger

Eine weiteren Kommentar zur PrEP, der eine deutliche Pro-PrEP-Perspektive einnimmt, findet ihr hier: Fickt endlich weiter! Die PrEP als historische Chance (von Fabienne du Neckar)



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