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40 Jahre SchwuZ

Matthias Frings über das SchwuZ in der Hasenheide: „Helles Köpfchen und Arsch in der Hose“

Von 1987 bis 1995 war eine Fabriketage im vierten Stock der Hasenheide 54 die Heimat des SchwuZ. Schriftsteller und Moderator Matthias Frings über eine legendäre Phase der SchwuZ-Historie

Matthis Frings vor dem ehemaligen SchwuZ in der Hasenheide © Matthias Hamann / matthiashamann.net

17.09.17 – In der 80ern war die Planung unseres Samstagabends ganz leicht: Sorgfältig unangezogen gingen wir ins SchwuZ, keinesfalls vor Mitternacht, Küsschen hier, Küsschen da, saufen, tanzen, kiffen, ficken. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Wahrscheinlich die unterschätzteste Großtat des SchwuZ: Es hat ganzen Generationen von jungen Männern den Weg ins Coming-out geebnet. Nicht kommerziell, also billig, und man musste keine Tür überwinden – nur sich selbst. Jeden Samstagabend nahm das SchwuZ das Wort Schwulenbewegung wörtlich und tanzte.

Unter der Woche zeigte der attraktiv vergammelte Fabrikraum seine andere Seite. Man hatte immer schon ein helles Köpfchen und einen Arsch in der Hose. Aus den 70ern blieb der politische Anspruch, aber nun wurde Politik zum Projekt. Kein Wunder also, dass sich hier die SIEGESSÄULE ansiedelte. Theaterleute wie die Teufelsberger und Cora Frost probten hier, es gab die legendären Trashshows der Berliner Trümmertunten, von denen viele – typisch SchwuZ – für die Gründung des Pflegedienstes HIV e. V. sorgten. Auch ich absolvierte vor Ort mit der monatlichen Talkshow „Talk-SchwuZ“ meine ersten Moderationen. Man wollte reden und meistens war es rappelvoll. Ralf König und Georg Uecker, Thomas Hermanns, Georgette Dee und Sandra Maischberger waren da. Charlotte von Mahlsdorf sprach mit der Berliner Sozialsenatorin, Rosenstolz traten auf, die Rainbirds, und Napoleon Seyfarth zeigte seinen Sarg und schob sich Dildos hinten rein. Geheimes Subthema war das alles beherrschende Thema HIV – ansehnlich verpackt. Bezahlt wurde die Show von der Berliner Aids-Hilfe.

Schon der Name sagte es: Schwulenzentrum. Die Beschränkung auf schwule Männer engte das Unterfangen zwar ein, vor allem in der Theorie, sie kostete Allianzen, dafür aber war die Praxis viel leichter und klarer zu handhaben. Das geht heute nicht mehr. Gut so. Eine Frage, die das SchwuZ wird beantworten müssen: Was und wen genau meint das Wörtchen „queer“? Mein Wunsch: Es soll streitbar bleiben, nicht streitlustig, idealistisch, aber nicht ideologisch. Und es soll beides behalten – das helle Köpfchen und den Arsch in der Hose. Oder im Rock.

Matthias Frings



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