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40 Jahre SchwuZ

Modeopfer/Camelia Light über das SchwuZ am Mehringdamm: „Transenstammtisch auf der Baustelle“

Von 1995 bis 2013 war das SchwuZ im Keller des Hauses Mehringdamm 61 ansässig. Modeopfer/Camelia Light schaut zurück auf eine Zeit, die den Grundstein für das SchwuZ legte, wie wir es heute kennen

Modeopfer aka Camelia Light © Matthias Hamann / matthiashamann.net

20.09.17 – Ich bin ganz einfach über die Tuntenschiene als begeisterte Anfängerin aus der Provinz ins Mehringdamm-SchwuZ gefallen und landete beim Tunten- und Transen-Stammtisch. Ja, das gab’s damals schon. Donnerstags abends in den 90ern saßen wir dabei auf einer sich entwickelnden Baustelle. Eine illustre Gesellschaft aus trans* Personen und kreischenden Jungtunten. Wir tranken Jutetee und erfanden das Ensemble Café Transler (Tilly, Gaby, Debra, Chou und Camelia!), während sich das SchwuZ langsam aus ursprünglich einem einzigen Raum, der Tresen, Aufenthaltsraum und Tanzfläche war, herausschälte.

Nach den glorreichen sogenannten Baustellenbars, wo die Gläser mangels Wasseranschluss auf einem alten Schlachttresen mit Bottich von unbezahlten, aber sensibel geschminkten Jungtunten wie Vera T. nächtelang gewaschen wurden, standen der Theaterraum und unsere Bühne. Open Stage! Überhaupt war das damals alles wie beim Schauen eines Fellini-Films: Man beobachtete, rieb sich morgens die Augen, fragte sich, welche Szene wohl als nächstes käme und was der Regisseur damit meinen könnte.

Aus Disconacht mit Rest-Anarchie der 80er wurde bemühte Professionalität. Musikangebote mit Zielgruppenansprache, Fremdveranstaltungen („CockerParty“, „L-tunes“) und hauseigene Formate („Candy Club“, „Madonnamania“, „Bump!“) wuchsen. Obendrein Geldnot, Umgestaltung, die „SchwuZ on the road“-Phase – das Schwulenzentrum am Mehringdamm wuchs daran und entwickelte sich kontinuierlich. Das Publikum des Clubs, der zwar schon immer offen für alle war, bestand doch hauptsächlich aus schwulen Männern.

Die Arbeitsstrukturen waren für Menschen offen, die sich nach ihren Qualitäten einbringen konnten und dafür respektiert und gewertschätzt wurden. Entspannte Zusammenarbeit mit Plenum, Mitspracherecht und einem guten Gefühl für ehrliche Mitarbeit, ein Mitnehmen des Einzelnen.

Diese Vorzüge wünsche ich mir für meine ExkollegInnen auch weiterhin. Den Menschen, die sich heute der Verantwortung und Leitung eines doch beachtlich gewachsenen Unternehmens stellen, wünsche ich Um- und Weitsicht sowie Sensibilität in der Gestaltung ihrer Visionen.

Modeopfer/Camelia Light



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