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ROSA OKTOBERFEST

Das Oktoberfest – nur heteronormative Spießigkeit und Saufzwang?

Die Münchner Wiesn, verschrien als Orgie der heteronormativen Volksbelustigung und des Alkoholtourismus ... Dabei bietet das Fest vier große schwul-lesbische Veranstaltungen an. SIEGESSÄULE-Redakteurin Annabelle Georgen war letztes Jahr dabei

Tradition: Der Gay Sunday am ersten Sonntag der Wiesn im Bräurosl-Zelt © Annabelle Georgen

16.09.17 - Ein Fest der heteronormativen Spießigkeit, des bayerischen Kitsches und des Alkoholtourismus? Nach ein paar Maß wird man das ganz anders sehen. Die Münchner Wiesn bietet mittlerweile vier große schwul-lesbische Veranstaltungen an. Ein Besuch lohnt sich, selbst für BerlinerInnen, die auf den ersten Blick mit bayerischer Gemütlichkeit nichts anfangen können! SIEGESSÄULE-Redakteurin Annabelle Georgen war letztes Jahr dabei.

„Wer hat Lust auf eine Sauftour nach München?“ Diese Frage habe ich früher lieber nicht in meinem Freundeskreis gestellt, um mir das garantiert folgende Bayern-Bashing nicht anhören zu müssen. Als Französin konnte ich diese Aversion der BerlinerInnen ohnehin nie nachvollziehen. Ja, alle laufen in Tracht herum. Ja, die Zelte sind überfüllt, drin ist es wahnsinnig warm und laut, es wird wild geflirtet und gejodelt, die Leute betrinken sich massiv und führen ihre Gespräche beim Kotzen einfach weiter. Manchmal fliegen sogar Maßkrüge über die Biertische (42 sogenannte Maßkrugschlägereien gab es letztes Jahr auf der Wiesn).
Deshalb aber das Oktoberfest auf eine blöde kollektive Sauferei zu reduzieren wäre unfair. Denn wer es schafft, einen begehrten Platz auf einer der schmalen Bierbänke zu ergattern, gehört automatisch zur Runde von unbekannten, lächelnden, roten Gesichtern dazu, die am Tisch sitzt und plaudert. Das Bier hilft sicher dabei, das rituelle Anstoßen auch. Es ist aber vor allem die einzigartige und euphorische Atmosphäre, die im Zelt herrscht, die jedes Jahr Millionen von MünchnerInnen und TouristInnen anzieht – darunter sicher auch einige abenteuerlustige BerlinerInnen!
Für LGBTI wird einiges geboten: Auf dem Oktoberfest steigen vier große schwul-lesbische Events. Traditionell wird die „Rosa Wiesn“ jedes Jahr am ersten Sonntag mit dem legendären „Gay Sunday“ im Bräurosl eröffnet. Der Bierausschank beginnt schon um 9:00! Wer sich um diese Zeit eher einen gemütlichen Sonntagsbrunch wünscht, sollte im kleinen queeren Café Glück vorbeischauen. Das Lokal befindet sich in einer noch ruhigen Ecke vom Glockenbach, dem historischen, mittlerweile durchgentrifizierten Münchner Homo-Kiez. Wer keinen Tisch gebucht hat, sollte aber lieber früh zum Fest gehen, denn die Veranstaltung ist eines der Highlights auf dem Oktoberfest und daher regelmäßig überfüllt.
Auf der Wiesn ist die Lederhose ein „Must-have“ bei Männern, doch nicht minder beliebt bei Lesben, auch wenn das Dirndl das dominante Element der Oktoberfest-Frauen bleibt. Wer bayerische Folklore mag, sollte einen der energiegeladenen Auftritte der schwulen Tanzgruppe D’Schwuhplattler auf der Wiesn nicht verpassen! Getanzt wird aber auch abseits der Bühne ohne Ende – die Musik reicht  von Volksmusik bis hin zu alten Discohits und mehr als 6.000 Feierlustige stehen dabei stundenlang auf den Bänken. Außerdem wird ordentlich geknutscht und geflirtet. Wer Lust auf mehr hat (das Zelt schließt um 23:30), kann die Party im Stadtzentrum in einer der schwulen Kneipen rund um den Gärtnerplatz (Prosecco Bar, Jenny was a friend of mine) fortsetzen. Besonders magisch klingen die Nächte im arty, queerfriendly Electroclub Tam Tam Tanzlokal. Sexpartys gibt es auch, wie zum Beispiel die berühmte „Löwen-Nacht“ im Club UnderGround. Wer nicht genug bekommt, kann am nächsten Tag gleich wieder ins Bierzelt pilgern, denn die Bräurosl beherbergt dieses Jahr zum ersten Mal den „RoslMontag“, ab 15:00 im Biergarten (rechts vom Haupteingang) und im hinteren Teil vom Bierzelt (unter dem Balkon).
Weitere Highlights der „Rosa Wiesn“ sind die „Prosecco-Wiesn“ am zweiten Montag des Oktoberfests ab 13:00 im feinen Fischer Vroni, eines der kleinsten Zelte auf der Wiesn (3.300 Sitzplätze), das wegen seines Steckerlfischs und seiner Gemütlichkeit besonders beliebt ist, und der „Schwule Wiesn-Ausklang“ am letzten Tag des Fests ab 13:00 im Schottenhamel-Zelt, das generell ein junges Publikum zieht. Wer diese vier Veranstaltungen übersteht, wird auf dem Heimweg nach Berlin bestimmt nicht nur das bayerische Bier vermissen.

Annabelle Georgen

Oktoberfest,
16.09.–08.10.
Theresienwiese,
Bavariaring,
München

Gay Sunday,
17.09., ab 9:00
Bräurosl-Zelt

RoslMontag,
18.09., ab 15:00
Bräurosl-Zelt

Prosecco-Wiesn,
25.09., ab 13:00
Fischer-Vroni-Zelt

Schwuler Wiesn-Ausklang,
03.10., ab 13:00
Schottenhamel-Zelt

oktoberfest.de

rosawiesn.de

schwuhplattler.de



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