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Reportage

Volle Dröhnung: Der Drogenkonsum in der Berliner Szene

Queere Menschen greifen häufiger zu Drogen. Wir gehen der Frage nach wie die Berliner Community mit Drogenkonsum und Sucht umgeht

© Stefan Fähler

28.09.17 – Ohne Drogen läuft in Berlin nichts. In der queeren Community sind Alkohol und illegalisierte Substanzen der Kitt, der nicht nur das Nachtleben zusammenhält. Die unbequeme Wahrheit: Queers greifen häufiger zu Drogen als ihre heterosexuellen Mitmenschen. Dafür gibt es viele Gründe: Diskriminierungserfahrung, Missbrauch und Stress sind nur einige. Doch auch Neugier und Lust spielen eine Rolle. Eine offene und ehrliche Diskussion darüber findet allerdings nicht statt. Wie gehen wir also mit Drogenkonsum und Sucht um?, fragt sich deshalb Ronny Matthes

Zwischen Awareness und Stigmatisierung

Es gibt gute Gründe für den Rausch: Die Freude und das Glücksgefühl, das sich einstellt, die Offenheit und Hemmungslosigkeit sind vielen Menschen seit Jahrtausenden Bedürfnis. Doch wie gehen wir damit um, wenn Personen in unserem Umfeld die Kontrolle verlieren? Oftmals stellt sich dann heraus, dass queere Solidarität und die viel beschworene Gemeinschaft nur leere Phrasen sind. Zu gerne schauen wir zu lange weg. Zwar gibt es mit Initiativen wie „Ich weiß, was ich tu“ (IWWIT) Aufklärungsangebote für die (schwule) Szene, die Drogengebrauch weder verharmlosen noch dämonisieren. Und auch die Drugchecking-Initiative Berlin-Brandenburg, der unter anderem die Schwulenberatung angehört, leistet wertvolle Arbeit auf dem Feld der Konsumkompetenz und Drogenmündigkeit. Doch diese Angebote können nicht alle Queers erreichen – und gerade queere Menschen sind es, die besonders anfällig für Substanzgebrauch und Suchterkrankungen sind.

Nüchterne Fakten – tief liegende Ursachen

Wir sprachen mit der Diplom-Psychologin Dr. Gisela Wolf, die am 25. Oktober im Rahmen der Hirschfeld-Lectures zum Thema „Queers und Substanzgebrauch“ im Wilde Oscar referiert, über die Gründe dafür. „Queere Menschen weisen insgesamt relativ häufig einen schädlichen Substanzgebrauch auf“, stellt sie fest. Alle größeren Untersuchungen kämen zu diesem Schluss. „Das Problem ist, dass es leider gleichzeitig homo- und trans*feindliche Personen gibt, die eine undifferenzierte Verknüpfung von Homosexualität beziehungsweise Gender-Nonkonformität und Sucht vornehmen und dann diese Verknüpfung nutzen, um queere Menschen abzuwerten.“

So versuchten etwa evangelikale Rechte einen kausalen Zusammenhang zwischen Schwulsein und Sucht herzustellen, um damit dann schwule Männer stigmatisieren zu können. Die tatsächlichen Gründe für den häufigeren Drogenkonsum von Queers lassen diese Gruppen außer Acht. „Letztendlich liegt es an dem Minoritätenstress“, erklärt Gisela Wolf. Queere Jugendliche würden deutlich häufiger schikaniert, vor allem wenn sie gender-nonkonform auftreten. „Wir wissen aus der Traumaforschung, dass Menschen, die häufiger Gewalt ausgesetzt sind, auch eher zu Substanzen greifen, um die Folgen zu betäuben.“ Das setze sich dann durch alle Lebensalter fort. „Insbesondere begrenzte Zukunftserwartungen spielen eine Rolle, zum Beispiel wenn queere Menschen so sozialisiert werden, dass sie denken, sie könnten keine Familien aufbauen oder sich keine Zukunft schaffen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen konsumieren, deutlich höher.“

Wer ist besonders anfällig?

Berlins Ruf als queere Metropole, in der besonders frei und ausgelassen gefeiert wird, wirkt auf viele Menschen anziehend. Vor allem unter Expats und kreativen Queers könnte es einen liberaleren Umgang mit Drogen geben, vermutet Gisela Wolf. Zwar gebe es keine Studien zum Drogenkonsum queerer KünstlerInnen, aber den existierenden Modellen für Substanzgebrauch nach zu urteilen, sei eine „erhöhte Prävalenz“, also eine Häufung, wahrscheinlich: „Wir haben es bei der queeren Kunstszene mit einer umgrenzten Community zu tun, in der ein relativ hoher Substanzgebrauch herrschen könnte, einfach weil die ProtagonistInnen diesem sehr affirmativ gegenüberstehen.“

Repressiver Umgang mit Substanzen passt nicht in ein herrschaftskritisches, nonkonformes Weltbild. Und das gilt nicht nur für Kreative, sondern auch für etliche andere LGBTIs, die den Konsum von Drogen aller Art als Bestandteil ihrer hart erkämpften Libertinage begreifen. Auch Gisela Wolf warnt hier vor Pauschalisierungen: „Die KünstlerInnen-Community hat zwar eine höhere Duldung für einen höheren Substanzgebrauch, aber auch da gibt es eine Decke, durch die man nicht stoßen darf, ohne riskieren zu müssen, stigmatisiert zu werden. Es gibt jedoch auch andere berufliche Kontexte, in denen sehr viel konsumiert wird, zum Beispiel auf dem Bau. Das ist tatsächlich etwas, was in der queeren Community kaum thematisiert wird, aber es gibt natürlich auch queere Menschen, die auf dem Bau arbeiten – und das ist auch so ein Kontext, der einen hohen Substanzgebrauch bis zu einer gewissen Grenze unterstützt, fördert und toleriert.“

Alkohol, du böser Geist

Das Bier gehört auf die Baustelle wie der Sekt an den Schminktisch. Über Alkohol in der Szene wird kaum geredet. Trinken gehört dazu – zum Feiern, Entspannen und Geselligsein. Für einige wird es aber irgendwann zu viel: Gaby Tupper war schon in der Berliner Dragszene unterwegs, als diese noch nicht mal Dragszene hieß. Wie so viele kam sie in die Hauptstadt und blieb hier hängen, wie sie sagt. Das war 1996. Ans Berliner Nachtleben gewöhnte sie sich schnell. Das SchwuZ – damals noch am Mehringdamm – wurde zur festen Anlaufstelle. Dort fingen die Probleme mit dem Alkohol an: „Beim ehrenamtlichen Arbeiten konnte man trinken, was man wollte. Für die Shows wurde man nicht bezahlt, dafür gab es im Backstage Getränke. Dass es dann zu viel wurde, war ein schleichender Prozess“, erinnert sie sich.

Um das Jahr 2000 herum realisierte Gaby, dass sie sich bestimmte Situationen ohne Alkohol nicht vorstellen konnte – der Sekt gehörte zum Schminken vor der Show genauso dazu wie auf und hinter der Bühne. Zwei gute Freunde konfrontierten sie dann mit ihrem hohen Alkoholkonsum. „Das war für mich die äußere Bestätigung von dem, was ich eigentlich innerlich schon lange wusste“ – die Konsequenz war ein dreimonatiger Aufenthalt in einer Entzugsklinik.

Heute ist Gaby seit drei Jahren trocken. Dass sie das ohne Rückfall schafft, führt sie unter anderem auf die große Unterstützung im Freundes- und Bekanntenkreis zurück: „Ich bin von Anfang an sehr offen mit meiner Sucht umgegangen. Viele Leute wissen das einfach. Dementsprechend habe ich ein bisschen Außenkontrolle. Ich kann mir gar nicht irgendwo einen Sekt bestellen ohne Gefahr zu laufen, dass irgendjemand das mitkriegt und mich drauf anspricht.“ Ein großes Glück, das nicht alle haben.

Queere (Hilfs-)Gemeinschaft

Für Amanda* begann die Abhängigkeit ebenfalls im künstlerischen Umfeld. Die Sängerin wusste früh, dass es ohne Alkohol nicht mehr ging. Mit 24 stellte sie fest, dass das Trinken zum Problem geworden war. Sie versuchte selbst, trocken zu bleiben, schaffte es aber nie länger als ein paar Wochen. Es brauchte sechs weitere Jahre, bis sie Hilfe suchte – bei der LGBTI-Gruppe der Anonymen Alkoholiker (AA) in Berlin. Dort spricht sie zwei- bis dreimal die Woche mit anderen queeren Betroffenen über die Sucht: „Am Anfang dachte ich, es liegt daran, dass ich Sängerin bin. Niemand guckt mich schief an, wenn ich ein paar Gläser Wein trinke, bevor ich auf die Bühne gehe. Aber als ich bei den AA-Treffen mit anderen Leuten sprach, hörte ich die gleiche Story: ,Für uns Anwälte ist es so schwer, immer gibt es Alkohol und so was. Wenn du TrinkerIn bist, baust du dir dein Leben um den Alkohol herum, egal was du arbeitest.“

Neben den AA-Gruppen gibt es natürlich auch für KonsumentInnen anderer Substanzen queere Hilfs- und Diskussionsangebote. So startete die Veranstaltungsreihe „Let’s Talk About Sex and Drugs“ den Versuch, offen und vorurteilsfrei über Chemsex, HIV, Stigmatisierungen zu sprechen.

Chemsex

Die Berichterstattung in deutschsprachigen Medien zum Drogengebrauch in sexuellen Settings nahm zu, nachdem im März 2014 die britische South London Chemsex Study veröffentlicht wurde und die BBC eine Reportage zum Thema sendete. In Berlin gibt es eine lebhafte Szene von privaten Sexpartys, an denen fast ausschließlich schwule Männer teilnehmen. Neben dem kontrollierten Substanzgebrauch, um länger feiern zu können oder intensiveren Sex zu haben, hat Chemsex jedoch auch eine dunkle Seite.

„Hierzu gehört etwa das Gefühl, nicht attraktiv genug zu sein, um den Anforderungen in den schwulen Szenen zu genügen oder den Körperbildern nicht zu entsprechen, die auch von schwulen Lifestylemagazinen systematisch transportiert werden“, heißt es in einem Bericht des QUADROS-Projekts zu schwulem Sex und Drogen. „Drogen werden zum Teil auch konsumiert, weil sie eine Sexualität erst ermöglichen, die allgemein als falsch, unnatürlich und schmutzig gilt. Daran wird deutlich, wie gesellschaftliche Stigmata und Abwertungen von Homosexualität das Verhalten beeinflussen können und internalisierte Homophobie, nämlich die Scham über die eigenen sexuellen Lüste und Wünsche, entsteht.“

Andy* hat das selbst erfahren – und kennt andere, die einen ähnlichen Hintergrund haben: „Als wir jung waren, mussten wir so viel verheimlichen und viel von uns verstecken. Die Drogen helfen, unsere Hemmschwelle herabzusetzen und uns mehr Selbstbewusstsein zu geben.“ Für Andy kam der Weg in die Abhängigkeit schleichend: „Dass es sich in Richtung Chemsex entwickelt hat, das ging vor etwa drei Jahren los, als ich mit G angefangen habe.“

G/GHB/GBL ist neben Alkohol, Koks, Ketamin und Crystal Meth die am häufigsten konsumierte Substanz im sexuellen Setting. Nach den durchrauschten Nächten war Andy unter der Woche oft zu ausgelaugt, um noch soziale Kontakte zu pflegen, er vernachlässigte seine FreundInnen. Dass etwas mit ihm nicht stimmte, merkte er, als er sich Anfang des Jahres vornahm, am Wochenende mal etwas anderes zu unternehmen als Sex auf Drogen. Das klappte nicht, jedes Wochenende fand er eine neue Ausrede, um seine Pläne dem Rausch zu opfern.

Ihm dämmerte, dass er die Kontrolle verloren hatte. Er suchte Rat zuerst bei seinem Hausarzt, dann bei der Schwulenberatung, hörte mit dem G auf und begann eine Verhaltenstherapie. Dort beschäftigt er sich mit den Gründen für seine Sucht. „Ich fand es auch extrem wichtig, allen meinen Freunden davon zu erzählen. Nicht nur, damit sie wissen, warum ich so lange weg war, sondern auch damit sie wissen, was Sache ist.“ Er vermisst eine ehrliche Diskussion über die Themen Sucht und Drogenkonsum, „nicht nur im Kontext von HIV-Prävention und Gesundheitsschäden, sondern wir müssen auch über die mentalen Folgen reden.“

Eine offene Diskussion


Die Schwulenjagd von einst und die Drogenpolitik von heute haben viel gemeinsam. Drogenkonsum – wie damals schwuler Sex unter dem Paragrafen 175 – ist eine Straftat ohne Opfer. Die Annahme, dass alle zu Junkies werden, wenn Drogen erst einmal legalisiert sind, ist falsch, wie Journalist Dirk Ludigs treffend feststellt: „Als würden sich Millionen in die Selbstzerstörung stürzen wie die Lemminge, wenn man Drogen über statt unter der Ladentheke verkauft. Dabei ist das in etwa so wahr und so klug wie die Idee, Homosexualität breite sich, werde sie erst mal entkriminalisiert, durch Verführung explosionsartig aus und führe zum Aussterben der Menschheit.“ Wenn also nicht die Drogen per se das Problem sind, müssen wir offen über die Gründe für unseren Konsum reden. Das klingt einfacher, als es ist. Denn es bedeutet vor allem: in alten Wunden bohren und sie gemeinsam heilen. Wir sind vielleicht aus dem Schrank getreten, aber was darin war, tragen wir immer noch mit uns herum. Es wird Zeit, diesen Ballast abzuwerfen.   

Ronny Matthes

* Namen von der Redaktion geändert

12. Hirschfeld-Lecture: „Queers und Substanzgebrauch“,
25.10., 19:00, Wilde Oscar. Referentin: Dr. Dipl.-Psych. Gisela Wolf


„Let’s Talk About Sex and Drugs“, 05.10., 19:00, Musik und
Frieden/Baumhausbar


Hilfe und Infos unter:
iwwit.de
schwulenberatung-berlin.de
lesbenberatung-berlin.de
sonntags-club.de (der Sonntags-Club bietet eine Selbsthilfegruppe für Alkoholabhängige)
aa-lgbtqi-berlin.org (in English)



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