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Butch is beautiful: „Tom of Finland“ im Kino

Tom of Finlands Zeichnungen von hypermaskulinen Kerlen haben die schwule Subkultur geprägt. Wie es dazu kam, erzählt das Biopic „Tom of Finland“. SIEGESSÄULE-Verlegerin Manuela Kay über eine Legende

Szenenfoto aus „Tom of Finland“ (c) Joserf Persson

01.10.17 – Der schwule Lederkerl an sich ist im Grunde eine Comic-Figur. Was zunächst despektierlich klingt, ist allerdings nicht nur die volle Wahrheit, sondern auch eine tolle Geschichte. Und die wurde nun endlich verfilmt. Sie nimmt ihren Anfang nicht dort, wo es zu vermuten wäre, in schwulen Metropolen wie Berlin oder New York, sondern in der ländlichen Einöde Finnlands. Dort kehrt in den 1940er-Jahren ein junger Mann mit großem zeichnerischem Talent und noch größerer Sehnsucht nach körperlicher Nähe zu anderen Männern aus dem Zweiten Weltkrieg zurück in seine triste Welt.

Vom Krieg traumatisiert und zugleich von den vielen Begegnungen mit Männern in Uniform inspiriert flüchtet sich der Mittzwanziger in Fantasien von „perfekten“ Kerlen mit ebensolchen Körpern in aufreizenden Uniformen. Als Schwuler hat er im konservativen Finnland nichts zu lachen, ja Homosexualität ist dort bis 1971 verboten. Doch in der Fantasie des jungen Zeichners mit dem Namen Touko Laaksonen ist alles erlaubt. So zeichnet er Männer in Polizeiuniformen, in Militäruniformen oder in glänzendes Leder gehüllt, immer sehr butch, sehr maskulin, extrem kantig und muskulös, und vor allem was ihre Genitalien angeht, eher überdimensioniert.

Bis in die 60er-Jahre hinein ahnt Touko nicht, dass er eine ganze Generation von schwulen Männern so nachhaltig und stilprägend beeinflussen wird. Erst als seine Zeichnungen in den USA erscheinen und ihm 1971 den großen Durchbruch als der Erotikzeichner „Tom of Finland“ bescheren, wird klar, dieser Mann hat nicht weniger als eine schwule Revolution ausgelöst.

Wer nun erwartet, im Biopic „Tom of Finland“ viele sexy Szenen zwischen Muskeltypen in Leder zu sehen, wird enttäuscht werden. Vielmehr geht es um die absolute Einöde und Tristesse, aus der heraus Toms Fantasien und Zeichnungen entstanden. Die verklemmte, miefige Stimmung, in der ihm nur die Gedankenwelt blieb, und auch seine langjährige geheime Liebesbeziehung zu seinem Langzeitpartner Nipa sind eher das Gegenteil von den sexy Bildern, die man mit den gängigen Tom-of-Finland-Zeichnungen verbinden mag.

So kommt der Film genau wie seine Hauptfigur sehr grau und unspektakulär daher. Und damit trifft er haargenau die Atmosphäre, die unbedingt nötig war, um diese einzigartigen Männerfantasien entstehen zu lassen. Ebenso wie auch der Schöpfer der ikonischen Männerfiguren – trotz erotischem Fetisch für Leder und Uniform – so gar nicht war wie seine jederzeit sexbereiten „Über-Männer“. Und das ist die Stärke des Films, kein Voyeurismus wird hier bedient, keine grelle schwule Sexfantasie wird gezeigt, sondern der krasse Gegensatz zwischen Wunsch und Wirklichkeit im Leben vieler schwuler Männer, der damals und teilweise vielleicht auch heute noch Gültigkeit besitzt.

Dass sich eine ganze Generation von Schwulen so genau in ihrem Stil und Aussehen an Zeichnungen eines weitgehend unbekannten Finnen orientierte, diese Bilder eins zu eins für sich übernahm und das Aussehen der Figuren so detailliert imitierte, zeigt, wie wenig Bilder von schwulem Sex und schwulem Dasein es seinerzeit gab. Es zeigt auch, wie groß das Begehren nach Maskulinität und offen zur Schau gestelltem machohaftem, ja überzeichnet männlichem Gehabe war.

Die Lust am fast schon archaisch „Urmännlichen“, wie sie in den Tom-of-Finland-Zeichnungen zu finden ist, strahlt eine so große Souveränität und sexuelle Freiheit aus, dass niemand schwul, ja nicht mal männlich sein muss, um sie sexy und begehrenswert zu finden. In ihrer übertriebenen erotischen Freizügigkeit und Selbstverständlichkeit sind diese Bilder eine Offenbarung für alle, die sie sehen – um diese Faszination zu verstehen und zu spüren, muss man auch nicht auf Leder, Uniform oder Fetisch stehen.

Der Wunsch nach der Freiheit und danach, genau das auszuleben, was unmöglich und grenzenlos scheint, eine zügellose und selbstbestimmte sexuelle Freizügigkeit, die man schon am Aussehen der Beteiligten sofort erkennt, reicht, um in die Welt des Tom of Finland einzutauchen und diese Sprache zu verstehen. Genau deshalb haben Menschen auf der ganzen Welt Glanz in den Augen, sehen sie die Tom-of-Finland-Bilder. Denn sexuelle Freiheit hat – auch wenn das gerade im Zusammenhang mit dem schwulsten aller schwulen Ikonografen überraschend anmuten mag – weder eine sexuelle Orientierung noch ein klares Geschlecht. Es geht um die Lust am Wollen, darum, das Unmögliche doch auszuleben.

Manuela Kay

Tom of Finland, FIN/S/D/DK/USA 2017,
Regie: Dome Karukoski, mit Pekka Strang, Jessica Grabowsky,
ab 05.10. im Kino



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