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HIV

„HIV im Dialog“: Wo sind noch Lücken in der Prävention und Behandlung?

HIV-Neuinfektionen, Aidserkrankungen und die Diskriminierung von Menschen mit HIV/Aids sollen drastisch eingedämmt werden. Wie Berlin das erreichen kann, wird beim Kongress „HIV im Dialog“ verhandelt

Christoph Weber

03.10.17 – Im vergangenen Jahr wurde Berlin Teil des von UNAIDS ins Leben gerufenen Städtenetzwerkes „Fast-Track Cities“: Über 50 Metropolen haben sich zum Ziel gesetzt, mit besonderen Maßnahmen HIV-Neuinfektionen, Aidserkrankungen und die Diskriminierung von Menschen mit HIV/Aids drastisch einzudämmen. Wie Berlin dieser Selbstverpflichtung gerecht werden kann, steht im Zentrum des diesjährigen Kongresses „HIV im Dialog“ am 6. und 7. Oktober. Christoph Weber, HIV-Mediziner und Mitinitiator der zweitägigen Tagung im Roten Rathaus, über die Chancen und Herausforderungen für die „Fast-Track City Berlin“

90-90-90 – Dahinter verbirgt sich das globale Ziel von UNAIDS, dem HIV/Aids-Projekt der Vereinten Nationen: Bis 2020 sollen 90 Prozent der HIV-Infizierten ihren Status kennen, von diesen sollen 90 Prozent eine antiretrovirale Therapie erhalten und von denen wiederum 90 Prozent aufgrund der Behandlung nicht mehr infektiös sein. Wie weit sind wir in Berlin von den Zielen noch entfernt? Wir gehen von einer recht guten Startposition aus. Die letzten exakten Zahlen sind von 2015. Damals wussten 89 Prozent der HIV-Positiven bereits um ihre Infektion und 85 Prozent erhielten eine HIV-Therapie. Dies dürften heute bereits mehr sein, da die neuen Behandlungsleitlinien empfehlen, sofort nach dem positiven Testergebnis mit der HIV-Therapie zu beginnen. Bei wie vielen der HIV-positiven Berliner die Viruslast bereits unter der Nachweisgrenze liegt und sie also nicht mehr infektiös sind, gibt es derzeit keine greifbaren Daten. Im Bundesdurchschnitt liegen wir bei 93 Prozent.

Berlin hat die 90-90-90-Ziele also schon fast erreicht. Das ist richtig. Allerdings peilen die Fast-Track Cities bereits die nächste Etappe an, nämlich 95-95-95 bis 2030. Es geht für uns also darum, diesen zweiten Schritt bereits mitzudenken.

Welche Lücken in der Prävention und in der Behandlung gibt es noch? Wir müssen zum einen sowohl die Zahl der Neuinfektionen reduzieren als auch die Zahl jener Menschen, deren HIV-Infektion erst dann entdeckt wird, wenn sie bereits an Aids erkrankt sind. Es gilt also, die Primärprävention zu verbessern und beispielsweise auch die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) mit einzubeziehen. Zum anderen wird es darum gehen, jene Gruppen besser zu erreichen, die in Deutschland besonders gefährdet sind. Das sind zum Beispiel die migrantischen Communitys, in denen derzeit die Neuinfektionen sichtbar ansteigen. Dies bedeutet: die Präventionsbotschaften kommen in diesen Gruppen nicht ausreichend an. Wir müssen also viel stärker auf sie zugehen und mit ihnen zusammen passende Präventionskonzepte entwickeln, wie etwa die Aufklärung von Menschen aus der Community für die Community. Auch für Menschen mit Fluchterfahrungen wird man weiterhin durch spezifische Projekte einen besseren Zugang schaffen müssen. Deutliche Defizite gibt es darüber hinaus bei den Drogengebrauchern. Wir wissen aus einer Studie, dass nur 30 Prozent der Positiven unter ihnen überhaupt eine HIV-Therapie angeboten bekommen haben.

„Fast-Track City Berlin“ ist das zentrale Thema bei „HIV im Dialog“. Werden dort bereits konkrete Konzepte vorgestellt, wie diese Versorgungs- und Präventionslücken geschlossen werden können? Viel Zeit bis 2020 bleibt ja schließlich nicht mehr. Wir sehen „HIV im Dialog“ vor allem als Kick-off-Veranstaltung der Community – und unter Community verstehen wir in dem Falle unter anderem auch Ärzte und Sozialarbeiter –, um nun gemeinsam die dringendsten Fragen anzugehen. Zudem werden sich gleich drei Panels mit der PrEP beschäftigen. In einer großen Diskussionsrunde wollen wir außerdem schauen, wie sich die Verantwortlichen im Senat die Zusammenarbeit mit der Community vorstellen. Dazu haben wir unter anderen die Gesundheitssenatorin Dilek Kolat eingeladen.

Wie auch immer die Berliner Fast-Track-City-Konzepte aussehen werden – die Entscheidung darüber und die Finanzierung liegen beim Senat.
So ist es! Als der Regierende Bürgermeister im vergangenen Jahr den Beitritt Berlins zur Fast-Track-Cities-Initiative erklärte, hat sich der Senat eine Medaille ans Revers geheftet, für die er nun dringend auch etwas tun muss. Wir sind natürlich bereit, hier eng zusammenzuarbeiten, aber letztlich ist der Senat dafür verantwortlich, die richtungsweisenden Themen so zu unterstützen, dass sie überhaupt durchführbar sind. Ich denke aber, dass wir bisher auf einem ganz guten Wege sind.

Interview: Axel Schock


HIV im Dialog, 06. und 07.10.,
Rotes Rathaus

Infos und Programm unter: hiv-im-dialog.de

Der Eintritt zu den Veranstaltungen im Roten Rathaus ist frei!



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