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30. Jubiläum

„Dirty Dancing“ – kein Film für „richtige Männer“?

Zum dreißigsten Jubiläum von „Dirty Dancing“ klärt unsere SIEGESSÄULE-Kolumnistin ausgehDörte warum ihr persönlicher Coming-out-Film weit mehr als nur eine heterosexuelle Liebesschnulze ist

ausgehDörte (41) hat eine Wassermelone getragen © Alexander Heigl

08.10.17 – Der Film „Dirty Dancing“ öffnete mir die Augen. Hatten es zuvor Rollenspiele in den Abendkleidern meiner Mutter und die beinahe hysterische Faszination für „She-Ra – Princess of Power“-Puppen noch nicht geschafft, so wurde es mir nach einem Kinobesuch irgendwann im fernen Jahr 1987 unmissverständlich klar: Ich bin stockschwul.

Aber wieso half mir ausgerechnet „Dirty Dancing“, dieser ziemlich heterosexuelle Liebesfilm, bei dieser Erkenntnis? Ich fand weder Patrick Swayze geil, noch wirkte die glanzlose weibliche Hauptrolle Baby (Jennifer Grey) irgendwie anziehend auf meine nach glamourösen Diven dürstende Gefühlswelt. Die Antwort ist wohl eher in der Art und Weise zu suchen, wie dieser Film 1987 von der breiten Öffentlichkeit rezipiert wurde. Die Coming-of-Age-Tanzschnulze, deren Handlung im Sommer 1963 in einem jüdischen Urlaubsresort der Catskill Mountains angesiedelt ist, wurde vor allem als eines betrachtet – als „Frauenfilm“.

„Einen weiblichen feuchten Traum“ nannte Kritiker David Denby den Film seinerzeit despektierlich in der New York Times und verortete damit alle Menschen, die wie ich diesen Film so oft sahen, bis sie jedes Wort mitsprechen konnten, in recht sexistischer Art und Weise im Bereich des angeblich „weiblichen“ und damit emotional „weichen“. Diese Einordnung des Films – die von einem Großteil der Presse und Öffentlichkeit vorgenommen wurde – ignorierte die feministischen und emanzipatorischen Aspekte des Plots (kein stigmatisierender Umgang mit dem Thema Abtreibung, Infragestellung konservativ-sexistischer Frauenbilder, repräsentiert durch Babys Schwester Lisa u. a.) bewusst, die Kategorie „weiblich“ diente hier vor allem seiner Abwertung. Nicht unerheblich bei dieser Argumentation wog wahrscheinlich die Tatsache, dass mit Eleanor Bergstein und Linda Gottlieb als Drehbuchautorin beziehungsweise Produzentin die wesentlichen Positionen im Entstehungsprozess des Films von Frauen besetzt waren.

„Während ich im Kinosaal saß und vor mich hin grummelte, was für ein Quark der Film doch sei, lächelten um mich herum die Frauen die Leinwand an“, schrieb Denby weiter in seiner Filmkritik. Und ganz ohne Frage: Ich war eine von ihnen. Ich heulte, schmachtete, drehte zum ersten Mal in meinem Leben hormonell richtig frei. Die Variety schrieb dazu passend: „ein oberflächlicher, aber harmloser Teenie-Herzbrech-Film, der junge Mädchen reizen soll“. Doch nicht nur die Presse war sich einig, auch in meinem heteromännlichen Umfeld bestand kein Zweifel: Dieser Film ist nichts für „richtige Männer“.

Meiner damaligen Begeisterung für „Dirty Dancing“ vor allem in der Schule offen Ausdruck zu verleihen – ich kritzelte das legendäre Logo des Films auf meine Rucksäcke und Federmäppchen, verschlang die beiden Soundtrack-Alben, hatte Buttons, Poster und sogar ein „Dirty Dancing“-Magazin, in dem die Geschichte mit Filmstills als Fotoroman nacherzählt wurde – machte mich also verdächtig.

Wie kann ein frühpubertärer Junge nur so auf diesen „Mädchenfilm“ abgehen? Eine Frage, die sich nicht nur mein Umfeld stellte, sondern ich mir selbst ebenso, während ich das hundertste Mal zum Song „Hungry Eyes“ vom Soundtrack-Album in meine Kissen flennte. Mir dämmerte, dass ich nicht heterosexuell bin. Ich wusste es im Grunde, auch wenn es zu meinem Coming-out dann noch ein paar Jahre dauerte. Die heteronormative und heterosexistische Zuschreibung der Gesellschaft bezüglich eines Films und seiner RezipientInnen hatte mich in eine Ecke gedrängt, in der mir keine andere Möglichkeit blieb, als mich mit Fragen nach meiner sexuellen Identität auseinanderzusetzen. Und dieser Prozess war irritierend und schmerzhaft. Doch was mich damals mit Scham erfüllte, erfüllt mich heute mit Stolz. Und nicht nur deshalb werde ich Anfang Oktober ins Kino gehen, um dort „Dirty Dancing“, meinen Coming-out-Film, endlich wieder auf der großen Leinwand zu sehen. Fuck heterosexual norms, nobody puts Dörte in the corner!

AusgehDörte

Dirty Dancing, USA 1987, Regie: Emile Ardolino,
zum 30.Jubiläum ist der Film am 08.10. in verschiedenen Berliner Kinos zu sehen (Erststart in Deutschland war der 08.10.1987)



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