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Debatte

Diskussion um homophobe Straftäter: Alternative Konzepte von Männlichkeit vermitteln

Wie kann man der hohen Zahl an Übergriffen auf schwule Männer begegnen? Am Mittwoch diskutierten ExpertInnen über Lösungsansätze und eine täterorientierte Prävention

v. l. n. r.: Bastian Finke von Maneo, Anne Grießbach-Baernsam, Ansprechperson für LGBTI bei der Polizei Berlin, und Polizeihauptkommissar Barz

10.11.17 – Gewaltdelikte gegen LGBTI sind weiterhin ein großes Problem – doch was kann dagegen getan werden? Am Mittwoch präsentierte das Forschungsinstitut für öffentliche und private Sicherheit (FÖPS) der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) eine neue Studie zum Thema Gewalt gegen homosexuelle Männer, mit anschließender Podiumsdiskussion, die einen Austausch zwischen potentiellen PräventionspartnerInnen anregen sollte.

Auf dem Podium saßen Anne Grießbach-Baernsam, Ansprechperson für LGBTI bei der Polizei Berlin, Bastian Finke, Leiter des schwulen Anti-Gewaltprojektes MANEO in Berlin, und Polizeihauptkommissar Barz. Die Veranstaltung moderierte der Professor für Kriminologie und „Hate Crime“-Experte Prof. Dr. Marc Coester.

Die Studie „Präventionsorientierte Analyse von Gewaltdelikten gegen homosexuelle Männer“, vorgestellt von Professor Dr. Claudius Ohder, diente als Einstieg und Grundlage in die Diskussion. In der Studie wurde der Frage nachgegangen, was schwulenfeindliche Gewalt begünstigt. Explizit in den Fokus gerückt wurden dabei die Täter: laut Studie sind dies überwiegend junge Männer deutscher Staatsbürgerschaft, die meist als Einzeltäter agieren und die in den meisten Fällen bereits vorher durch kleinkriminelle Taten aufgefallen sind. Ohder riet davon ab, den Fokus auf spezifische Milieus zu richten: „Das macht uns blind für die Komplexität des Problems.“ Stattdessen müsse analysiert werden, welche Funktion Homophobie für den Täter haben kann, um z. B. die eigene Heterosexualität und Männlichkeit zu bestätigen. Bestimmte hegemoniale Männlichkeitsideale könnten schwulenfeindliche Gewalt begünstigen. Entsprechend sollten freie Träger und Anti-Gewalt-Programme jungen Männern verstärkt alternative Konzepte von Maskulinität vermitteln.

Ein weiteres Augenmerk richtete die Studie auf Tatsituationen: etwa gezielte Angriffe auf schwule Infrastruktur, oder Raubüberfälle, bei denen Betroffene homophob beleidigt und sexuell belästigt werden. Die Motivation hinter diesen Taten sollten, laut Ohder, bereits zu Beginn der Ermittlungen erkannt und von der Polizei und Staatsanwaltschaft berücksichtigt werden. Ohder plädierte außerdem dafür, den Fokus stärker auf Raubüberfälle zu legen. Betroffene würden häufig von Gruppen angegangen, sexuell belästigt und bestohlen. MANEO-Leiter Bastian Finke sprach sich deutlich dafür aus, diese Überfälle als homofeindlich einzustufen, da die Homosexualität der Opfer ausgebeutet werde, und sexualisierte Gewalt als eine Form gezielter Erniedrigung anzusehen sei. PolizistInnen im Publikum äußerten Bedenken gegenüber dieser Sichtweise: Die homophoben Handlungen könnten auch Mittel zum Zweck sein. Die Täter müssen nicht homophob eingestellt sein, sondern könnten die Belästigungen auch als Ablenkungsmanöver geplant haben. Ihre Motivation sei nicht immer klar erkennbar.

Die Diskussion führte zu keinem konkreten Ergebnis, doch zeigte sie Perspektiven auf: Anders als in den USA werden „Hate Crimes“, also vorurteilsgeleitete Straftaten, in Deutschland nicht eigenständig strafrechtlich gefasst. Eine Einführung von Hate-Crime-Gesetzen in der Zukunft könnte sich, laut der Teilnehmenden auf dem Podium, positiv auf die Präventionsarbeit auswirken und würde begünstigen, dass Homofeindlichkeit als Tatmotiv stärker ins Blickfeld rückt. Außerdem sei ein gesellschaftlicher Wandel bemerkbar, der für die Bekämpfung homophober Gewalt entscheidend sei. Während früher Betroffene aus Schamgefühl Vorfälle oft nicht gemeldet hätten, gelte dies heute als wesentlich selbstverständlicher.

Paula Balov

foeps-berlin.org


maneo.de



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