Siegessäule - NEWS/COMMENTS

Szene

Queere Allianzen bilden – Aber wie?

Um gemeinsames Handeln in Zeiten des Rechtsrucks ging es bei einer Diskussionsveranstaltung des Schwulen Museums* und des Institutes für Queer Theory am vergangenen Freitag

Auf dem Podium: Kübra Gümüşay, María do Mar Castro Varela, Antke Engel, Chris Tedjasukmana, Moderation: Edwin Greve

03.12.17 – „Ich hab’ tatsächlich Panik“, sagt eine Teilnehmerin ins Mikrofon, als die Veranstaltung schon eine Weile läuft. Zwar seien die Rechtspopulisten noch in der Minderheit, dennoch habe es die AfD in einem rasanten Tempo geschafft, hinter den großen etablierten Parteien auf Platz drei zu landen. „Ich fühle ständig eine Ohnmacht, denn der gesamte rechte Flügel hat sich mit Parolen wie ‚Lügenpresse‘ gegen Argumente immunisiert. Was können wir als diverse, linke, queere Community jetzt tun?“, fragt sie und umreißt damit das bestimmende Thema des Abends.

Das Schwule Museum* und das Berliner Institut für Queer Theory luden am Freitag zu der Podiumsdiskussion „Don´t Panic! Alternativen zum Moralisieren und Polarisieren“ im aquarium (Südblock).

Zu Beginn sprach die Journalistin und Netzaktivistin Kübra Gümüşay: der erste Schritt aus der Ohnmacht sei, die Situation zu verstehen. Die Rechten wähnten sich in einem „Kulturkrieg“ und setzten beispielsweise Bots in Online-Diskussionen und andere Mittel ein, die sich negativ auf das Diskussionsklima auswirkten. Dadurch hätten es Fakten und Argumente umso schwerer. Auch müssten wir aufpassen, dass wir uns nicht immer nur „an den Rechten abarbeiten“. Stattdessen müssten eigene Themen und Agenden gesetzt werden: „Wir müssen jetzt erst recht sagen, wer wir sind, unsere Diskurse führen, unsere Filme, Musik und einen noch größeren CSD machen. (…) Let’s think bigger and bolder! Wir müssen die Flucht nach vorne antreten!“

Daran schloss María do Mar Castro Varela, Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Alice-Salomon-Hochschule an: es sei ein großer Fehler zu glauben, die Rechten hätten eine Informationslücke. Denn die Leute wollten nicht lernen – sie wollten „ihre Privilegien verteidigen“. Auch die Gründerin des Instituts für Queer Theory, Antke Engel, betonte, dass es nicht nur um Meinungsunterschiede gehe, sondern vor allem um Machtunterschiede. Do Mar Castro Varela ergänzte, auf die „Panikmache der Wutbürger“ sollten wir nicht panisch reagieren und stattdessen strategisch „punktuelle Allianzen“ bilden.

Chris Tedjasukmana vom Herausgeber_innen-Kollektiv „Kitchen Politics“ mahnte an dieser Stelle zu einem besonnenen Ton. Zwar sei gerade viel von einem Rechtsruck neuer Qualität die Rede, doch: Statt nun selbst in Kriegsrhetorik zu verfallen, bräuchte es einen „offenen Lernprozess“.

Lernen sei wichtig, entgegnete do Mar Castro Varela. Aber ihr gehe die „Dominanz des Dialogs“ auf den Geist. Angesichts des Aufstiegs des Rechtspopulismus, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und global, müssten klare Grenzen gezogen werden. Was es brauche, sei ein „widerständiges Wir“ – wie prekär und imaginiert es auch sein möge.

Hier fragte das Publikum kritisch nach: Wer sind denn „wir“? Wer „die Anderen“? Schließlich sorgt gerade die Frage, was uns als Community eigentlich (noch) verbindet, innerhalb queerer Szenen in Berlin immer wieder für Diskussionsstoff.

Antke Engel hielt ein Plädoyer dafür, queere Politik als das Gegenteil von Identitätspolitik zu verstehen: als ein Werkzeug, um Kategorisierungen und Abgrenzungen zu hinterfragen. „Ich glaube nicht an Bündnisse über Identitäten, auch nicht, wenn sie eingeklammert oder provisorisch sind,“ sagte sie zum Abschluss. „Ich glaube an Solidarität über politische Werte und Zielsetzungen.“

Um eine solche Agenda zu formulieren, braucht es weitere Veranstaltungen, auf denen so kontrovers und offen diskutiert wird wie an diesem Abend.

Paula Lochte



Anzeige

Themen auf SIEGESSÄULE.DE

Diese Website verwendet Cookies und Google Analytics. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, stimmen Sie dem zu.
Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

OK