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"Fa(t)shionista"-Autorin: "Über Dicke zu lästern, ist normalisiert“

Magda Albrechts Erzählung "Fa(t)shionista. Rund und glücklich durchs Leben" erscheint im Januar. Im Interview sprach sie mit uns über Dickenfeindlichkeit und was dagegen zu tun ist

Hans Scherhaufer

30.12.17 - Was hat Dicksein mit Diskriminierung zu tun? Viel, findet Magda Albrecht, 31, deren Buch „Fa(t)shionista. Rund und glücklich durchs Leben“ am 2. Januar auf den Markt kommt. Die Bloggerin und Aktivistin beschreibt in der teils autobiographischen Erzählung, wie sie schon als Kind gewarnt wurde, „bald nicht mehr in ihre Kleidchen zu passen“. Sie prangert eine Gesellschaft an, in der alle dünn sein sollen, und entlarvt gängige Diät-Mythen.

Im Interview mit SIEGESSÄULE verrät sie, was ihr dabei hilft, „rund und glücklich“ durchs Leben zu gehen.

Was bedeutet der Titel deines Buches, "Fa(t)shionista"?
Das Wort setzt sich aus "fat" (deutsch: dick oder fett) und "fashion", also Mode, zusammen. Es ist ein Begriff, der besonders in den sozialen Medien benutzt wird, um modische dicke Menschen, meist Frauen, zu beschreiben.

Du etablierst in deinem Buch die Begriffe "Dickenfeindlichkeit"/ "Dickendiskriminierung". Was verstehst du darunter?

Dickenfeindlichkeit beginnt im Kleinen: Das kann ein schräger Blick sein, weil eine dicke Frau einen Bikini trägt. Oder wenn in einer Dating-App jemand schreibt: "No Fats!" Besonders schlimm ist Dickendiskriminierung in der Arbeitswelt und in der Medizin: Wenn eine dicke Person keinen Therapieplatz bekommt, weil sie erst einmal abnehmen soll, oder wenn die Flugbegleiterin auf keinen Fall eine Konfektionsgröße über 40 haben darf.

Sind Diäten immer ineffektiv?
Nee, Diäten können sogar sehr effektiv sein - zumindest kurzfristig. Viele Studien zeigen, dass die meisten Menschen das abgenommene Gewicht aber langfristig wieder zunehmen, meist sogar noch ein paar Kilo mehr. Warum also permanent Diät halten, sich einschränken, schlechte Laune haben und dann doch wieder scheitern?

Im Buch leitest du historisch die Entwicklung des BMI, also des Body Mass Index her, nach dem Personen in "untergewichtig", "normalgewichtig" und "adipös" eingeteilt werden. Dabei forderst du die Abschaffung des BMI. Warum?
Häufig wird der BMI als Indikator dafür genutzt, ob jemand "gesund" oder "krank" ist. Nach meinen Vorträgen kamen schon Menschen zu mir und erzählten, dass ein Tumor oder gar ein gebrochenes Bein nicht erkannt wurden, weil der Arzt oder die Ärztin meinte: "Nehmen sie erst einmal ab, dann haben sie auch keine Schmerzen mehr!"

Der Untertitel deines Buches lautet "Rund und glücklich durchs Leben". Im Buch selbst berichtest du aber viel von den Schwierigkeiten, die Dickendiskriminierung mit sich bringt...
Sagen wir mal so: Ich gehe heute rund und glücklicher durchs Leben, weil ich nicht mehr alles Negative glaube, was über mich und meinen Körper gesagt wird. Ich glaube, dass die kleinen Glücksmomente eher erreicht werden, wenn man sich nicht permanent abwertet.

Du bist auch in der queerfeministischen Szene unterwegs und warst bis vor einigen Jahren in der fat_aktivistischen Gruppe "fat_up" aktiv. Wie äußert sich Dickendiskriminierung in der queeren/feministischen Szene? Gibt es das dort überhaupt?
Ja, aber subtiler. Es zeigt sich zum Beispiel darin, welche Körper in queeren Szenen gefeiert und begehrt werden, sowohl auf der Bühne als auch im Bett. Wir diskutieren viel darüber, was Heteronormen mit uns machen und wie diese uns einschränken. Aber wie sieht es mit Körpernormen aus?

Du schreibst, dass du gerade, wenn du Interviews zu fat Aktivismus gibst, sehr viele Hasskommentar bekommst. Warum denkst du, dass dieses Thema Leute so aufregt?
Ein dicker Körper steht gesellschaftlich für Versagen und Faulheit. Das ist Todsünde im Kapitalismus. Und das können Menschen nicht einfach so stehenlassen. Es ist leider so normalisiert, über Dicke zu lästern, dass den meisten Menschen noch nicht mal auffällt, dass sie Grenzen verletzen. Deshalb ist mir körperliche Selbstbestimmung als gesellschaftlicher Wert auch so wichtig.

Was sind bestimmte Sprüche, die du nie wieder hören willst?

Mich nerven Sprüche besonders, die implizit Dicke abwerten, wie: "Sie hat so schön abgenommen." Egal, ob sie vielleicht gekotzt hat, um das Gewicht zu verlieren oder eine Darmerkrankung hatte. Dünn sein gilt dieser Logik nach immer als gut und schön.

Interview: Hannah Geiger



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