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Live in Berlin

Ezra Furman im Interview: „Es gibt mehr Geschlechter als zwei und ich bin an allen interessiert.“

Das Gefühl des Verfolgtseins ist der treibende Motor von Ezra Furmans neuem Album „Transangelic Exodus“, das in in gebrochenen Balladen und furiosen Post-Punk-Gewittern seine geniale Ausführung findet. Wir baten den queeren Chronisten zum Interview

Ezra Furman © Jason Simmons

12.02.18 – Als „queere Outlaw Saga“ beschreibt der derzeit in Berkeley lebende 30-Jährige sein siebtes Album, in welcher der Erzähler sich einen Weggefährten auserkoren hat, dem soeben Engelsflügel gewachsen sind. Die Figur des geliebten Engels entzieht sich bereits allen Zuschreibungen, denn sie kann (wie im Video zu „Driving Down to L.A.“) männlich, weiblich (wie im beatleesken „Psalm 151“) oder eben eine genderfluide Person sein. Die unübersehbaren Flügel machen ihn in einer Stadt, in der jede Abweichung von der Norm sanktioniert wird, zum verfolgten Outsider.

Gleichwohl fungieren alle dreizehn Songs auf „Transangelic Exodus“ als Plädoyer dafür, zum eigenen Anderssein zu stehen. Was in diesem Fall heißt, die Flügel nach der Operation nicht unter Verbandszeug zu verstecken, sondern sie – so fragil ihr Zustand auch noch sein mag – atmen zu lassen. Das Album wirft ein Schlaglicht auf die politisch verschärfte Situation in den USA, zeigt aber auch Möglichkeiten auf, sich durch Wachheit, Witz und Gottvertrauen den lauernden Gefahren zu entziehen. Und dabei nie die Lebensfreude zu verlieren – oder sie gar zu steigern. Wozu die mit Cello-Arrangements und pfiffigen Percussion-Ideen versehenen Post-Punk-Melodien (die oft klingen, als habe Rufus Wainwright die Talking Heads um sich geschart oder als sei Alice Cooper bei Animal Collective eingestiegen) nicht unerheblich beitragen.

Furman ist davon überzeugt, dass „der Funke für gute Lieder durch Reibungsflächen entsteht“. Insofern bietet ihm die Gegenwart viel Stoff für geniale Gedankenblitze. Zwar mögen die neuen Stücke im Vergleich zum Saxofon-befeuerten Doo Wop 'n' Roll der Vorgänger-LPs nicht ganz so tanzflächenfüllend sein, doch hängt dies letztlich von der individuellen Bewegungsfantasie ab. Rund ein Jahr nach Ezras mitreißendem Popkultur-Gig im SchwuZ mit seinen Boyfriends (die nun The Visions heißen) machte er wieder in Berlin halt und lud die SIEGESSÄULE zum Interview

Ezra, wie würdest du die Story deines neuen Albums kurz umreißen? Die Geschichte beschreibt den Ausbruch aus einer Stadt, die sich gegen mich gewandt hat, hin zu geheimen, auf der Landkarte bereits verwischten Orten. Also ein Aufbruch ins Ungewisse. Der Grundgedanke des Erzählers ist: wenn mir in meiner Heimat alles verleidet wird, muss ich mit meinem Engelsgefährten – der für alles steht, was in diesem Land als illegal gilt – die Stadt zurücklassen.

In den Booklets deiner Alben veröffentlichst du lange Essays, kommenden April erscheinen deine Gedanken zu Lou Reeds „Transformer“-LP als Buch und „Transangelic Exodus“ ist als episodenhafte Erzählung angelegt. War bei dir die Verknüpfung von Musik und Literatur immer so präsent? Schon als Kind verfasste ich viele Geschichten und malte mir ein Leben als Schriftsteller aus. Als ich nach einer Punk-Phase dann mit 14 herausfand, dass es da Leute gibt, die das Komponieren von Liedern auch als eine Form des literarischen Schreibens verstehen, erschloss sich mir die Welt der großen Songwriter. Meistens waren es jüdische Autoren: Cohen, Dylan, Newman. Oder auch Dan Bern, der auf Ani DiFrancos Label veröffentlichte und mich mit seinen prägnanten ersten Liedzeilen faszinierte. Ich zögere etwas, hier eine Theorie aufzustellen, doch wir Juden bekamen mit König David ein Vorbild, das kaum zu übertreffen ist. Das Hohelied steckt wahrscheinlich in unseren Genen. Und von den Davidpsalmen bin ich geradezu besessen. Sie sind sehr persönlich, gefühlvoll und variantenreich. Ob es sich um Wunder, Freude, Lobpreisung, um Furcht, Verzweiflung, Verfolgt- und Gejagtsein handelt: für mich gehören sie zur schönsten Lyrik, die je geschrieben wurde.

Die Protagonisten in „Transangelic Exodus“ fühlen sich auch verfolgt.
Ja, die dort geschilderten Gefühle haben viel mit der jüdischen Erfahrung zu tun, aus einer Kultur ausgeschlossen zu sein: die Empfindung, dass die Botschaften, die eine dominierende Kultur aussendet, sich nicht an einen selbst, sondern an sogenannte normale Leute richten.

Erfahrungen, die viele nicht jüdische LGBTI-KünstlerInnen ebenfalls kennen.
Natürlich trifft dies auch auf viele queere Songwriter zu. Der Rock 'n' Roll konnte nur von Little Richard erfunden werden, dessen Anspannung sich in Meisterwerken wie „Ready Teddy“ entlud. Ein feminin auftretender queerer Boy, der in den 1950er-Jahren eine schwere Zeit durchlitt, weil er Geschlechterzuordnungen ignorierte und dafür marginalisiert wurde.

Apropos: Ich las, dass der Begriff „genderfluid“, mit dem du oft beschrieben wirst, dir mittlerweile aus den Ohren quillt. Ja, denn er besagt alles und nichts. Ich mache einfach, wonach mir zumute ist – und aus meinen Handlungen reimen sich die Leute dann irgendetwas zusammen. Einige ihrer Beobachtungen mögen zutreffen, doch meistens führen solche Zuschreibungen in die Irre, wenn sie auf mich angewendet werden. Ich glaube nicht, dass viel dazugehört, von Frauen und Männern angezogen zu sein, und habe ein Unbehagen beim Wort „Bisexualität“, da es nur aus zwei Einheiten besteht. Es gibt einfach mehr Geschlechter als zwei und ich bin an allen interessiert.

Markus von Schwerin

Ezra Furman & The Visions live, 15.02., 20:00, Festsaal Kreuzberg



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