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Verfolgung

LGBTI-AktivistInnen zur Lage in Ägypten: „Community-Treffen sind zu gefährlich geworden“

Auf einem Podium von Queeramnesty Berlin berichteten LGBTI-AktivistInnen, wie Behörden in Ägypten Homosexuelle verfolgen und wie schwierig es ist, dort noch eine Community zu bilden

Podiumsdikussion von Queeramnesty, v. l. n. r.: Ilyas Saliba, Memo, Moderator Stephan Cooper, Sprecher der Queeramnesty Gruppe Berlin

13.02.18 – Im Oktober 2016 hatte er die Band noch live erlebt. „Ich war bei Mashrou Leila im Astra, gleich hier um die Ecke”, erzählt Ilias Saliba, Mitarbeiter bei Amnesty International in Berlin. Auf dem Konzert der libanesischen Band, deren Sänger offen schwul ist, waren viele Regenbogenflaggen zu sehen – ebenso wie im September letzten Jahres, als Mashrou Leila in Kairo auftraten. Die Bilder der geschwenkten Regenbogenfahnen verbreiteten sich in der ägyptischen Öffentlichkeit. Seitens der Militärdiktatur in Ägypten wurde dies aber als „Werbung für sittenwidriges Verhalten" sanktioniert. Medienberichten zufolge sollen seitdem über 100 Menschen festgenommen und 49 davon verurteilt worden sein.

Anlässlich der sich verschärfenden Situation lud die Berliner Queeramnesty-Gruppe am vergangenen Sonntag in die Bar „Zum Schmutzigen Hobby” ein. Ilyas Saliba und andere MenschenrechtsaktivistInnen diskutierten auf dem Podium über die Lage von LGBTI in Ägypten.

Community-Leben in Kairo hat sich komplett verändert

Ahmed (33) ist schwul und will seinen Nachnamen lieber nicht nennen. Seit 2009 war er in Ägypten politisch aktiv. Er arbeitete in Organisationen, die HIV-Prävention durchführen und politische Gefangene unterstützen. Als diese verboten wurden, fasste er einen Entschluss: „Ich hatte das Gefühl, dass ich Ägypten jetzt verlassen muss.” Das war vor drei Jahren. In Deutschland kam er an und musste das „Asyl-Trauma” über sich ergehen lassen.

Seit der Verhaftungswelle hat sich das Community-Leben im Kairo stark verändert. Zuvor hatte es Treffen in Bars gegeben: Ein bestimmter Tag im Monat, ein bestimmtes Lokal. Nicht offiziell, aber die LGBTI-Community wusste Bescheid. „Das gibt es jetzt nicht mehr”, sagt Memo, der mittlerweile in Wien lebt und seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. „Treffen im realen Leben sind zu gefährlich geworden.” Die Polizei könnte davon erfahren und vor Ort alle festnehmen.

In Untersuchungshaft erwartet Schwule eine Anal-Untersuchung. „Sie wollen ,überprüfen’, ob man Analsex hatte und sich somit sittenlos verhalten hat”, erzählt Memo. Eine Vorgehensweise, die viele Menschenrechtsorganisationen als Folter bezeichnen. „Sittenlosigkeit“ ist in Ägypten eine Straftat, Homosexualität nicht – noch nicht. Eine Gruppe von Parlamentariern des ägyptischen Repräsentantenhauses hat nun einen Entwurf für ein verschärftes Gesetz vorgelegt. Bei Verurteilung würden dann sechs Monate bis fünfzehn Jahre Haft drohen.

Verlust jeglicher Privatsphäre


Nora Amin ist Buchautorin und Künstlerin aus Kairo und lebt seit über zwei Jahren in Berlin. Sie beklagte bei der Diskussion, dass man in Ägypten keine Privatsphäre, keine Möglichkeit zur Selbstentfaltung und keine persönliche Autonomie habe. In liberalen Familien gebe es aber einen kleinen Freiraum: „Dort hört man ganz oft den Satz: ‚Du kannst machen was du willst, rede bloß nicht darüber’“. Im öffentlichen Diskurs hingegen würden Homosexuelle stigmatisiert. „Lesbische Frauen werden in Film und Fernsehen als verrückt, aggressiv und lüstern dargestellt“, sagt sie.

Letztlich müsse sich die Community selbst ermächtigen. Im Moment können queere Menschen aus Sicherheitsgründen nur digital über Chat-Gruppen kommunizieren. Diejenigen, die von ihrer Familie nach dem Coming-Out verstoßen wurden, müssen selbst zusammenfinden. Es gebe eigene LGBTI-Familien, erzählt Memo, mit älteren AktivistInnen als „Mütter” und jüngeren als „Kinder”, die solidarisch zusammenlebten. Doch das könne keine Lösung sein: „Wir müssen unsere eigene Version einer schwulen Emanzipationsbewegung erfinden“, sagt Ahmed.

Markus Kowalski



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