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KUNST & POLITIK

Mit queerem Seitenblick: Wolfgang Tillmans' politisches Engagement

Der Fotograf setzt als Gastredakteur beim "Jahresring #64" sein gesellschaftliches und politisches Engagement fort. Auch gegen den „Hass auf homosexuelle Gleichstellung und Frauenrechte“

© Federico Martelli

Wolfgang Tillmans © Federico Martelli

27.02.18 – Im Februar veröffentlichte der Fotograf Wolfgang Tillmans seine EP „Heute Will Ich Frei Sein“ auf Spotify und Youtube. Parallel dazu gestaltete er als Gastredakteur den Jahresring 64, das Jahrbuch des Kulturkreises der deutschen Industrie. Unter dem Titel „Was ist anders“ ließ er Wissenschaftler, Politiker und Künstler zu Wort kommen, um gemeinsam den Backfire-Effekt zu erkunden: Menschen, die von einer Aussage, so falsch sie auch sein mag, vollständig überzeugt sind, können von Fakten und gegenteiligen Beweisen nicht umgestimmt werden; ganz im Gegenteil verstärken diese Beweise den Glauben an den Irrtum. Damit setzt der Fotokünstler sein gesellschaftliches Engagement nach der Anti-Brexit Kampagne und der letzten Bundestagswahl fort.

Was hat dich daran gereizt, die Gastredaktion für den Jahresring zu übernehmen? Ich wusste sofort, worum es gehen sollte: eine Erforschung, wie man dem Backfire-Effekt begegnen kann. Für mich ist das einer der bedrohlichsten gesellschaftlichen Effekte, die im menschlichen Hirn verankert sind – dass nämlich Menschen entgegen besserer Beweise und Fakten nicht bereit sind, ihren Glauben an Irrtümer aufzugeben. Wenn es um fundamentale Fragen wie Freiheit, Diktatur, LGBT-Rechte oder Aids geht, ist diese Nichtbereitschaft eine katastrophale Voraussetzung. Man kennt es von Verschwörungstheorien: Jedes Argument dagegen wird nur als Bestätigung der Verschwörung wahrgenommen. So gilt heute vielen in den USA jeder Beleg für den Klimawandel als Beweis, dass es sich um eine große Verschwörung handelt. 

Du hast Personen aus der Politik, Kultur und Wissenschaft interviewt: Mit welcher Intention hast du die Gespräche geführt? Wichtig war mir, nicht nur den Ist-Zustand zu beschreiben, sondern auch nach einer Perspektive zu suchen, nach Möglichkeiten der Veränderung. Und das immer auch mit einem queeren Seitenblick. Mir war immer bewusst, dass alle eines eint, von Islamisten bis Rechten, von Schwarzafrika bis Osteuropa: der absolute Hass auf homosexuelle Gleichstellung und Frauenrechte.

Allen deinen Interviewpartner hast du die Frage „Was ist anders als vor zehn oder zwanzig Jahren?“ gestellt. Welche der Antworten hat dich am meisten überrascht? Es war die Aussage des Psychologen Stephan Lewandowsky: Ein großer Faktor, der Rechtspopulismus, Nationalismus und Postfaktizität antreibt, ist die Einsamkeit. Es ist die enorme Atomisierung der Gesellschaft, die viele Leute im realen Leben einsam werden lässt. Sie leben nur noch in Netzrealitäten, wo man dann mit einer noch so kleinen Nischenmeinung so viele Follower hat, dass man sich nicht als kompletter Dorftrottel vorkommen muss. Gleichzeitig stiften diese Nischenzugehörigkeiten im Netz wiederum Gemeinschaft.

Die Entdeckung des Backfire-Effekts ist ja für alle Aufklärer sehr entmutigend. Hält die Wissenschaft denn auch Erkenntnisse bereit, die mehr Mut machen? Der Politikwissenschaftler Brendan Nyhan betonte, dass es trotz Backfire-Effekts eine Zugangsroute zur Meinungskorrektur gibt. Nämlich wenn die Korrektur von Personen kommt, die nicht dem gegnerischen Lager zugerechnet werden. Also wenn zum Beispiel der Sender Fox Belege liefern würden, dass der Klimawandel real ist. Für mich als Aktivisten bedeutet das, dass die Verschiebung nicht durch konfrontative Argumentation erreicht wird, sondern nur, indem man glaubhaft vermitteln kann, dass man mehr an dem interessiert ist, was uns verbindet als an dem, was uns trennt.

Die andere Schlussfolgerung aus dem Backfire-Effekt wäre, dass man sich darauf konzentriert, die eigenen Reihen zu schließen und zu aktivieren. Hast du deshalb zur letzten Bundestagswahl eine Kampagne gestartet? Ich sehe die absolute Möglichkeit aller Wiederholung aller Geschichte. 50 Jahre gesellschaftliche Befreiung haben zwar wahnsinnig viel in Bewegung gebracht, nach vielen dunklen Jahrhunderten für LGBTs und Frauen. Wenn wir uns aber in unsere Lager, auf unsere Insel Berlin zurückziehen, kann es sein, dass uns das früher oder später einholen wird. Ich hatte 2017 bemerkt, dass die AfD nicht als ernsthafte Bedrohung des Status Quo angesehen wird – und habe dem nicht getraut. In allen westlichen Gesellschaften tendieren 20 % der Wähler zu autoritären Ansichten. Die kann man nicht umstimmen. Aber man kann versuchen, die anderen dazu zu bewegen, nicht autoritär zu wählen, und so das Wahlergebnis positiv verschieben. Das ist Demokratie. Deshalb habe ich mich entschlossen, Poster zu drucken und Anzeigen zu schalten.

Auch in der Siegessäule gab es im letzten September eine Anzeige von dir … Diese Anzeige richtete sich gezielt ans junge, urbane Publikum, an Studentinnen und Studenten – die manchmal gar nicht mehr genau wissen, wo sie gemeldet sind. Wir haben auf die Möglichkeiten und Fristen der Briefwahl hingewiesen. Es gibt ja auch Leute, die zur Wahl den ganzen Tag im Berghain sind. Das sind ja auch immerhin 2.000 Personen. Mehrheiten entstehen in der Demokratie schließlich nur durch die Akkumulation von einzelnen Stimmen. Man muss also auch bereit sein, um eine oder hundert Stimmen zu kämpfen.

Erstaunlich viele der rechten und populistischen Vordenker sind schwul, wie etwa Bret Easton Ellis oder Milo Yiannopoulos. Erlebst du auch in der Breite der LGBT-Community einen Rechtsruck? Persönlich habe ich den Rechtsruck in aktuellen Äußerungen nicht erlebt. Aber das mag an meinem Umfeld liegen. Was ich aber erlebe, ist, dass es ein viel geringeres Bewusstsein für Solidarität und die „gemeinsame Sache“ gibt. Viele genießen die Früchte der Aktivisten früherer Generationen. Sie stellen Lustgewinn und Selbstoptimierung hemmungslos in den Vordergrund – ohne das Bewusstsein, dass man das erst seit 20 Jahren frei und ungestört tun kann. Ich bin nicht gegen hemmungslosen Lustgewinn. Aber für mich stand das nie im Gegensatz zu politischem Aktivismus.

Du bist längst nicht mehr „nur“ Fotograf, sondern auch zum Beispiel Non-Profit-Galerist und Musiker. Mit dem Jahresring wurdest du jetzt auch Redakteur. Gibt es irgendwas, was du dir nicht zutraust? Mir ist über die Jahre klar geworden: Wenn man eine Perspektive hat, ist diese auf vielen Gebieten anwendbar. Die Verwobenheit von verschiedenen Künsten und Mediengattungen ist ja wirklich offensichtlich. Im Leistungssport allerdings hege ich keine Ambitionen. 

Interview: Carsten Bauhaus

 

Wolfgang Tillmans, Brigitte Oetker (Hrsg.): „Jahresring #64, Was ist anders?“, Sternberg Press
Auch als englische Version erhältlich/English version available

 

 

 



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