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Kommentar

Butches: Splitter im Hintern der Heterowelt

Neu im Querverlag erschienen ist das Buch „Butches. Begehrt und Bewundert!" Warum die Butch sich auch in queeren Zeiten noch lange nicht überlebt hat, erklärt Autorin und Schauspielerin Sigrid Grajek

© Guido Woller

04.04.18 - Als ich bei der „Volkssolidarität Cottbus“ mit Berliner Liedern auftrat, passierte etwas, was ich seit meinem fünften Lebensjahr kenne. Eine Seniorin in der ersten Reihe fragte ihre Nachbarin laut: „Ist das ein Mann oder eine Frau?“ Ich habe genauso laut erwidert, dass ich eine Frau bin und kurze Haare habe, sie aber von mir heute sowohl Herren- als auch Damentitel zu hören bekommen werde. Es wäre einfacher gewesen, zu sagen: „Lady, ich bin ne Butch – ich kann alles sein!“ Die Dame hätte nur nicht verstanden, wovon ich spreche.

Es gibt Stimmen, die meinen, die Butch sei ein Anachronismus. In queeren Zeiten hätte sie sich überlebt. Diesen Gedanken halte ich für überheblich. Die Veränderungsmühlen mahlen langsam und die Berlin-Bubble hält sich zwar für den Nabel der Welt, ist es aber nicht. Bis wir eine durch und durch nicht-binäre Welt haben, liege ich schon lange entspannt unter der Grasnarbe. Allerdings bin ich bis zur Löffelabgabe ein Splitter im Hintern der immer noch dominierenden Heterowelt. In Raststätten-Damen-WCs werde ich weiter angesichts echauffierter Seniorinnen beherzt das T-Shirt hochreißen und auf mich misgendernde schlechte Herren-Witze immer mit „I‘m a lesbian – how about you“ antworten.

Der Vorwurf, ich sei üble Nutznießerin von „male privileges“, verursacht mir Tinnitus. Als Vorschul-Butch wollte ich keine Privilegien, sondern gleiche Rechte wie die Jungs. Und verdammt noch mal die abgetragenen Klamotten meines Bruders. Bis ich in der zweiten Klasse durchsetzte, mit Hosen in die Schule gehen zu können, hagelte es Backpfeifen, um mich in die verhassten Faltenröcke zu zwingen.

Im Mädchengymnasium sprach man mir meine geistigen Fähigkeiten ab – wegen meiner Burschikosität. Ich musste zum Neurologen, um die Gründe meines „Schulversagens“ herauszubekommen. Der bizarre Bericht vom 6.3.1975 enthält Sätze wie: „Das Kind ist im Auftreten forsch, selbstständig, kommt allein und berichtet freimütig von allem was sie bedrückt... Das entspricht nicht ganz dem Bild des üblichen Auftretens eines 11-jährigen Mädchens… Im Äußeren sehr jungenhaft. Im Echo-EG nichts Krankhaftes. … Medizinische Behandlung ist im Moment nicht indiziert, vor allem keine psychopharmakologische Beeinflussung.“

Um Fußball spielen zu dürfen, musste ich erst alle Jungs verhauen. Die erklärten mich daraufhin zum Halb-Jungen und konnten mich dann ohne Ehrverlust mitspielen lassen. Frauenfußball war damals vereinsmäßig verboten. Ein Mädchen auf einem Herren-Rad mit Stange musste sich Anfang der 70er an jeder Ampel erklären lassen, dass sich das nicht geziemt.

Für junge Gender-Studien-Interessierte ist das kaum mehr vorstellbar. Ich freue mich riesig, dass sich unsere Kämpfe so gelohnt haben und die Menschen sich anderen Themen zuwenden können. Zu tun ist ja genug.

Was ich mir verbitte, sind kenntnislose Bullshit-Urteile über mein Butch-Leben und meine Butch-Lebensberechtigung. Ich.Bin.So.Geboren.Und.Ich.Werde.So.Sterben. Aber so lange ich lebe, bin ich butch-feministischer Teil der queeren Szene. Punkt.

Sigrid Grajek

„Butches - Begehrt und bewundert!" Herausgegeben von Pia Thilmann. 192 Seiten, 19.90 Euro




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