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„Den Transgenialen CSD reorganisieren!“ Samira Fansa über queeren Aktivismus

Viele Jahre organisierte Samira Fansa den tCSD mit. Beim Achtung Berlin Festival stellt sie ihren Film „Deckname Jenny“ vor. SIEGESSÄULE sprach mit ihr über Formen des radikalen Widerstands

Szenenfoto „Deckname Jenny“

11.04.18 – Auf dem 14. Achtung Berlin Filmfestival, das deutsches Kino aus der Hauptstadt und Brandenburg präsentiert, läuft „Deckname Jenny“. Darin geht es um eine Gruppe junger, teils queerer Menschen, die einen Anschlag planen, um Refugees zu helfen. Gedreht hat den Film Samira Fansa, die viele Jahre den Transgenialen CSD mitorganisierte, der 2013 zum letzten Mal unter diesem Namen stattfand. Bundesweit bekannt wurde sie, als sie 1999 den damaligen Außenminister Joschka Fischer attackierte. Wir sprachen mit ihr über ihren Film, radikalen Widerstand und das Scheitern des Transgenialen CSD

Samira, in „Deckname Jenny“ gibt es schwule und lesbische Figuren. Doch die sexuelle Orientierung der Protagonistinnen steht nicht im Vordergrund. War das eine bewusste Entscheidung? Die sexuelle Orientierung ist als Selbstverständlichkeit einfach da. In der Realität ist sie ja auch nicht ständig Thema. Ich wollte eine Story schreiben, die mit Geschlechterrollen bricht und in der die linke Szene porträtiert wird, in der alle sexuellen Vorlieben und Geschlechter rumrennen.

Du hast also nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben. Was hat dich dazu inspiriert? Der Film will radikalen Widerstand nicht denunzieren, so wie es in den Medien, in der Politik oder auch direkt in der Szene immer wieder geschieht. Oft werden diese Leute pathologisiert. Im Film geht es um eine anarchistische Gruppe, die radikale Aktionen plant. Und im Verlauf der Geschichte werden Verbindungen zur Stadtguerilla der 70er-Jahre aufgedeckt.

Du hast 1999 einen Farbbeutel auf den damaligen Außenminister Joschka Fischer geworfen, aus Protest gegen den Kosovo-Einsatz der Bundeswehr. Findest du grundsätzlich, dass Aktivismus radikal sein sollte? Auf jeden Fall! Ohne radikalen Aktivismus hätte es den Transgenialen CSD nie gegeben.

Der Transgeniale CSD ging 1997 aus dem kommerziellen CSD hervor. Inwieweit warst du daran beteiligt? Freunde von mir waren mit auf dem Rattenwagen, auf dem man sich in Schlamm und Pisse suhlte. Die Schmuddelschwulen auf dem kommerziellen CSD! Das war ein großartiges Bild! Als dann die Polizei versuchte den Wagen zu stoppen, haben wir, 300 Lesben, Schwule und Transen, auf die Bullen eingekloppt, um den Wagen frei zu bekommen. Uns hat ein gemeinsamer gesellschaftlicher Kampf verbunden. Und so haben wir uns zur Wehr gesetzt.

Im letzten Jahr gab es keinen alternativen CSD in Kreuzberg. Und auch in diesem Jahr gibt es noch keine Orgagruppe. Was denkst du, woran das liegt? In der linken Szene gibt es viele Leute, die sich radikal geben, das in der Regel allerdings nicht im Alltag leben und auch politisch nicht umsetzen. Vieles ist nur Etikett. Das hat viel mit einem Utopieverlust zu tun. Es fehlt am Glauben, dass eine ganz andere Gesellschaft möglich ist. Jenseits von Armut, Eigentum, bürgerlichen Ehen und Rassismus. Das Scheitern des Transgenialen CSD hat aber auch viel mit Identitätspolitik zu tun.

Inwiefern? Wir müssen weg von der identitären Orientierung. In allen gesellschaftlichen Schichten gibt es Menschen, die so unzufrieden sind, dass sie sich neu aufstellen und das fernab von queer, schwul, lesbisch oder trans*. Es geht um essenzielle Fragen: Was wollen all die Menschen erreichen? Wo finden wir Schnittstellen? Und wie können wir etwas verändern? Mit wem können wir Allianzen bilden, bei denen unsere sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht als Grundlage dient.

Wenn es um solche essenziellen Fragen geht, braucht es den Transgenialen CSD da eigentlich noch? Ja, in einer neuen Form vielleicht! Aber im Moment wäre es schon ein Gewinn, wenn die radikale queere Szene sich jenseits von Partyevents zusammenrauft und mit anderen verbündet. Wir bewegen uns hier auf unseren kleinen Inseln, auf denen wir uns wohlfühlen. Doch das Eis ist sehr dünn, das merken wir ja schon, wenn wir unsere Inseln mal verlassen. Wir wissen alle, dass die Stimmung jederzeit kippen kann. Vielleicht müsste man ihn reorganisieren und dabei im Auge behalten, dass die Kämpfe um die identitäre Dominanz uns im Wege stehen.

Kann dein Film dazu Anstoß geben? Ich denke schon. Es geht ja gar nicht darum, ebenso radikal zu agieren, wie die Gruppe es tut. Sondern es geht eher darum, sich die Frage zu stellen: Für was würde ich auf eine radikale Weise einstehen?

Interview: Kaey

14. Achtung Berlin – New Berlin Film Award, 11.04.–18.04., verschiedene Kinos, achtungberlin.de

Samira Fansa
zeigt auf dem Achtung Berlin Filmfestival ihren Film „Deckname Jenny“, Vorführungen am 12.04., 17:00, Babylon 1 und 13.04., 22:00, Tilsiter,
Kinostart am 19.04., u. a. in der Brotfabrik und im Lichtblickkino



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