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Queer in Lichtenberg: Wie geht es jungen LGBTI in Berliner Randbezirken?

Überforderte Fachkräfte und Angst vor Mobbing: Wir sprachen mit Claudia Engelmann und Izzy vom Projekt „Raise Your Voice" über die schwierige Situation von queeren Jugendlichen in Randbezirken

Claudia Engelmann und Izzy erzählen von ihren Erfahrungen © Elliot Zehms

09.05.18 – In Randbezirken von Berlin wie in Lichtenberg-Hohenschönhausen gibt es kaum Angebote für queere Jugendliche. Gleichzeitig gehören Homo- und Transphobie zum Alltag vieler junger LGBTI, die dort leben. Darauf will die Kampagne „Raise your Voice“ aufmerksam machen: Bis zum 31. Mai finden Podiumsdiskussionen und Workshops zum Thema „Queer im Randbezirk" statt.

Die SIEGESSÄULE lud zwei TeilnehmerInnen des Projektes aus unterschiedlichen Generationen ein, um über die Situation zu sprechen: Claudia Engelmann, Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses in Lichtenberg, und Izzy, 17 Jahre alt, wohnhaft in Hohenschönhausen

Izzy und Claudia, die Kampagne „Raise your Voice“ versucht mehr Aufmerksamkeit auf queere Jugendarbeit in Randbezirken zu lenken. Warum ist das notwendig?
Claudia: Was mir in Lichtenberg fehlt, ist eine stärkere Sensibilisierung der Jungendeinrichtungen für das Thema. Jugendarbeit ist an sich sehr offen und heißt alle willkommen. Aber es braucht dennoch Schutzräume für bestimmte Gruppen. In Berlin gibt es zwar queere Angebote für Jugendliche – Bars, Clubs und Bibliotheken. Aber je weiter man aus dem Stadtkern hinauskommt, desto mehr nimmt das ab. Es reicht eben nicht, wenn an den Gebäuden ein Regenbogenfähnchen klebt, damit queere Menschen, besonders Jugendszenen, sich angesprochen fühlen. Über unsere Kampagne soll in Bezirken, in denen es keine queeren Jugendangebote gibt, aufgeklärt und erörtert werden, wo die Bedarfe liegen. Etwa in Lichtenberg und Hohenschönhausen, Mahrzahn-Hellerdorf oder auch Treptow-Köpenick.
 
Izzy: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Thema LGBTI in meinem Bezirk totgeschwiegen wird – sowohl an Schulen als auch in den Jugendclubs, die ich besuche. Es ist zwar jeder willkommen, aber Angebote für queere Jugendliche gibt es eigentlich nicht. Obwohl immer wieder der Wunsch geäußert wird! Viele meiner queeren Freunde wissen nicht wohin. Jugendtreffs sind eher im Berliner Zentrum, und viele in meinem Alter können oder dürfen nicht so weit fahren.

Wie vernetzen sich queere Jugendliche dann hier?
Izzy:
Es gibt keine Ansprechpartner zu queeren Identitätsfragen. Ich und einige meiner Freunde sind mitten drin im Selbstfindungsprozess. Auch im Bereich trans* Identität sind manche von uns sehr im Zwiespalt. Es würde enorm helfen, jemanden zu haben, der einem in dieser Zeit hilft.

Claudia: Die Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, haben genau das Gleiche erzählt: nämlich, dass sie gar keine Treffpunkte haben. Die Tochter meiner Nachbarn zum Beispiel stand mit fünfzehn weinend bei mir vor der Haustür, weil sie sich in ein Mädchen verliebt hatte und mit ihren Eltern nicht darüber sprechen konnte. Erst mit 17 konnte sie das erste Mal zu Lambda fahren und dort Anschluss zu anderen queeren Jugendlichen finden. Viele der Jugendgruppen finden ja zu abendlichen Uhrzeiten statt, und nicht jeder will seinen Eltern Rechenschaft darüber ablegen müssen, wo er oder sie so spät hingeht. Ein anderes Mal kamen die Eltern eines Elfjährigen zu mir, weil sie sich Sorgen machten, dass ihr Sohn schwul sei. Später stellte sich heraus, dass das ganz klar Nazi-Eltern waren. In der Schule wird der Junge gehänselt – aber ich weiß nicht, wohin ich ihn hier in Lichtenberg schicken kann, damit er queere Betreuer und Gleichaltrige findet. Außer dem Treffen „Queer Maggie“ im Café Maggie, das monatlich stattfindet, kenne ich keine Angebote.

Und wie reagieren die Erwachsenen aus der Jugendarbeit auf diesen Mangel?
Claudia: Oft sind selbst Fachkräfte total überfordert. Eine Angestellte aus der Berufsausbildung suchte bei uns das Gespräch, weil sie zwei Jugendliche in der trans* Entwicklung hatte. Sie tat sich sehr schwer damit, die beiden zu beraten und die Bewerbungsunterlagen mit ihnen zu schreiben. Denn gerade, wenn es um Berufe geht, ist ja alles klar in Mann und Frau aufgeteilt. 

Izzy: An meiner Schule gibt es einen Lehrer, der als Ansprechpartner für queere Kids fungieren soll. Das war nicht seine eigene Entscheidung, aber jetzt wird erwartet, dass er sich eigenständig zu dem Thema fortbildet. Gleichzeitig haben an unserer Schule die Leute wirklich Angst, dabei gesehen zu werden, wie sie zu diesem Lehrer gehen. Die Panik vor Mobbing ist groß: Wir hatten ein Mädchen und einen Jungen, die sich als homosexuell outeten und am Ende auf dem Schulhof fertiggemacht und mit Steinen beworfen wurden. Seitdem traut sich niemand mehr, sich als homo, bi, oder trans* zu outen. Und zu dem Lehrer geht auch niemand.

Claudia: Wenn ich so etwas höre im Jahr 2018, nach Einführung der Ehe für Alle... Solche Schreckensgeschichten bestärken mich aber darin, dass ich als Politikerin das richtige Thema gewählt habe und hier endlich was getan werden muss. Die Frage ist, ob man dafür sorgen kann, dass alle SozialarbeiterInnen und PädagogInnen die gleiche Schulung zu queeren Themen erhalten. Man könnte auch darauf verzichten, dass jeder auf dem gleichen Stand ist. Und stattdessen Beratungseinrichtungen und Fachkräfte zur Verfügung zu stellen, die darauf spezialisiert und für jeden zugänglich sind.

Wie kann man mehr Aufklärung im Bezirk schaffen? 
Claudia: Wir müssen uns Fragen stellen wie: Wie sprechen wir am besten Leute aus den verschiedenen Regionen an, ab welchem Alter können sie teilnehmen? Welche Distanzen können die Jugendlichen zurücklegen und brauchen wir mobile Angebote, um die Jüngeren abzuholen? Wir müssen uns fragen, was sich die EinwohnerInnen wünschen und was die Politik und Fachmenschen tun können, um im Osten Berlins für mehr sichtbar queeres Leben zu sorgen.

Izzy: Ich wünsche mir Sozialarbeiter, die auf unseren Schulen und in den Jugendclubs mehr aufklären. Begriffe wie schwul, lesbisch und trans* sollten nicht nur kurz erwähnt, sondern auch erklärt werden. Queere Themen sollten auch unter den Eltern mehr angesprochen werden – denn besonders die reagieren oft mit Unverständnis oder Unwissenheit. Als wir zum Beispiel in unserer Schülerzeitung über das Thema Homosexualität geschrieben haben, mussten wir uns am Ende relativ zurückhalten, weil es Einsprüche von Eltern gab. Das zeigt, dass in allen Bereichen viel mehr darüber gesprochen werden muss.

Elliot Zehms

„Raise your voice! - Deine Stimme gegen Homo-, Bi -, und Trans*feindlichkeit!“, 24.04. – 31.05., verschiedene Orte. Alle Termine

Podiumsdiskussion „Rechte queerer Menschen“, 11.05., 17:00, Jufuhaus Berlin. Im Anschluss Konzert von TOBY und Band

Fachgespräch „Queer im Randbezirk" mit Axel Ranisch u. a., 31.05., 19:00, Café Maggie/ Frankfurter Allee 205



Izzy, 17 Jahre alt, wohnhaft in Hohenschönhausen und Claudia Engelmann, Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses in Lichtenberg



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