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Teenager-Ängste und das schwule Coming-out: „Love, Simon“-Regisseur im Gespräch

Wir sprachen mit „Love, Simon“-Regisseur Greg Berlanti über seinen Film, Coming-out-Fragen und den Umgang mit der Homosexualität von SchauspielerInnen

Nick Robinson als Simon in „Love, Simon“ (c) 2017/18 Twentieth Century Fox

24.06.18 – Auch wenn man es bei der Vielzahl an Coming-out-Filmen kaum glauben mag: die romantische Komödie „Love, Simon“ nach einem Roman von Becky Albertally ist der erste große Studiofilm mit einem homosexuellen Teenager als Hauptfigur. Simon ist Schüler an einer Highschool in Atlanta und steckt noch tief im Schrank. Per Mail nimmt er Kontakt zu einem anderen schwulen Jugendlichen auf. Als ein Klassenkamerad davon Wind bekommt, erpresst er Simon mit der Drohung, ihn öffentlich als schwul zu outen. SIEGESSÄULE-Autor Lawrence Ferber sprach mit Regisseur Greg Berlanti

Greg, wie schwierig war es, grünes Licht für dieses Projekt zu bekommen?
Bei meinem ersten Treffen mit den Verantwortlichen von 20th Century Fox habe ich sie gefragt: „Wollt ihr das wirklich machen?“ Es gab bisher keinen Film mit einem schwulen Teenager in der Hauptrolle, der von einem derart großen Studio produziert wurde. Sie sagten nur, dass der Film unter allen Umständen entstehen werde, völlig unabhängig davon, wen ich für die Besetzung gewinnen könne. Für ihr Engagement und ihre Entschlossenheit bei der Umsetzung sollten sie wirklich gefeiert werden. Allerdings hätten wir bereits vor 20 Jahren über ein Projekt wie „Love, Simon“ reden müssen. Dann wären wir jetzt viel weiter. Es müsste längst homosexuelle Hauptfiguren in Actionfilmen, in Romanzen und allen Genres geben.

Gab es bekannte Schauspieler, die ihre Beteiligung an „Love, Simon“ aufgrund des schwulen Themas abgelehnt haben? Es gab niemanden, der abgesagt hat. Als ich versuchte für meinen Film „The Broken Hearts Club“ (2001) Schauspieler für schwule Rollen zu finden, sagte mir noch ein Agent nach dem anderen: „Ich lasse meinen Klienten das nicht machen." Es gibt mittlerweile eine größere Offenheit, und ich denke, dass gerade junge Leute völlig anders mit dem Thema umgehen.

War es dir wichtig, offen schwule Schauspieler wie Keiynan Lonsdale zu casten, der einen von Simons Klassenkameraden spielt?
Keiynan hat sich erst nach dem Dreh von „Love, Simon“ öffentlich als schwul geoutet. Es gibt eine große Diskussion darüber, ob nur offen schwule Schauspieler auch schwule Charaktere spielen sollten usw. In „Love, Simon“ verkörpern heterosexuelle, schwule oder bisexuelle SchauspielerInnen unterschiedlichste Charaktere. Das bedeutet für mich die Repräsentation von Vielfalt. Aber es ist wie bei jedem anderen Job: Du kannst nicht einfach nach der sexuellen oder geschlechtlichen Identität deiner SchauspielerInnen fragen. Einige haben öffentlich über ihre sexuelle Identität gesprochen, andere sind out in der Community und manche stecken eben immer noch im Schrank.

Auch du bist als Teenager nicht offen mit deiner Homosexualität umgegangen. Inwieweit ähneln deine Lebenserfahrungen denen von Simon? Ich hatte vor den gleichen Dingen Angst und habe für mein Umfeld das glückliche Kind von nebenan gespielt. Das Verhältnis zu meiner Familie war sehr eng, aber auch das hat mir die Ängste nicht nehmen können. Mir fehlte zudem die Courage, über die junge Leute heute verfügen. In der Highschool war ich zu einem Coming-out nicht bereit. Das unterscheidet mich von Simon. Als ich mich mit Anfang 20 als schwul outete, steckte das Internet auch noch in den Kinderschuhen. Dadurch hat sich viel verändert.

In deinem Film spielen Internetblogs und E-Mails eine zentrale Rolle. Wie hat deiner Auffassung nach das Internet die Situation von LGBTI verändert? Bestimmte Dinge haben sich dadurch verbessert: Auch jüngere LGBTI können durch das Internet mit anderen Kontakt aufnehmen. Man fühlt sich weniger isoliert und einsam. Als ich ein Kind war, gab es nur Gerüchte, dass ein bestimmter Schauspieler womöglich schwul sein könnte oder ein anderes Kind, das du im Sommerlager getroffen hast. Auch gab es an den Schulen keine Heteros, die sich wie heute für die Rechte von LGBTI starkgemacht hätten. Auf der anderen Seite musste ich mir damals nicht ständig überlegen, welches Foto ich alle zehn Minuten in den sozialen Medien posten soll. Auf den Kids von heute lastet in gewisser Weise ein fast größerer Druck, wenn es um den Prozess der eigenen Identitätsfindung geht.

Der Film wurde in Atlanta, Georgia, gedreht, wo er auch spielt. Würdest du diesen Drehort immer noch wählen, nachdem dort ein Gesetz verabschiedet wurde, das die Diskriminierung von Schwulen und Lesben erlaubt?
Wir hätten darüber diskutiert und uns sämtliche Informationen dazu eingeholt. Aber es wäre eine schwierige Entscheidung gewesen. Mir geht es darum, Fortschritte zu erzielen. Man muss klare Grenzen ziehen, aber auch zu Kompromissen bereit sein, um Gräben nicht noch weiter zu vertiefen. Es gibt so viele Menschen, die dieses Land spalten wollen, und anstatt mit der gleichen Haltung Trennungslinien zu ziehen, kann es auch eine Alternative sein, dem mit Offenheit und Stärke entgegenzutreten.

Du hast im letzten Jahr Robbie Rogers geheiratet, den ersten als schwul geouteten Profifußballer in den USA. Was ist der größte Vorteil, mit einem Fußballer liiert zu sein?
Mit jemandem wie Robbie verheiratet zu sein ist so viel mehr als das, was sich die Leute vorstellen, wenn sie auf sein Instagram-Profil schauen. Im Moment produzieren wir zusammen einen Pilotfilm fürs Fernsehen – ein Projekt, das er auf die Beine stellte. Ich habe eine enorme Bewunderung dafür, wie er es nach seiner Fußballkarriere geschafft hat, sich völlig neu zu definieren.

Interview: Lawrence Ferber
Übersetzung: as


Greg Berlanti wurde als Produzent und Autor berühmter Fernsehserien wie „Dawson’s Creek“, „Eli Stone“ oder „Arrow“ weltbekannt. „Love, Simon“ ist sein dritter Spielfilm als Regisseur. Seit 2017 ist der US-Amerikaner mit dem ehemaligen Fußball-profi Robbie Rogers verheiratet

Love, Simon,
USA 2018, Regie: Greg
Berlanti, mit Nick
Robinson, Logan Miller, Katherine Langford,
ab 28.06. im Kino

SIEGESSÄULE präsentiert
Preview bei MonGay,
25.06., 22:00, Kino
International



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