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Aktivismus

Solidarität zwischen Berlin und Istanbul: „Wir werden jeden Tag mehr“

Während die Lage für LGBTI in der Türkei immer schwieriger wird, erstarkt in Berlin die türkischsprachige aktivistische Szene. Wir sprachen mit dem Filmemacher und Künstler Emre Busse

Emre auf dem „Berlin Walks With Istanbul Pride March“ am 1. Juli © Stelios Gna

12.07.18 – LGBTI in der Türkei sehen sich mit zunehmender Repression konfrontiert. Der Istanbul Pride wurde auch dieses Jahr, wie schon die drei Jahre zuvor, von offizieller Seite verboten, und seit seinem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen Ende Juni baut Staatschef Recep Tayyip Erdoğan seine Macht weiter aus. 

Wie geht es unter diesen Umständen LGBTI aus der Türkei, die jetzt in Berlin wohnen? Emre Busse ist einer von jenen queeren AktivistInnen, die es in den letzten Jahren von Istanbul in die deutsche Hauptstadt verschlagen hat. Der Künstler und Filmemacher ist Teil der Plattform „Kuir+lubun Berlin“, die die Soli-Demo am 1. Juli, den „Berlin Walks for Istanbul Pride March“, organisiert hat.

Emre berichtete uns über die Situation in der Türkei und warum ihm das wachsende Netzwerk von AktivistInnen hier in Berlin Hoffnung gibt

Emre, wie ist die Lage, jetzt nach der Präsidentschaftswahl? Ich war seit den Wahlen nicht mehr in der Türkei. Was ich aber von denen, die mir nahestehen, gehört habe, klingt wenig positiv. Insbesondere die ökonomische Situation ist sehr schwierig im Moment. Das einzige Gute, was man über die Ergebnisse der Wahl sagen kann ist, dass die HDP („Halkların Demokratik Partisi“, deutsch: Demokratische Partei der Völker), die links gerichtet ist und Minderheitenrechte fördert, mehr als 10% der Stimmen bekommen hat – damit sitzen sie mit im Parlament.

Am 1. Juli war Istanbul Pride. Wie schon die letzten drei Jahre ist sie wieder von offizieller Seite verboten worden. AktivistInnen haben sich aber nicht davon abbringen lassen, trotzdem auf die Straße zu gehen. Und auch hier in Berlin wurde demonstriert: beim „Berlin Walks With Istanbul Pride March“, den du mit auf die Beine gestellt hast... Die Soli-Demo in Berlin empfand ich als sehr emotional und empowernd. Ich bin in den Orga-Prozess ein bisschen später eingestiegen, aber die meisten türkischsprachigen LGBTI+ AktivistInnen in Berlin kennen sich ohnehin gegenseitig, wir sind gut vernetzt. Es war ein starker gemeinsamer Wunsch und ein beeindruckendes Engagement zu spüren, diese Demo abzuhalten und unsere Liebe und Unterstützung für die Istanbul Pride zu zeigen. Ich glaube, wir haben auch in Berlin das öffentliche Bewusstsein darüber schärfen können, was die LGBTI+ Community in Istanbul die letzten Jahre alles erleben musste. Der Gouverneur von Istanbul hat mit dem Verbot der Pride illegal gehandelt – denn er hat eine friedliche Versammlung untersagt, die eigentlich alle rechtlichen Erfordernisse erfüllt, um stattfinden zu können. Das macht uns momentan am meisten Sorgen für die Zukunft von LGBTI+ in der Türkei: dass es möglich war, eine solche Entscheidung, die gegen Grundrechte verstößt, durchzusetzen.

Hat sich für die Community in Berlin auch etwas verändert? Wir werden jeden Tag mehr. Den March in Berlin vorzubereiten, war eine einzigartige Erfahrung von Solidarität für mich. Wir haben alle unser Bestes getan. Und es gibt dieses tolle und sehr effektive Netzwerk, „Kuir+lubun Berlin“, das auch die Demo getragen hat. Ich glaube wirklich, dass wir, mit ein bisschen Zeit, noch stärker werden können im Sinne von queerer Solidarität und der Sichtbarkeit von People of Colour.

Was braucht es dafür? Ich hoffe darauf, dass wir mehr Sichtbarkeit in Mainstream-Medien bekommen. Wenn es um Queers of Colour und Gewalt gegen oder Unterdrückung von LGBTI+ in Nicht-EU-Ländern geht, tendieren Mitglieder von privilegierten Gesellschaften oft dazu, dies zu ignorieren, weil es auf ihrer Agenda nicht sehr weit oben steht. Diese Art zu denken ist überholt. Wir sollten immer wieder daran erinnern, dass wir überall sind und jede und jeder Einzelne von uns zählt und wichtig ist.

Interview: fs

 

Kuir+lubun Berlin



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