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Festival Queer* East

Wie homophob ist die polnische Gesellschaft? Autor Jacek Dehnel im Interview

Morgen startet das Literaturfestival Queer* East. Mit dabei: der polnische Schriftsteller Jacek Dehnel, den wir zur Situation von LGBTI und seinen Erfahrungen als schwuler Autor in Polen befragten

Jacek Dehnel © Ja Fryta from Strzegom (flickr.com/people/96799800@N07), CC BY-SA 2.0

31.07.18 – Vom 01. bis zum 03.08. geben sich drei Tage lang zig namhafte AutorInnen auf dem wunderschönen Gelände des LCB unter dem Oberthema „Queer* East“ wieder die Klinke in die Hand. Auf mehreren Panels und Lesungen, die von Performances und Konzerten aufgelockert werden, steht dabei ganz das Schreiben und Schaffen jener im Fokus, die von alternativen und homosexuellen Lebensweisen in den Staaten Osteuropas berichten. Mit dabei ist auch der Schriftsteller, Maler und Übersetzer Jacek Dehnel, der 1980 in Danzig geboren wurde. Mit seinem Roman „Lala“ erlangte er 2006 internationale Bekanntheit. SIEGESSÄULE befragte ihn zu seiner Arbeit und dem Einfluss der aktuellen politischen Entwicklungen in Polen auf die Situation von LGBTI

Jacek, du nimmst an dem Literaturfestival Queer* East hier in Berlin teil. Welchen Text werden wir von dir hören? Ich werde wahrscheinlich ein Liebesgedicht lesen und dann eine Passage aus meinem Roman „Saturn“, der vor ein paar Jahren in Deutschland veröffentlicht wurde. Er erzählt die Geschichte von drei Männern: von Francisco Goya, dem bekannten spanischen Maler, seinem Sohn und seinem Enkel. Francisco ist nicht nur für seine Kunst bekannt, sondern auch für seine Liebesbeziehung mit der Herzogin Alba. Eine Beziehung, die es womöglich nie gegeben hat. Zur gleichen Zeit hatte er höchstwahrscheinlich eine Liebesaffäre mit seinem Schulfreund Martin Zapater, die über Jahrzehnte bis zu Zapaters Tod andauerte.

Was verbindet dich mit Berlin? Ich habe meine Freunde in Berlin, meine Lieblingsplätze und -museen. Ich war auch zweimal für einen Monat als Stipendiat am Literarischen Colloquium Berlin hier. In vielerlei Hinsicht ist Berlin meiner Heimatstadt Warschau sehr ähnlich. Ich fühle mich hier wohl.

Wie ist die Situation für LGBTI in Polen im Moment? Obwohl wir jetzt als Land eine sehr schwierige Zeit durchmachen, in der eine regierende Rechtspartei im Grunde einen Staatsstreich organisiert, indem sie die Verfassung angreift, die Gerichte übernimmt usw., hat sich die Situation für LGBT nicht wesentlich verändert. Wir hatten nie ein Gesetz, das homosexuelle Aktivitäten verbot, nachdem Polen 1918 seine Unabhängigkeit wiedererlangte. Es war legal im kommunistischen Polen und ist es immer noch. Das mag sich ziemlich beeindruckend anhören, da viele westeuropäische Länder sexuelle Minderheiten bis in die 1960er- oder 1970er-Jahre verfolgten, aber andererseits gibt es seitdem keine Entwicklung mehr: Keine Ehe für alle, keine eingetragene Partnerschaft, Homophobie taucht nicht einmal unter den gesetzlich verbotenen Arten von Hassreden und Hassverbrechen auf.

Es gab Veränderungen in der Gesellschaft: Seit 1989 haben sich die Enstellungen der Menschen deutlich verbessert, obwohl in Zeiten, in denen katholische Rechtsparteien an die Macht kommen – wie jetzt –, der Hass von AbgeordnetInnen und anderen PolitikerInnen, von Bischöfen und JournalistInnen viel stärker ist, was zu einem Anstieg von Hassvorfällen und Hassverbrechen geführt hat.

Wie wirken sich diese Entwicklungen auf dein tägliches, persönliches Leben aus? Nun, ich bin seit 2003 in einer Beziehung mit Piotr, also seit fast fünfzehn Jahren, und wir können sie in keiner Weise legalisieren, was mit zunehmendem Alter immer wichtiger wird. Wir haben viel miteinander durchgemacht, wir haben drei Bücher geschrieben, unsere Beziehung dauert länger als die von Piotrs Eltern, die erste Ehe meines Vaters oder die erste Ehe meiner Großmutter. Es ist wirklich frustrierend.

Und natürlich kommt mir online eine Menge homophober Hass entgegen, der allerdings eher nervig ist als tatsächlich bedrohlich, obwohl es immer möglich ist, dass dieser Hass und diese Gewalt mit der Zeit physisch werden. Im Allgemeinen bin ich jedoch ziemlich glücklich: Ich wurde in einer Großstadt geboren, lebe in einer Großstadt, arbeite freiberuflich und bin ein unabhängiger Schriftsteller, der zudem bekannt ist. Aber es bedeutet meiner Meinung nach auch, dass ich, wenn ich privilegiert bin, auch für diejenigen sprechen sollte, die in einer viel schlechteren Position sind. Und das mache ich.

Wie spiegeln sich deine Erfahrungen als homosexueller Mann in deiner Arbeit als Schriftsteller wieder? Ich bin schwul, aber ich verstehe mich nicht als „schwuler Schriftsteller“ so wie etwa Edmund White oder Allan Hollinghurst, die sich hauptsächlich mit schwulen Erfahrungen beschäftigt haben. Ja, ich habe ein paar schwule Liebesgedichte geschrieben und einige schwule Charaktere in meinen Romanen, aber die meisten meiner Texte haben nichts mit nicht-heterosexuellen Erfahrungen zu tun. Aber trotzdem bin ich überzeugt, dass Schwulsein eine sehr viel tiefgreifendere Auswirkung auf mein Schreiben hat, als einfach nur schwule Themen auszuwählen – was jeder machen kann, ob schwul oder nicht.

Wenn du 1980 in Polen geboren wurdest, bedeutet das in einer Welt aufgewachsen zu sein, in der nicht von Homosexualität gesprochen wurde. Die Identität von Homosexuellen war unsichtbar: Fast alle Filme, Bücher und definitiv alle Werbeanzeigen bildeten heterosexuelle Paare ab. Homosexualität wurde nur im Fernsehen in Programmen über AIDS und Drogensucht erwähnt. Als homosexueller Mensch konntest du auf keine vorgegebenen Verhaltensmuster zurückgreifen. Es gab zwei Wege: Der eine war, sich für ein Leben zu entscheiden, indem man entweder im Schrank blieb oder das klassische „Ehemann-und-Ehefrau“-Muster adaptierte. Oder du hast den mutigen Sprung ins Unbekannte gewagt und angefangen, dich als schwule Person zu erfinden. Etwas, das für mich irgendwie auch mit dem Erfinden von Geschichten verbunden.

Homosexualität hat mich zu einem Schriftsteller gemacht, der sich nicht für die offensichtlichen Themen, Genres, Lösungen interessiert. Ich neige dazu, gegen das allgemeine Regelwerk anzuschreiben, gegen das, woran die Gesellschaft und die LeserInnen gewöhnt sind. In dieser Hinsicht sind meine Sprache, ProtagonistInnen, Themen seltsam, ungewöhnlich, einfach queer.

Interview: Franziska Schultess
Übersetzung: Andreas Scholz

SIEGESSÄULE präsentiert
Queer*East, 01.08.–03.08.,
Literarisches
Colloquium Berlin

Infos und Uhrzeiten:
lcb.de




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