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Humboldt-Uni

Homophobie am Institut für Islamische Theologie? Imamin Seyran Ateş im Interview

Im Beirat des Islaminstituts der Humboldt-Uni soll bald auch die LGBTI-feindliche Gemeinschaft der Schiiten (IGS) sitzen. Das ist ein Skandal und zeugt von Ignoranz gegenüber muslimischen Liberalen, meint Seyran Ateş

Seyran Ateş © Dorothee Deiss

02.08.18 – Sie steht für einen offenen Reformislam in Berlin: die Menschenrechtsanwältin und Imamin Seyran Ateş. 2017 gründete sie in Moabit die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, in der LGBTI ausdrücklich willkommen sind.

Nun plant sie, ein Institut für Reformislam auf den Weg zu bringen. Der Hintergrund: im Beirat des Instituts für Islamische Theologie an der Berliner Humboldt-Uniiversität, das im Winter 2019 startet, soll auch die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) sitzen. Diese bezeichnete unter anderem die Ehe für alle als „gesellschaftliche Verirrung sowie eine Verwässerung jeglicher Moral“ und beteiligte sich am antisemitischen Al-Quds Marsch in Berlin. 

Im SIEGESSÄULE-Interview berichtet Ateş über ihr Engagement für LGBTI-Rechte und fordert mehr Anerkennung seitens der Politik gegenüber der Pluralität des Islam und liberalen islamischen Strömungen in Berlin

Frau Ateş, Mitte Juli richtete sich der Lesben- und Schwulenverbang (LSVD) in einem Brief an den Kultursenator Klaus Lederer und an den Justizsenator Dirk Behrendt und kritisierte darin die Zusammensetzung des Instituts für Islamische Theologie an der Humboldt-Uni. Du kritisierst dies ja schon seit längerer Zeit. Ich finde es einen unsäglichen Skandal, dass der Berliner Senat drei Jahre lang an der Idee gearbeitet hat, ein Institut für Islamische Theologie einzurichten, und die ganze Zeit die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands dabei hatte – obwohl alle in der Politik wussten, inwieweit diese mit der türkischen Regierung zusammenarbeitet. Bei den Verbänden, die jetzt aktuell mit dabei sind, wissen alle aus der Szene und auch der Verfassungsschutz, dass diese nicht unproblematisch sind. Es ist dramatisch, dass der Berliner Senat trotzdem daran fest hält, mit ihnen zusammenzuarbeiten, obwohl aus den Reihen dieser Verbände auch sehr viel antisemitisches und LGBTIQ-feindliches vermittelt wird. Sie vertreten einen eher rückwärtsgewandten Islam, der nicht-integrativ und nicht-inklusiv ist, der die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Anerkennung von Homosexualität ablehnt. Auch mit der Religionsfreiheit haben sie ein Problem. Deshalb muss man sich die Frage stellen: Was für einen Islam wird man an diesem Institut lehren?

Es ist auch sehr frustrierend, sich anzuhören, dass die muslimischen Liberalen angeblich nicht so viele und nicht so organisiert seien, und man deshalb nicht mit ihnen verhandeln könne. Die Politik orientiert sich an einem Narrativ über den Islam, den sie von diesen Verbänden übernehmen. Wenn diese Verbände sagen: „Das ist der Islam”, dann sagt die deutsche Politik auch: „Das ist der Islam.” Und das, obwohl wir uns als Ibn-Rushd-Goethe-Moschee vor einem Jahr gegründet haben und theologisch nachweisen konnten, dass es einen sehr pluralen Islam gibt. Dass die Politik uns trotzdem immer noch die kalte Schulter zeigt, zeugt von einer gewissen Arroganz und Ignoranz.

Wie sollte deiner Meinung nach ein Institut für Islamische Theologie aussehen? Die Pluralität des Islam in Deutschland und Berlin muss abgebildet werden. Das heißt, es müssen in diesem Beirat viel mehr Menschen sitzen. Die Verbände, die aktuell im Beirat sind, stehen für einen schiitischen und einen sunnitischen Islam aus dem Iran, der Türkei und Ägypten. Es ist aber nicht so, dass die muslimische Gemeinschaft hier sich von diesen Leuten vertreten fühlt. Der Islam, der dort gelehrt wird, muss sich auch eins zu eins mit der Verfassung messen lassen.

Zur 40. Pride in Berlin bist du für dein Engagement mit dem Sonderpreis des „Soul of Stonewall Award“ des Berliner CSD ausgezeichnet worden. Inwiefern wünschst du dir noch mehr Vernetzung mit der queeren Community? Es wird schon vieles gemacht, das möglich ist. Ich arbeite mit dem LSVD und Maneo zusammen. Ich bin im Förderkreis der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Ich habe dieses Jahr zum zweiten Mal den „Soul of Stonewall Award“ bekommen. Aus der queeren Szene kommt ganz viel Unterstützung. Ich kann hier nur meinen Dank aussprechen, dass der LSVD und Maneo immer hinter meiner Arbeit und den liberalen muslimischen Menschen standen. Wir haben 2003 und 2004 als einzige zusammengehalten, als es um Zwangsheirat ging. Sie waren auch einige der ersten, die Solidarität für unsere Moschee ausgesprochen haben und regelmäßig  kommen. Und auch für die Zukunft haben wir weitere gemeinsame Projekte geplant.

Wo liegen denn die nächsten Ziele? Unser nächstes Ziel ist, ein Kompetenzzentrum für Islam- und LGBTIQ-Themen zu bilden. Und wir möchten ein Institut für Reformislam gründen.

Interview: Jeff Mannes

 



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