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„Bärtige Lady“ Haarnam Kaur: „Ich kann mit meinem Körper machen, was ich will“

Am Samstag kam die Body Positivity-Aktivistin Haarnam Kaur für ein Event nach Berlin. Im Gespräch mit SIEGESSÄULE verrät sie, wie sie es schaffte sich zu lieben, wie sie ist – auch mit Bart

© Steve Murigi

31.08.18 – Als Teenager bekam die Britin Haarnam Kaur aufgrund eines hormonellen Ungleichgewichtes Bartwuchs. Seitdem ihre Geschichte 2014 öffentlich gemacht wurde, ist sie aus der Body Positivity-Bewegung nicht mehr wegzudenken. 2016 lief sie als erste Frau mit Bart auf der Londoner Fashion Week, heute hält sie Vorträge und verbreitet ihre Botschaft von Selbstliebe und Akzeptanz in den sozialen Medien.

Für das Event am letzen Samstag hat Haarnam im Rahmen ihrer „My Body, My Rules“-Kampagne verschiedene Body Positivity-AktivistInnen nach Berlin eingeladen. Wir trafen Haarnam zum Gespräch

Haarnam, Bärte sind sehr beliebt gerade, jeder Hipster hat einen, Firmen bringen täglich neue Bartpflegeprodukte raus. Was ist der Unterschied zwischen deinem Bart und einem „Männerbart“? Mein Bart bricht mit Gender-Stereotypen. „Bärtig“ ist in der Gesellschaft so maskulin konnotiert und soll nur für Männer gelten. Wenn eine Frau bärtig ist, dann läuft was falsch oder sie wird dafür gemobbt. Es verwirrt Leute und das gefällt mir. Ich mag es, dass ich nicht die Norm der Gesellschaft darstelle. Ich folge keinen Trends. Ich glaube wir haben alle Anteile in uns, die uns einzigartig machen und wir müssen authentisch sein, damit die Gesellschaft und unsere Communities lebhaft werden. Stell dir vor alle wären gleich, das wäre doch langweilig, oder?

Wie kam es zu dem Begriff „bärtige Lady“? Ist das eine Selbstbezeichnung?
Ich bin sehr genderfluid. Ich kleide mich gerne feminin – was auch immer das bedeutet – aber ich fühle mich auch wohl damit, die Kleidung meines Bruders zu tragen. Die beiden Wörter „bärtig“ und „lady“ zu vereinen, sagt viel über mich und die oben genannten Genderstereotype aus. Wie kann eine Frau einen Bart haben? Tja, ich bin der lebende Beweis dafür, dass sie es kann und darum benutze ich diese Bezeichnung.

Dein Bartwuchs begann, als du ein Teenager warst und du hast ihn jahrelang entfernt. Wann hast du dich dafür entschlossen, ihn wachsen zu lassen?
 Der einzige Grund, warum ich überhaupt erst angefangen habe meine Gesichtsbehaarung zu entfernen war, weil es in den Augen anderer falsch war und weil ich dafür gemobbt wurde. Ich dachte, wenn ich meinen Bart entferne, würde auch das Mobbing aufhören. Ich habe Haarentfernungs-Cremes benutzt, Wachs, Bleichmittel – aber die Haare kamen immer zurück. Ich glaube, sie wollte einfach gerne in meinem Gesicht sein (lacht). Mit 16 war ich sehr depressiv, wurde von allen an meiner Schule gemobbt und dachte: Weißt du was, deine Peiniger sind da draußen und leben ein sorgenfreies Leben, während du hier über Suizid nachdenkst. Ich habe mich gefragt, warum ich alle meine Gedanken und Kraft in etwas Negatives investiere. Wenn du dich jetzt umbringst, hinderst du dich selbst daran, die Person zu werden, die du sein kannst. Ich dachte dann – weißt du was, ich behalte meinen Bart einfach. Fuck it. Wenn irgendjemand damit etwas dagegen haben sollte: deren Problem, nicht meins.

Du hast also einfach eines Tages entschlossen, dich selbst zu lieben? Das klingt fast zu einfach. Ich bin sehr entschlossen. Natürlich möchte ich manchmal auch Leute anschreien. Es gibt eine Grenze an Dingen, die ich ertragen kann. Ich bin immer noch ein Mensch – ein außergewöhnlicher Mensch zwar – aber immer noch ein Mensch (lacht). Aber wenn ich nicht für mich einstehe, macht es niemand.

Wie haben die reagiert, die dich gemobbt haben?
Oh, sie haben es gehasst! Ich wurde richtig gequält, Leute haben sogar Essen nach mir geworfen. Es war schrecklich. Sie haben mich in eine Ecke gedrängt und Footballs auf mich geworfen oder mich gegen Schränke gedrückt. Das meiste waren aber emotionale und verbale Verletzungen. Das ist manchmal sogar noch schlimmer.

Was heißt Body Positivity für dich genau? Body Positivity heißt für mich Befreiung und pures Glück. Ich kann mit meinem Körper machen, was ich will, so lange ich damit glücklich bin.

Du wirst oft als LGBT-Verfechterin beschrieben. Wo verortest du dich selbst im LGBT-Spektrum? Viele Leute wissen das nicht, aber ich bin 100 Prozent pansexuell. Wir leben in einer solch cis-normativen, heterosexuellen Gesellschaft, und so viele Menschen sind so rückwärtsgewandt. Aber ich gehe mit meiner Pansexualität sehr offen um, bin sehr stolz und ich habe nichts zu verbergen. Für mich bedeutet Pansexualität, dass ich Menschen unabhängig von deren Gender, Klasse, race, Sexualität liebe. Es geht mir darum, mit einer Person wirklich in Verbindung zu kommen und nicht darum, wie sie aussehen oder welches Label sie tragen.

 

„My Body, My Rules“, 01.09., Lush GmbH/ Klosterstr. 64, 18:00, Vortrag von Haarnam Kaur, Paneldiskussion und Show



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