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Kommentar

Dritter Berliner Tuntenspaziergang: Kein Platz für rechte Positionen!

Nach Neukölln wird am Samstag in Mitte gegen LGBTI-feindliche Übergriffe protestiert. Andere Diskriminierungsformen müssen wir dabei mitdenken, findet SIEGESSÄULE-Chefredakteur Jan Noll

© Robert M.

05.09.18 – Am nächsten Samstag, den 8. September, steigt der erste Tuntenspaziergang in Mitte. Angelehnt an die noch relativ junge Tradition des Neuköllner Tuntenspaziergangs, bei dem seit 2017 einmal im Jahr Queers aufgedonnert durch den Kiez spazieren, um als selbstverständlicher Teil ihres Bezirkes sichtbar zu werden, wird damit die Fackel im Kampf gegen Homo- und Trans*phobie in einen anderen Teil Berlins weitergetragen. Das ist zunächst einmal großartig, denn zum einen wird damit der Grundidee des Tuntenspaziergangs, dass LGBTI dort für ihre Anliegen auf die Straße gehen, wo sie jeweils auch wohnen und ihr tägliches Leben bestreiten, Rechnung getragen, zum anderen nimmt der Spaziergang in Mitte nach Monaten der Fixierung endlich mal den Fokus vom hysterisch aufgebauschten „Problembezirk“ Neukölln.

Fraglos haben LGBTI in Neukölln ihre Probleme, denn überall dort, wo sie sichtbar werden, kollidieren sie mit aggressiven, heteronormativen cis Männlichkeiten, die den öffentlichen Raum in allen Teilen der Stadt dominieren. Das mag in Neukölln sicher virulenter sein als in anderen Kiezen, ist aber keinesfalls ein exklusives Problem dieses Bezirkes. Dennoch kam es gerade im Kontext des Neuköllner Spaziergangs im Mai immer wieder zu Instrumentalisierungen durch Medien und Einzelne, die die bunte Protestaktion dafür nutzten, um das Problem von Homo- und Trans*phobie primär bei Menschen mit Migrationshintergrund zu verorten. Allen voran der rbb hatte im Vorfeld durch eine ätzend rassistische Berichterstattung dafür gesorgt, dass Menschen aus türkeistämmigen und arabischen Communitys als generell homophob vorgeführt und die Orgas der queeren Demo sowie die Demo selbst in ein politisch ambivalentes Licht gesetzt wurden.

Die Konsequenz? Einige potenzielle TeilnehmerInnen blieben der Veranstaltung fern, aus Angst, sich mit einer möglicherweise politisch fragwürdigen Sache gemeinzumachen – eine unerträgliche Situation, da somit die berechtigten Anliegen der Demo in die Unsichtbarkeit gedrängt wurden. Die Reaktion der Orgas konnte nach diesem Vorlauf nur eine sein: Klar positionierten sich die RednerInnen am Veranstaltungstag nicht nur gegen Homo- und Trans*phobie in ihrem Kiez, sondern auch gegen Rassismus.

Trotz einer deutlich unterschiedlichen EinwohnerInnenstruktur wird sich auch im Kontext des Tuntenspaziergangs in Mitte die Frage stellen, wie der Protest gegen Homo- und Trans*phobie im öffentlichen Raum gestaltet werden kann, ohne dabei zum Propagandamittel für xenophobe Kräfte zu werden. Und auch hier muss die Antwort lauten: die unterschiedlichen Diskriminierungsformen gemeinsam denken! Denn LGBTI können nur dann in einer Gesellschaft sicher und zufrieden leben, wenn dort Rassismus und Sexismus keinen Platz haben.

Jan Noll

Tuntenspaziergang Berlin Mitte, 08. 09., Bahnhof Berlin Friedrichsstraße, 16:00



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