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Bewegungsmelder

Planet Hass

Nachdem Grindr jahrelang weggesehen hat, wird der Hasssprache auf der Dating-App endlich ein Riegel vorgeschoben. Doch auf PlanetRomeo herrscht weiterhin ein verletztender Umgangston

Dirk Ludigs

01.10.18 - Online-Dating, schwules allzumal, ist eine kalte und grausame Welt. Stellen wir uns einfach mal für einen Moment vor, die blauen oder gelben Seiten wäre eine Cruising-Bar, irgendwo im Schöneberger Kiez.

An der Bar steht ein blondes Muskelwunder und posiert nackt mit Erektion. Ein älterer Herr, findet das offenkundig hübsch. „Bist du zum Sterben hier“, zischt die Muskelmarie, „ich such nur meinesgleichen, Opa, hau ab!“ Zwei Schritte weiter untersucht ein mittelalter leicht untersetzter Herr eine Gruppe Schwarzer Männer. Einzeln puhlt er die Schwänze aus den Hosenlätzen und murmelt ungläubig: „Zu klein, zu klein, zu klein. Ich dachte, ihr habt hier alle Riesendödel, ich will Big Black Cock, verdammich!“

Am Eingang wird der Körper einer Transperson inspiziert. Ob sie überhaupt das Recht hat, hier zu sein? Ein Asiate hat’s zwar reingeschafft, doch der Saal brüllt unisono: Keine Asiaten! Am Tresen spuckt ein junges Bübchen einem dicken Gleichaltrigen vor die Füße: Ekelhaft, wie fett du bist, kriegst du überhaupt noch einen hoch? Währenddessen versucht ein Mann mit dem Schild „Safer Sex nach Absprache“ um den Hals Richtung Ausgang zu entkommen, verfolgt von einer aufgebrachten Meute die ihm hasserfüllt entgegenschreit: „Virenschleuder, verpiss dich!“ Die Vorstellung ist zugegeben ziemlich absurd.

Warum ist dann aber all der Rassismus und Sexismus, die Transphobie, das Fat Shaming und die Altersdiskriminierung auf schwulen Datingportalen Alltag? Macht das Netz uns zu Barbaren? Oder bringt die anonyme Schamlosigkeit, mit der wir uns auf Grindr, Planetromeo und Co. präsentieren, nur ans Licht, was in der Szene unausgesprochen sowieso schon immer existierte?

Online-Dating, das ist die bittere Wahrheit, hat die unterschwellige Menschenfeindlichkeit der LGBT-Welt an die Oberfläche und in die Sichtbarkeit geholt. Natürlich rennt niemand mit einem Schild „Keine Schwarzen“ durch eine Bar. Die meisten von uns fänden das auch offen rassistisch, würden sie so eine Situation erleben. Schreibt die gleiche Person aber „Keine Schwarzen“ in ihr Profil, sind erschreckend viele von uns bereit, denselben Menschen zu verteidigen: Es gehe doch „nur“ um eine sexuelle Orientierung, niemand könne etwas für sein Begehren – oder Nicht-Begehren. Aber warum sollte ein Profil, auf dem „Keine Schwarzen“ steht, weniger rassistisch sein als eine Parkbank auf der „Nur für Weiße“ steht?

Tatsächlich haben die Ausschlüsse ganzer Gruppen auf Profilen und der offene Hass in privaten Messages seit Jahren eine verheerende Wirkung auf die Betroffenen. Hari Bradshaw, queere Person of Color, schreibt auf Pink News: „Grindrs Giftigkeit hat die Art und Weise geprägt, in der eine ganze Generation von geilen Männern mit Trigger-Fingern das Gefühl hat, mit anderen sprechen zu können. Das wiederum hat den Sprachgebrauch für Schwule geprägt – nicht nur auf Grindr. Und das hat geprägt, wie Minderheiten in der Schwulengemeinschaft sich minderwertig fühlen.“

Jahrelang hat Grindr weggesehen. Nun setzt die Dating-App dem Hass auf ihren Profilen endlich Grenzen. Seit September gelten klare Umgangsregeln. Der Ausschluss ganzer Gruppen im Profil ist nun Grund zur Beschwerde, Hasssprache in privaten Chats genauso. Beides wird nicht mehr geduldet. Begleitet wird die Aktion „Kindr“, also „Nettr“ von sehenswerten Videos, die es bisher aber leider nur auf Englisch gibt.

Zu wenig, zu spät, sagen zu Recht viele der von Ausschlüssen und Hasssprache Betroffenen. Dabei haben andere Plattformen einen noch viel größeren Shitstorm verdient. Bei Planteromeo, dem Amsterdamer Dating-Portal mit deutschem Migrationshintergrund, finden sich im Unterschied zum amerikanischen Pendant bis heute keine klaren Verhaltensregeln. Die Europäer sehen es aber auch mit anderen Sachen nicht so eng.

Da posieren schwule Rechtsradikale auf Fotos offen mit Insignien der Neonazi-Szene. Eine „goile, doitsche BoyköterSSau“ ist „auf der Suche nach Kameraden“. Im Gruppenbereich treffen sich 333 „Freunde_der_AfD“ hinter geschlossenen Türen. Was sie dort besprechen, bleibt ihr Geheimnis, vielleicht den Antrag ihrer Lieblingspartei zur Abschaffung der Ehe Für Alle am 11. Oktober im Bundestag?

Wie schwule Muslime sich auf den blauen Seiten behandelt fühlen, weiß ich dagegen sehr gut, denn ich habe einige von ihnen gefragt. „Ziegenficker“ gehört noch zu den freundlicheren Schimpfwörtern, die schwule Biodeutsche ihnen entgegenschleudern, die „Entsorgung nach Anatolien“ ist regelmäßiger Wunsch aus schwulen weißen Mündern.

Auch beim Thema HIV-Prävention befindet sich Planetromeo in der Steinzeit. Während andere Portale seit Jahren die Möglichkeit bieten, Schutz durch Therapie oder PrEP als Varianten anzugeben, bleiben die Amsterdamer stur bei ihrer Safer-Sex-Auswahl zwischen „Immer, nach Absprache oder Niemals“, die sich auf den Gebrauch von Kondomen bezieht. Doch wem soll das heute nützen im Zeitalter von Safer Sex 3.0? Die veraltete Auswahl ist nicht nur sinnlos, sie fördert Vorurteile und Ignoranz. „Nach Absprache“ verstehen die meisten User längst als „HIV-positiv“, „Niemals“-User werden als verantwortungslose Schlampen hingestellt. Ein HIV-Positiver unter Nachweis macht „Immer" Safer Sex, auch wenn er nie Kondome benutzt.

All das scheint Planetromeo nicht weiter zu jucken, Anfragen von PrEP-Aktivisten verlaufen seit Ewigkeiten im Sande. Vielleicht wird es ja Zeit, den Unmut lauter werden zu lassen. Und vielleicht wird es auch Zeit, sich zu überlegen, in was für einer Online-Dating-Welt wir eigentlich leben wollen.

Dirk Ludigs



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