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Berliner Szene

Stylist Frank Wilde: „Ich finde es albern, dass viele bei ihrem Alter lügen"

Der Berliner Stylist Frank Wilde sprach mit SIEGESSÄULE-Redakteurin Kaey über Agism, Tuntigkeit und seine Erfahrungen mit sozialen Medien

Frank Wilde © Bastian Hart

02.10.18 - Frank Wilde ist als queere Persönlichkeit aus der Berliner Szene bekannt und betreibt gemeinsam mit zwei Partnerinnen die Stylingagentur Perfectprops in Kreuzberg. Als Stylist hat Frank mit vielen Promis zusammengearbeitet wie zum Beispiel Romy Haag, Nena oder Heike Makatsch. Er arbeitete auch an Spielfilmen mit und übernahm die Regie von Musikvideos, unter anderem für den Clip von Sarah Connors größten Hit „From Sarah with Love“. Vor allem in sozialen Netzwerken ist Frank sehr aktiv. Über seine Erfahrungen dort, über Agism in der Szene und sein selbstbewusst tuntiges Auftreten sprachen wir im Interview
 
Wenn man dich vom sehen her kennt und dir in sozialen Netzwerken folgt, fällt auf, dass du sehr selbstbewusst auftrittst und vor allem zu deiner Tuntigkeit stehst. War das für dich immer so einfach? Nein. Ich war ein sehr femininer Junge. Mit 13 hatte ich längere Haare, eine hohe Stimme und habe mich anders bewegt. Die Leute haben mich immer für ein Mädchen gehalten und das empfand ich damals ziemlich demütigend. Ich habe mir irgendwann meine eigene Welt gesucht, in der ich existieren konnte. Ich habe als Komparse beim Theater angefangen und dort war alles viel freier. Es gab schwule Schauspieler, es gab Maskenbildner, es wurden Perücken gebaut. Ich konnte mich dort ausleben und gleichzeitig hatte es einen künstlerischen Schutzrahmen. Auf der Bühne war alles möglich, was in der Realität nicht möglich war. Mittlerweile nutze ich meine eigene feminine Seite für mich. Ich denke, ich wäre nicht so gut in meinem Beruf, wenn ich mich zum Beispiel nicht hinein fühlen könnte, wie sich eine Frau bewegt, oder welche Pose gut aussieht und was für Klamotten ihr stehen.

Welche Eigenschaften muss ein guter Stylist haben? Empathie, ein wachsames Auge, eine kindliche Entdeckungsfreude und Fachkenntnisse wie zum Beispiel Kostümgeschichte. Und man sollte eigentlich auch Nähen können.

Du postest viel in sozialen Netzwerken, dabei zeigst du auch auf, wie negativ Menschen auf dich reagieren. Neben deiner Tuntigkeit ist dein Alter immer wieder eine Angriffsfläche. Wie erlebst du das in der Szene? Ich bin einer der wenigen der bei Gayromeo sein echtes Alter von 55 angibt. Und ich finde das ist wichtig. Jeder sollte da ehrlich sein, denn sonst wird sich daran nichts ändern. Ich finde es total albern, dass viele bei ihrem Alter lügen. Agism habe ich auch schon in Clubs erfahren. Im SchwuZ hat mal ein Junge zu mir an der Theke gesagt: „Was machst du denn hier Opa?!“ Agism ist wirklich noch die letzte Karte, die man ausspielen kann. Jeder hat mittlerweile kapiert, dass Rassismus inakzeptabel ist und man das N-Wort nicht mehr sagen kann. Doch beim Alter! Schau dir doch mal an wie das Madonna-Bashing funktioniert.

Wie gehst du damit um? Natürlich ist es nicht schön, das zu erleben. Doch andererseits denke ich mir: Ihr verpasst auch so viel. Ich hatte schon immer ältere Freunde. Von dem was sie erlebt haben und wie sie Lebenssituationen meisterten, habe ich viel gelernt. Es ist vor allem wichtig, dass man als queere Minderheit seine Historie kennt, auch um Gefahren frühzeitig wahrzunehmen und um zu wissen, wie man sich wehren kann.

Wieso ist es dir so wichtig, all deine Erfahrungen so öffentlich zu posten?
Ich glaube daran, dass man soziale Medien nutzen kann, um Leute auf der einen Seite zu empowern und sie auf der anderen Seite dazu anzuregen, über bestimmte Verhaltensweisen nachzudenken und zu reflektieren. Wenn wir soziale Medien dafür nutzen über unsere Befindlichkeiten, Wünsche, Ziele und Enttäuschungen zu reden, dann ist das wesentlich wertvoller als unser Mittagessen zu posten. Außerdem finde ich, je offener man ist, umso weniger angreifbarer ist man auch. Bei mir gibt es eben keine Leichen im Keller zu entdecken, weil ich eh alles poste.

Interview: Kaey



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