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trans* Aktivistin

„Terroristin des Geschlechts“: Linn da Quebrada im Interview

Wir sprachen mit Aktivistin Linn da Quebrada über die Situation von trans* Menschen in Brasilien und ihre Kindheit in der Provinz

Linn da Quebrada live im Ballhaus Naunynstraße © Jackielynn

03.10.18 – Sie hat Berlin im Sturm erobert: die queere Hip-Hop-Queen und brasilianische trans* Aktivistin Linn da Quebrada! Während die Doku „Bixa Travesty" über ihr Leben nach erfolgreicher Berlinale-Premiere jetzt beim Pornfilmfestival (23.-28.10.) laufen wird, lädt die selbsternannte „Terroristin des Geschlechts" am 04.10. im Berghain wieder zu einer ihrer engeriegeladenen Liveauftritte. Michaela Dudley stellte ihr vorab ein paar Fragen

Linn, wie ist die Situation für trans* Menschen in Brasilien? Brasilien ist das führende Land, was transphobe Morde betrifft. Weltweit! Das sagt viel über das Umfeld aus, in dem wir unsere Identität zu leben versuchen. Die Diskriminierung ist ziemlich omnipräsent. Unser tägliches Überleben, unsere Ambitionen auf dem Arbeitsmarkt und in den Universitäten sind geprägt von einem harten Kampf. Doch nach und nach besetzen wir Räume, die uns seit langem verweigert wurden. Ich glaube, dass wir uns tagtäglich etwas weiter nach vorne kämpfen.

Du bist in São Paulo geboren. Woran erinnerst du dich, wenn du an deine Kindheit zurück denkst? Genauer genommen wuchs ich in São José do Rio Preto auf, einer kleinen Provinzstadt im Bundesstaat São Paulo. Auf dem Lande, weit außerhalb der Metropole. Meine Tante hat mich groß gezogen, denn meine Mutter arbeitete weit entfernt und war selten bei mir. Ich hatte allerdings viele Freunde und fühlte mich zunächst glücklich. Doch in der Pubertät rang ich mit mir selbst. Tief in mir verspürte ich interne Konflikte, die ich erst später wirklich begreifen konnte.

Aber im welchem Alter genau hast du damit begonnen, dich als trans* Person wahrzunehmen? Als Teenager merkte ich es. Irgendwie hatte ich das Gefühl, meine Entwicklung nicht so richtig verstehen zu können. Dann fing ich an in einem Beautysalon zu jobben. Ich kam in Kontakt mit Leuten, die neue Ideen hatten und von denen ich Anregungen bekam. So fing ich zum Beispiel an mich anders zu kleiden. Von da an fühlte ich mich besser und selbstbewusster.

Du bist die Protagonistin der Dokumentation „Bixa Travesty". Was denkst du über den Film? Hat er vielleicht sogar deinen Blick auf dich selbst verändert? Ich denke, es ist ein Film „für mich“ und nicht „über mich“. Ich bin dort umgeben von mehreren Menschen, die aktiv an meinem Leben, meiner Arbeit teilnehmen. Ich bin in so vielen Facetten in dem Film präsent und zeige die Bandbreite meiner Kräfte. Ich weiß nicht, ob ich mich dadurch selbst anders sehe, auch weil ich mich in einer ständigen persönlichen Veränderung fühle. Aber es ist sicherlich ein Film, der sehr nah an mir dran ist.

Du bezeichnest dich stolz als „Terroristin des Geschlechtes“. Das hört sich erst einmal martialisch an. Wie meinst du das genau?
Zu Beginn meiner Karriere habe ich mich selbst als Gender-Terroristin gesehen, aber mittlerweile denke ich, dass ich das schon wieder überwunden habe. In letzter Zeit habe ich etwas scherzhaft behauptet, eine Predigerin werden zu wollen, da meine Gigs eine solche Kraft und Energie haben, die an einen religiösen Kult erinnert. Wir stellen unsere Körper und unsere Gefühle in den Mittelpunkt und feiern unsere Existenz. Das ist eine der wichtigsten Strategien um zu überleben.

Interview: Michaela Dudley

Oase, Live: Linn da Quebrada, DJ Moro,
04.10., 20:00, Säule/Berghain



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