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Dringender Aufruf zu Unterstützung

Protestaktionen und Demo zum „Dritten Geschlecht“

Der Gesetzesentwurf Seehofers zum „dritten Geschlecht“ ist katastrophal, klagen LGBTI-Gruppen. Mit der laufenden bundesweiten Aktionswoche und einer großen Kundgebung in Berlin am Samstag hoffen sie ihn noch abzuwenden

Team der Aktion Standesamt 2018 in Berlin

08.10.18 – Dritter Geschlechtseintrag ... was? Für einige, die sich damit noch nicht wirklich auseinandergesetzt haben, mag das Thema trocken und irgendwie zu bürokratisch klingen, um große Emotionen zu wecken. Schade! Denn hinter den Debatten um eine „dritte Option“ im deutschen Personenstandsregister verbirgt sich nichts weniger als eine revolutionäre historische Chance.

Stellt euch vor, es wäre offiziell und auf rechtlicher Ebene anerkannt, dass die zweigeschlechtliche (Hetero-)Norm der Vielfalt menschlichen Lebens nicht gerecht wird – und dass niemand anders als wir selbst über unsere Geschlechtsidentität entscheiden können. Klingt utopisch? Ja. Letzten Herbst schien es jedoch so, als sei die Utopie in greifbare Nähe gerückt: Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschied, dass es in Deutschland neben „männlich“ und „weiblich“ eine dritte Möglichkeit für einen positiven Geschlechtseintrag geben muss. Personen, die sich „dauerhaft weder dem einen noch dem anderen Geschlecht“ zuordnen, würden sonst in ihren Grundrechten verletzt. Bis Ende 2018 gab Karlsruhe der Bundesregierung Zeit, die Gesetze entsprechend zu ändern.

Und nun die Ernüchterung: am 15. August wurde ein sehr eingeschränkter Gesetzesentwurf des von Horst Seehofer geführten Innenministeriums angenommen. Der räumt eine dritte Option „divers“ ein – allerdings nur für inter* Personen, die in ein bestimmtes medizinisches Raster passen und die ein ärztliches Attest vorlegen können. Alle anderen, darunter auch nicht binäre (trans*) Personen, bleiben außen vor. Selbstbestimmung ade also?

Kein fauler Kompromiss

LGBTI-AktivistInnen, die schon seit Langem für eine Reform des Personenstandsrechts streiten, geben sich so leicht nicht geschlagen. Noch bis zum kommenden Freitag, den 12. Oktober, läuft die bundesweite Aktionswoche der Kampagne „Aktion Standesamt 2018“. „Wir können nicht nachvollziehen, warum sich die Bundesregierung auf diesen faulen Kompromiss eingelassen hat“, sagt Eliad Baumann von der Aktion Standesamt. „Intergeschlechtliche Menschen müssen sich weiterhin medizinisch untersuchen lassen, nicht binäre Personen finden gar keine Beachtung und das TSG (das sogenannte Transsexuellengesetz) wird auch nicht angefochten. Aber die Politik bleibt zurückhaltend, weil sie mit einem guten Gesetz etwas akzeptieren würde, was wir schon seit Jahren wissen: Es gibt mehr als zwei Geschlechter, nicht alle Menschen sind heterosexuell und Sexualität ist nicht nur zum Kinderkriegen da!“

Die „Aktion Standesamt 2018“ leitet sich von der „Aktion Standesamt“ von 1992 ab. Damals beantragten zahlreiche gleichgeschlechtliche Paare das Recht auf Eheschließung – als kollektive Form des Protestes. Alle, die mit der Geschlechtsbezeichnung, die ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, nicht einverstanden sind, sind nun aufgerufen, während der Aktionswoche bei den jeweiligen Standesämtern in ihrer Nähe einen neuen Geschlechtseintrag zu fordern. Bis heute wurden schon über 50 Anträge eingereicht. Wer noch mitmachen will: auf der Homepage der Kampagne stehen Musteranträge zur Verfügung.

Selbstbestimmung über die eigene Identität geht alle was an

Für kommenden Samstag, den 13. Oktober, ist in Berlin dann eine große Abschlussaktion geplant. Auf dem Platz der Republik wird es eine Kundgebung mit Performances und Beiträgen von unterschiedlichen LGBTI-Gruppen geben. Die Regierung, die Seehofers Gesetzesentwurf zwar gebilligt, aber noch nicht endgültig beschlossen hat, soll doch noch zum Umdenken bewegt werden. „Auf politischer Ebene sind aktuell vor allem Trans*- und Inter*-Selbstorganisationen aktiv, zu denen wir engen Kontakt haben“, sagt Eliad. „Wir wünschen uns Unterstützung aus der gesamten Gesellschaft! Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die eigene Identität geht alle was an.“

Die Kampagne hofft vor allem auf großen Support aus der LGBTI-Community – auch von jenen, die sich von dem Thema nicht unmittelbar betroffen fühlen. Die Kundgebung am Samstag ist zeitlich so gelegt, dass im Anschluß gemeinsam zur #unteilbar-Demo gegangen werden kann.

Elliot Zehms

 

Abschlusskundgebung der „Aktion Standesamt 2018“, 13.10, Forum vor dem Bundeskanzleramt, 12:00 - 15:00 Uhr

Aktionswoche 08.-12.10, Protestanträge bei Standesämtern stellen - Musterformulare zum Mitmachen auf der Webseite: Aktion Standesamt 2018

 



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