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Nacktschocker? „Touch me not“ startet im Kino

„Touch Me Not“ gewann bei der Berlinale: eine umstrittene Entscheidung, denn die explizite Docufiction über Intimität wurde sowohl als befreiendes Experiment als auch als voyeuristische Zurschaustellung von Körpern wahrgenommen

© Alamode Film

01.11.18 – Als „Sex-Doku“ und „Nackt-Schocker“ ging das Langfilmdebüt der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie durch die Presse, nachdem es auf der diesjährigen Berlinale überraschend den Goldenen Bären gewonnen hatte. Dabei ist der Fokus von „Touch Me Not“ gar nicht Sexualität, sondern – laut Berlinale-Programmtext – ein „persönliches Forschungsprojekt zum Thema Intimität“. Im Mittelpunkt des halb dokumentarischen Experimentalfilms steht Laura (Laura Benson), eine Frau in den 50ern, die ihre panische Angst vor Berührungen loswerden will. Zu diesem Zweck holt sie sich Hilfe von sehr verschiedenen Menschen – u. a. der trans* Sexarbeiterin Hanna (Hanna Hofmann) und dem Körpertherapeuten Seani (Seani Love). Auch beobachtet sie eine Gruppe behinderter und nicht behinderter Menschen, die in einer angeleiteten Sitzung gegenseitig ihre Körper erforschen.

Eine stringente Handlung lässt der Film vermissen; dafür transportiert er eine starke Botschaft: Sämtliche Körper, die wir im Film sehen, sind auf ihre Weise schön und begehrenswert. Das gilt für Tómas (Tómas Lamarquis), der mit 13 Jahren seine gesamte Körperbehaarung verlor, ebenso wie für Christian (Christian Bayerlein), der aufgrund seiner spinalen Muskelatrophie nur wenige Körperteile bewegen kann. Oder eben für Hanna, die sich erst mit 50 zur Transition entschloss und – im Gegensatz zu Laura – mit ihrem Körper völlig im Reinen zu sein scheint.

Allein durch die Diversität und die radikale Offenheit seiner Figuren schafft es „Touch Me Not“, unsere normierten Vorstellungen von Attraktivität aufzubrechen und nachhaltig zu verändern. Ein Film, der das leistet, hat großen Respekt verdient. Weniger gelungen ist dagegen die Gewichtung von psychoanalytischer Innenschau und klinisch-sterilem Ausloten des eigenen Begehrens. So deutet der Film ein Trauma in Lauras Kindheit an, das aber diffus bleibt.

Meist konzentriert sich der Film, wie eine unretuschierte Version von „Short Bus“, ganz auf die Interaktion von Körpern und blendet die Persönlichkeiten seiner Figuren weitgehend aus. Echte Wärme spürt man nur zwischen Laura und Hanna – und zwar gerade in den Szenen, in denen überhaupt kein Sex, nicht einmal Nacktheit stattfindet. Hanna spielt Laura ihre Lieblingskomponisten vor, spricht über Brahms, über ihre Kindheit und über ihre ungleichen Brüste, die sie Gusti und Lilo getauft hat. Unter den streng arrangierten Tableaus, die den Rest des Films ausmachen, ist diese spielerische, scheinbar „ziellose“ Kommunikation zwischen den beiden Frauen beinahe eine Erleichterung.

Anja Kümmel

Touch Me Not, Regie: Adina Pintilie, ab 01.11. im Kino



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