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Intrigen in der Motzstraße?

Dank der Proteste aus der Community scheint die Schließung der Hafenbar vorerst abgewendet. Geklärt ist deren Zukunft jedoch nicht – genauso wenig wie die Frage, wer für den Ärger verantwortlich ist

Hafen Soliparty am 03. Januar © Jason Harrell

06.02.19 – Wenn es hart auf hart kommt, hilft nur feiern. Gegen acht Uhr früh am Morgen des 4. Januar kehrt das Personal die letzten Gäste aus dem Hafen, 19 Stunden zuvor hatte die Soliparty zur Rettung der Kneipe angefangen. Über 1.000 Gäste haben vorbeigeschaut, schätzt man hinter der Bar, darunter Zazie de Paris, Chantal natürlich, Volker Beck, alle möglichen Medien von RBB bis Morgenpost. So zerstritten sich die Community in letzter Zeit präsentiert hat, sind sich in dieser Frage offenbar mal alle einig: Die Schöneberger Motzstraße ohne Hafen? Unvorstellbar.

Die Nachricht von der drohenden Schließung der Kneipe hatte kurz vor Weihnachten eine Schockwelle durch die Szene rollen lassen. Viele halten den Hafen fär das Herz der Motzstraße, nur Tom’s Bar nebenan gibt es noch länger. Seit 1990 trinken, tanzen und feiern hier queere Menschen – auf 66 verwinkelten Quadratmetern ohne Darkroom, berühmt für die Schlagernächte und den Koninginnedag. Tim Fischer ist hier aufgetreten, auch die Geschwister Pfister. „Vor fünfzehn Jahren sind wir für eine Andy-Warhol-Nacht auf drei Elefanten die Motzstraße entlanggeritten“, sagt Betreiber Ulrich Simontowitz. Kein besonders schicker Laden, eher Plüsch als Leder. Ein Ort für ein entspanntes Bier. Gibt es im Kiez so nicht noch mal. Und dann das: kein neuer Mietvertrag, Räumungsbescheid nach 28 Jahren, das Ende einer Schöneberger Institution. Ein queerer Schutzraum weniger.

Aufstand und Gerüchte

Man denkt sofort an Ausverkauf, Gentrifizierung, Neoliberalismus, an alles, was gerade schiefläuft in Berlin. Deswegen hören alle hin, als Simontowitz in einer ersten Mitteilung öffentlich dazu aufruft, „gegen die sinnlosen Entscheidungen der Immobilienspekulanten vorzugehen“. Sofort schaltet sich die Politik ein, die queer-politischen Sprecher*innen von SPD, Linken und Grünen fordern die Vermieterseite in einer gemeinsamen Erklärung zur Verlängerung des Mietvertrags auf. „Den Ausverkauf der queeren Szene werden wir nicht hinnehmen“, lässt Sebastian Walter von den Grünen wissen; Carsten Schatz von der Linken fordert dazu auf, „der zunehmenden Übergriffigkeit von Vermietern“ gemeinsam entgegenzutreten.

Wer sich jetzt noch nicht aufgewiegelt fühlt, ist spätestens nach der nächsten Nachricht bereit für den Aufstand: Simontowitz lässt durchblicken, dass der Angriff aus der Community komme. Ein benachbarter Gastronom habe eine deutlich höhere Miete geboten, sagt er. „Und das, obwohl wir uns im Februar schon mit dem Eigentümer geeinigt hatten, dass wir nach Auslaufen des jetzigen Vertrags am 31. Dezember weitermachen können.“ Schnell machen Gerüchte die Runde: das Hotel im selben Haus wolle aus dem Hafen eine Lobby machen; andere reden von einer Tapas-Bar. Wieder andere vermuten einen neuen Sexschuppen.

Was Simontowitz da noch nicht erwähnt: Er hatte mit dem Eigentümer, einer größeren, familiengeführten Berliner Immobilienfirma, nie einen Mietvertrag. Hauptmieter der Hafen-Räume war immer Tom’s Bar im selben Haus, der Hafen war Untermieter. Im Tom’s möchte man sich zur Sache nicht äußern – aus dem Umfeld wabern Gerüchte, der Betreiber habe sich mit Simontowitz überworfen, weil Letzterer heimlich mit dem Eigentümer über einen neuen Hauptmietvertrag verhandelt habe. Das wiederum habe den Eigentümer so erbost, dass er das ausgehandelte Angebot zurückzog.

Simontowitz sagt, er habe immer mit offenen Karten gespielt. „Allen war bekannt, dass wir Hauptmieter werden wollten – ist doch auch logisch, wenn der Mietvertrag ausläuft.“ Ob man so allerdings immer noch von Immobilienspekulation und Vermieter-Übergriffigkeit sprechen kann, ist eine andere Frage. Auch, ob es dann die flammenden Politiker-Statements gegeben hätte.

Schöneberg – quo vadis?

Für die meisten der Gäste am 3. Januar macht es keinen Unterschied, ihnen ist nur wichtig, dass der Hafen bleibt. „Die Motzstraße braucht den Laden“, sagt etwa Stylist und Szenegröße Frank Wilde. „Hier sind alle willkommen, es geht nicht um Sex. Davon gibt’s in der Straße doch genug.“ Ähnlich sieht es auch Partyveranstalterin Chantal, Dauergast seit ihren Zeiten als Sexarbeiterin auf dem Schöneberger Straßenstrich. „Das war wirklich immer ein Hafen für mich und alle anderen Gestrandeten“, sagt sie. „Ich weiß gar nicht, wo ich sonst hinsoll.“

Die ungeahnte Solidarität für den Hafen dürfte auch damit zu tun haben, dass der Schöneberger Kiez ohnehin um seine Identität fürchtet. Neben der allgegenwärtigen Immobilienspekulation sind es vor allem die Behörden, die der queeren – in diesem Fall vor allem schwulen – Welt zu schaffen machen. Tom’s Bar und Scheune mussten wegen Sicherheitsauflagen im vergangenen Jahr ihre Darkrooms vorübergehend schließen, der CDL in der Hohenstaufenstraße hat im Sommer ganz dichtgemacht. Das Ajpnia bekam während des laufenden Betriebs Besuch von Polizei und Ordnungsamt – die Gäste hatten nicht einmal Zeit, sich anzuziehen. Manche finden, Sicherheitskontrollen und -auflagen dieser Art seien nach dem tödlichen Brand in der Steam Works Sauna vor zwei Jahren notwendig geworden. Andere sprechen von Razzien und fühlen sich an dunkle Zeiten erinnert.

„Was die Behörden in Schöneberg veranstalten, ist pure Schikane“, sagt Bernd Schulz, der schräg gegenüber vom Hafen seit 19 Jahren den Military Store betreibt. Mehrfach hätten Ordnungsamt und Polizei vor seiner Tür gestanden und einen angeblich obszönen Tischbrunnen im Schaufenster beanstandet. „Der Blue Boy Bar haben sie die Grillabende verboten, das Toy Boy darf seit dem Betreiberwechsel keine Tische mehr rausstellen. So geht das seit ein paar Jahren reihenweise hier, seit der jetzige Senat an der Macht ist.“ Aber nicht nur deshalb wird Mitte des Jahres der Military Store schließen – auch Schulz’ Laden wurde der Mietvertrag gekündigt. Wie beim Hafen vermutet er Gastronomen aus der Nachbarschaft dahinter. „Die wollen hier noch ein Café draus machen“, sagt er. „Ich bin sicher, dass die mit allen Mitteln auf die Hausverwaltung eingewirkt haben.“ Er sei aber ohnehin bereit aufzuhören. „Es macht mir einfach keinen Spaß mehr“, sagt er.

Vage Hoffnung für den Hafen

Für den Hafen gibt es mittlerweile vage Hoffnung: Laut Betreiber kam vonseiten des Eigentümers und des Hauptmieters das Angebot, vorerst ein Jahr lang weitermachen zu dürfen – allerdings an die Bedingung geknüpft, dass statt Ulrich Simontowitz der langjährige Hafen-Mitarbeiter Sebastian Pagel den neuen Untermietvertrag unterschreibt. Simontowitz sagt, er habe generell nichts dagegen, ihm gehe es nur um den Hafen selbst. „Nach 28 Jahren brauchen wir jetzt aber echte Sicherheit und Stabilität – und die gibt es nur mit einem langfristigen Hauptmietvertrag, direkt mit dem Eigentümer.“ Er befürchtet, dass die Gegenseite nur abwarten wolle, bis sich die Aufregung gelegt hat. „Vielleicht wollen sie uns einfach in einem Jahr loswerden, dann haben wir verloren.“

So oder so: die Solidarität der letzten Wochen habe ihn überwältigt. „Ohne den Kampfgeist aus der Community hätte es dieses Angebot nicht gegeben.“ Hilft nur weiterkämpfen.

Daniel Sander

hafen-berlin.de



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