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Ausstellung

Liebe, Sex und Tod

Zwischen Kunst, Aktivismus und Konfrontation mit HIV: das KW Institute for Contemporary Art widmet sich queeren Kunstschaffenden, darunter der Berliner Kurator Frank Wagner

Frank Wagner © Christin Lahr

07.02.19 – 20 Jahre ist es jetzt her, dass Frank Wagner in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) „Unterbrochene Karrieren“ initiierte, eine Ausstellungsreihe über schwule Künstler und Kulturvermittler, deren Schaffen viel zu früh durch Aids beendet wurde. Vor zwei Jahren hat der Berliner Ausstellungsmacher nun selbst seinen Kampf gegen Krebs und HIV verloren.

Um zu ermessen, welchen Verlust sein Tod für die Berliner wie die internationale Kunstszene, aber auch für die queere Community darstellte, genügt es, sich seine wegweisenden Ausstellungen zu vergegenärtigen. Bereits in den 80er-Jahren setzte er sich mit Genderfragen und marginalisierter Sexualität auseinander. 1988 realisierte er mit „Vollbild Aids“ die europaweit erste Ausstellung zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der HIV-Epidemie. „Frank war wirklich ein Pionier“, sagt der Fotograf Wolfgang Tillmans, der zu seinen Weggefährten zählte, und erinnert an einen anderen Meilenstein: „Mit ,Das achte Feld’ 2006 im Kölner Museum Ludwig hat er weltweit die erste Ausstellung zu queerer Kunst in einem Topmuseum initiiert.“ Welches Novum dies war, werde leicht unterschätzt, betont Tillmanns. „Warhols und Twomblys Werke sind zwar in vielen Museen auf der ganzen Welt, aber sie werden nie als von Schwulen gemacht diskutiert. Künstler*innen, die aktiv queer oder Aids-spezifisch Position bezogen, wurden oft gemieden und nur marginal gezeigt. Die nGbK und Frank haben da viel bewegt.“

Frank Wagner hat zwar immer wieder für Institutionen auch außerhalb Deutschlands gearbeitet, der nGbK aber blieb er über vier Jahrzehnte hinweg eng verbunden. Und so ist es auch naheliegend, dass nun ein Team des nGbK-RealismusStudios auf Einladung des KW Institute for Contemporary Art mit „Ties, Tales and Traces“ eine Gedenkausstellung für Frank Wagner gestaltet.

Christin Lahr und Vincent Schier haben sich dazu in den vergangenen Monaten durch Wagners Nachlass gearbeitet. Mehrere Tausend Bücher umfasst allein seine Bibliothek. Über 10.000 Fotos waren zu sichten, Kisten und Kartons voll mit Briefwechseln und Projektunterlagen. Was also bleibt vom Schaffen eines Kurators, der ja selbst keine Kunst produziert, sondern sie lediglich auswählt und in Verbindung setzt? Wie stellt man dessen Nachlass aus? „Diese Frage haben wir uns auch gestellt“, sagt Vincent Schier und lacht. „Wir haben uns dazu entschieden, alle von ihm realisierten Kunstprojekte in ihrer Gesamtheit in einer Timeline aufzulisten.“

Dazu gruppiert werden Fotos, Briefe und andere Dokumente sowie Arbeiten, die stellvertretend für jene Themen und Künstler*innen gezeigt werden, die Wagner besonders wichtig waren. „Frank war nicht der Typ Kurator, der sich große Namen sucht und sich damit wichtig macht“, sagt Christin Lahr. Im Gegenteil: „Er hatte ein gutes Gespür für interessante Leute und hat sich etwas getraut.“

Félix González-Torres etwa hat er kurz nach dessen Hochschulabschluss entdeckt; andere wie Hanne Darboven und Jeff Wall holte Frank Wagner noch vor ihrem internationalen Durchbruch nach Berlin. Über 900 Künstler*innen hat er mindestens einmal ausgestellt, den meisten war er sehr treu und begleitete sie ein Leben lang. Frank Wagner, der hochgewachsene, schlaksig-schlanke Mann, war nicht nur ein Kunstvermittler im besten Sinne, sondern auch ein engagierter Netzwerker. „In der Vorbereitung der Ausstellung ist uns noch einmal deutlich geworden, welche Bedeutung Frank für viele hatte“, sagt Christin Lahr.

Weggefährten werden deshalb die Gelegenheit nutzen, um bei Führungen ihre Erinnerungen zu teilen. Wolfgang Tillmans etwa ist Frank Wagner erstmals Mitte der 90er-Jahre in New York begegnet. „Da haben mein Freund Jochen Klein, Frank und ich auch schon mal bei den Fetischkunstnächten ,Pork’ im The Lure zusammen über Kunst im Allgemeinen und die herumstehenden Kerle im Besonderen gesprochen.“

1996 war dann erstmals eine Tillmans-Fotografie in einer von Frank Wagner kuratierten Ausstellung zu sehen. Am 1. Februar öffnet der Fotograf seinen eigenen Galerieraum Between Bridges nun für Arbeiten aus der Sammlung Wagners. „Wir wollen das sich verwandelnde Lebensgefühl, die persönlichen Verbindungen und künstlerischen Stile von den 80er-Jahren bis heute sichtbar machen“, erklärt Tillmans. Zusammen mit Eugen Ivan Bergmann hat er dazu Kunstwerke ausgewählt, die tatsächlich auch in Wagners Wohnung hingen und nicht, wie viele Hunderte andere, lediglich in Kisten verstaut waren.

Ein weiterer Schwerpunkt ist seiner Rolle als Vermittler der New Yorker Kunst- und Aktivistenszene gewidmet. Dass diese radikale, weil tatsächlich existenzielle Auseinandersetzung mit HIV und den neuen Formen der Homophobie im Zuge der Aidskrise schon so früh in Deutschland zu sehen war, ist eines der großen Verdienste Wagners. Einem dieser Künstler*innen, dem Homo- und Aidsaktivisten David Wojnarowicz’, hatte er kurz nach dessen Tod 1992 eine Retrospektive gewidmet. Das KW Institute zeigt nun parallel zur „Ties, Tales and Traces“ eine Auswahl von Wojnarowiczs Filmarbeiten und Fotografien.

Auf seine Weise ebenso unerbittlich und provokant war der iranische Theatermacher Reza Abdoh. Seine skandalumwitterten Bühnenspektakel wurden angesichts seiner Aidserkrankung zunehmend alptraumhafter. Als er 1995 gerade einmal 32-jährig starb, blieben von seinem Werk nur Videoaufzeichnungen wie die bei einem Gastspiel im „Sigma“-Festival in Bordeaux entstandene Aufnahme seines Stücks „The Hip-Hop Waltz of Eurydice“, die das KW Institute nun beispielhaft präsentiert.

Axel Schock

SIEGESSÄULE präsentiert:

„David Wojnarowicz: Photography & Film 1978–1992“
„Reza Abdoh“
„Ties, Tales and Traces – Dedicated to Frank Wagner“
,
09.02.–05.05.,
Vernissage der drei Ausstellungen: 08.02., 19:00,
KW Institute for Contemporary Art

kw-berlin.de





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