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Debatte

Interview mit Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir: „Eure Heimat ist eine absolute Frechheit“

Wir sprachen mit den Herausgeber*innen des Essaybandes „Eure Heimat ist unser Albtraum“ über das Konzept „Heimat" und die Solidarität von weißen Queers

SIEGESSÄULE-Volontärin Hannah Geiger, HengamehYaghoobifarah und Fatma Aydemir (v. l. n. r.) © Orazio Sagone

11.03.19 – In ihrem im Februar veröffentlichten Essayband mit dem provokanten Titel „Eure Heimat ist unser Albtraum“ vereinen die Herausgeber*innen Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah starke Stimmen postmigrantischer, feministischer Schriftsteller*innen, die über den Begriff Heimat nachdenken. Darunter Sasha Marianna Salzmann, Margarete Stokowski oder Max Czollek. SIEGESSÄULE-Volontärin Hannah Geiger sprach mit den beiden über Sinn und Unsinn des Konzepts „Heimat“, die notwendige Solidarität von weißen Queers und die nicht immer wohlwollenden Reaktionen auf das Buch

Hengameh und Fatma, in fast allen Essays im Buch wird die Einführung des „Heimatministeriums“ im März 2018 diskutiert. Warum ist die Umbenennung eines Ministeriums so eine große Sache?
Hengameh:
Der Begriff Heimat hat in Deutschland eine völkische Geschichte vom Nationalsozialismus über die NPD als „Heimatpartei“ bis zum Thüringer Heimatschutz, aus dem der NSU entstanden ist. Plus: Das Ministerium wird ausgerechnet von Horst Seehofer geleitet, der für seine rechten Parolen schon seit Jahrzehnten bekannt ist. Diese Tatsache und dass das einfach akzeptiert und belächelt wird, nehmen wir so nicht hin.

Fatma:
Es hat sich eine Normalisierung des Begriffs „Heimat“ vollzogen, ohne dass eine Diskussion darüber stattgefunden hat. Es wurde nicht geklärt, was „Heimat“ bedeutet und warum wir sie brauchen sollten. Und das zu einer Zeit, in der sowieso schon sehr stark Stimmung gegen Geflüchtete gemacht wird, und mit einem Typen wie Horst Seehofer, der antritt und als Erstes sagt: „Migration ist die Mutter aller Probleme.“ Dabei verkennt er völlig, wie viel Deutschland den Migrant*innen eigentlich zu verdanken hat. Der ganze Wohlstand der Nachkriegsgesellschaft gründet darauf, dass Arbeitsmigrant*innen für wenig Geld viel gearbeitet haben. Es ist traurig, dass diese Wertschätzung immer noch verwehrt wird.

Ihr habt in eurem Titel mit „Eure Heimat“ klare Adressat*innen. Wer ist das? Fatma: Das richtet sich an weiße Deutsche und zwar an diejenigen, die mit dem Begriff als Ideal einer weißen, christlichen, patriarchalen, heterosexistischen Gesellschaft einverstanden sind. Deren Heimat ist unser Albtraum. Aber das heißt nicht, dass das Wir in „unser Albtraum“ nicht offen ist. Es ist kein identitäres Wir, sondern eins, in dem jede*r Leser*in sich wiederfinden kann. Denn dieses Heimatideal ist ja nicht nur für PoC und Migrant*innen ein Albtraum, sondern auch für viele weiße Deutsche. Der Unterschied ist nur, dass viele weiße dem zwar kritisch gegenüberstehen, es für sie aber gleichzeitig nur etwas ist, worüber man sich kurz aufregt und lacht und nicht etwas, das die Existenz bedroht.

Hengameh: Ja genau, es ist unterschiedlich bedrohlich. Deshalb rufen wir auch zur Solidarität zwischen weißen Queers, Schwarzen Personen und People of Color auf. Derselbe Horst Seehofer, der rassistische Aussagen macht, ist nämlich auch dafür verantwortlich, dass die Dritte Option, die eine Chance gewesen wäre, einen selbstbestimmten Geschlechtseintrag zu ermöglichen, in den Sand gesetzt wurde. Er hat schon wieder trans* und inter* Personen pathologisiert, sie behandelt, als hätten sie eine Krankheit, und das gesetzlich verankert. Das ist ein Warnsignal, auf das weiße Queers reagieren sollten.

Aber gibt es diese Solidarität von weißen Queers nicht schon?
Hengameh:
Das hängt davon ab, wie wir „Queers“ definieren. Meinen wir linksradikale Queers oder generell Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* Personen? Es gibt sehr viele LGBTI-Personen, die rechts wählen oder Jens Spahn gut finden, nur weil er die Krankenkassenübernahme von PreP ermöglicht hat. Eigentlich würde man sich wünschen, die Solidarität sei bereits da, aber die Realität trifft diesen Wunsch mitnichten. Es gibt ja auch LGBT-Personen in der AfD. Ein Problem bei dem Konzept weißer Vorherrschaft ist, dass sie dazu führt, dass sich Leute miteinander verbinden, die sonst nicht einmal miteinander reden würden.

Habt ihr denn auch einen positiven Bezug zu Heimat?
Hengameh:
Ehrlich gesagt nicht, weil ich immer gefragt wurde, wann ich zurück in meine „Heimat“ gehe, es dabei aber nie um Deutschland ging.

Fatma: Das ist auch jeder zweite Kommentar auf Artikel oder Kolumnen von uns: „Geh doch zurück in deine Heimat.“ Keine Ahnung, was das sein soll, diese Heimat. Die Frage ist aber auch schwer zu beantworten, weil dieses Wort alles bedeuten kann. Wir können hier am Kottbusser Tor fünf Leute fragen – die werden alle etwas Unterschiedliches sagen. Es geht nicht darum, dieses Wort komplett abzuschaffen. Es geht nur darum, so einen vagen Begriff nicht von heute auf morgen auf ein Ministerium zu „klatschen“, denn Ministerien verwalten Finanzen, Außenpolitik und vieles mehr. Aber wie verwaltet man Heimat?

Hengameh: Anders wäre es bei dem Begriff „Zuhause“, der kann vieles bedeuten – eine queere Community oder das Sofa einer Freundin.

Ihr wählt beide in euren Texten symbolische weiße Gegenspielerinnen. Da ist eine Figur „Annika“, die dich, Hengameh, anstarrt, oder bei dir, Fatma, ist es eine weiße Praktikantin, die eher einen Job kriegt als du. Warum macht ihr das?
Fatma: Dadurch kann man konkreter werden. Es ist eine gute Form, strukturelle Dinge wie Rassismus vereinfacht darzustellen, sozusagen ein erzählerisches Mittel. In der Situation, die von mir beschrieben wird, war die Praktikantin eine Frau wie ich – im selben Alter, wir wollten dasselbe erreichen – sie ging aber davon aus, dass sie eher ein Anrecht auf bestimmte Jobs hat als ich. Wenn ich dann den Job kriege, ist es „der Migrantenbonus“, aber nie meine Qualifikation. Bei der Veröffentlichung meines ersten Buches, „Ellbogen“, war es ähnlich. Wenn Leute erfahren haben, dass es in dem Roman um Migration geht, war die Reaktion oft: „Ah ja, dieses Trendthema.“ Da denke ich mir: Alter, du bezeichnest mein Leben gerade als Trendthema, was soll das?

Hengameh: Alle denken immer „Uwe, der Glatzkopf“ ist der Rassist, aber es ist auch Annika, das Mädchen aus Pippi Langstrumpf: Das Stereotyp eines weißen, mittelständischen Mädchens. Auf heute übertragen würde sie vielleicht nicht in Chemnitz mitlaufen, aber sie verhielte sich trotzdem rassistisch.

Im Buch sind es bei euch beiden junge Frauen, die relativ naiv dargestellt werden. Hat das nicht etwas Sexistisches?
Fatma: Good point.

Hengameh: Nicht unbedingt, weil viele weiße cis Feministinnen Transfeindlichkeit und Rassismus nur Männern zuschreiben, selbst aber genauso schlimm sein können. Bei Frauen wird Rassismus viel mehr geduldet als bei Männern. Dadurch wird aber unsichtbar gemacht, welche Rolle Frauen zum Beispiel im Kolonialismus oder während der Shoah gespielt haben. Viele denken, sie waren nur leise Komplizinnen, aber sie haben aktiv zu den millionenfachen Morden beigetragen. Abgesehen davon nehme ich das, was Typen sagen, eh nicht ernst, deswegen kommen die nicht so oft vor. (Lacht)

Auf Twitter reagieren Leute auf das Buch mit Sätzen wie „Niemand hält euch hier“, oder „Sie kommen hierher, weil es ihnen in ihren Ländern nicht passt, und wenn sie hier sind, wollen sie alles so haben wie das, vor dem sie weggelaufen sind.“ Was sagt ihr zu so etwas?

Hengameh: Ich bin hier geboren und vor nichts weggelaufen.

Fatma: Ich bin auch hier geboren und zwar, weil meine Großeltern hierher bestellt wurden! Jetzt bin ich hier und wüsste nicht, wo ich sonst hingehen sollte.

Hengameh: Bei mir hängt es auch oft mit Hass auf Queers zusammen. Da wird dann nicht nur gesagt, geh zurück in deine Heimat, sondern geh zurück in deine Heimat, wo du am Baukran erhängt wirst, weil meine Eltern aus Iran sind. Es gab auch den Tweet: „Dieses Buch ist eine absolute Frechheit.“ Das hat Fatma für die Buchankündigung vorgeschlagen.

Fatma: Ja, das würde ich mir gerne auf den Arm tätowieren lassen. (Lacht)

Hengameh: Oder das wird das nächste Buch: „Eure Heimat ist eine absolute Frechheit“.

Interview: Hannah Geiger

Eure Heimat ist unser Albtraum,
Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.),
Ullstein, 208 Seiten, 20 Euro

Lesung & Gespräch: 13.03., 19:30,
Pablo-Neruda-Bibliothek, Eintritt frei




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