100 Jahre Hildegard Knef: „‘ne Dame werd‘ ich nie“
Vor 100 Jahren, am 28. Dezember 1925, wurde Hildegard Knef geboren. Die Schwulenkone fasziniert und inspiriert noch immer. Ihr Jubiläum wird diesen Monat mit einer Reihe Veranstaltungen gefeiert. SIEGESSÄULE-Autor Ecki Ramón Weber sprach mit Wegbegleitern und Künstlern, die die Knef zelebrieren
In Chansons und Songs der Knef erkannten und erkennen sich Generationen von Schwulen und Queers wieder: „In dieser Stadt“ von 1965 ist lange vor „Small Town Boy“ von Bronski Beat die Geschichte einer Flucht aus provinziellen Zwängen. Knefs Hit „Eins und eins, das macht zwei“ von 1964 wurde zur queeren Hymne, weil der Text die Paarbeziehung genderneutral präsentiert. „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ von 1968 ist Knefs „Somewhere“ und „Over the Rainbow“ gleichzeitig.
2018 interpretierte auch Conchita Wurst das Lied. Knefs deutsche Version des Cole-Porter-Evergreens „The Lady Is a Tramp“, „Ich glaub’, eine Dame werd‘ ich nie“ von 1968, bezieht Stellung gegen vermuffte Gender-Klischees. Was sie in ihren – oft selbst getexteten – Liedern transportierte, das lebte Hildegard Knef auch. Sie scherte sich nicht um spießige Konventionen und Zwänge.
„Sie liebte die Schwulen und wir liebten sie“
„Sie war ihrer Zeit voraus“, betont René Koch, der in seinem Berliner Lippenstiftmuseum eine Knef-Ausstellung zeigt. Er war Knefs Visagist, Stilberater und langjähriger Freund, dieses Jahr hat er das Buch „Meine Freundin Hildegard Knef“ veröffentlicht, seine persönlichen Erinnerungen: „Sie faszinierte nicht nur mich, sondern eine ganze Generation. Sie war authentisch, frech, mutig, stylish. Sie liebte die Schwulen und wir liebten sie. Also Hilde forever.“
Einer der größten Fans ist der Züricher Dieter Bornemann. Im Winter 2005, drei Jahre nach Knefs Tod, kuratierte er im Schwulen Museum eine große Ausstellung über sie. „Hildegard Knef ging eigenwillig ihren Weg. Mit Mut zur Blamage, mit Mut zum Risiko“, so Bornemann. „Mit ihrem Erscheinungsbild zog sie vor allem auch Schwule in ihren Bann. Ihre markante, dunkle Stimme und ihre Augen mit den auffällig überbetonten Wimpern wurden zu ihrem Markenzeichen.“
„Hildegard Knef ging eigenwillig ihren Weg. Mit Mut zur Blamage, mit Mut zum Risiko.“
Diese dicken künstlichen Wimpern, die sie – Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin und Malerin – selbstironisch auch in eigenen Zeichnungen hervorstechen ließ, erwähnt auch der Hamburger Künstler Moritz Stetter, der gerade die Graphic Novel „Die Knef“ veröffentlicht hat: „Hildes im Laufe der Jahre immer länger werdende Wimpern waren ziemlich camp“, sagt er. Für ihn geht es auch weit über solche Äußerlichkeiten hinaus: „Von Anfang an stand die Knef in ihrer Karriere im Konflikt mit konservativen Moralvorstellungen, man denke nur an den Skandal des Films ‚Die Sünderin‘, ihre Liebschaften mit jüngeren und verheirateten Männern, die öffentliche Schönheits-OP.“ Stetter betont auch ein aufschlussreiches Detail: „1971 läuft sie bei der New Yorker Gay-Pride-Demonstration zum zweiten Jahrestag der Christopher Street Riots mit und lernt Rosa von Praunheim kennen.“ Auch dies hat er in seiner Graphic Novel festgehalten.
Event-Tipps
Im Dezember gibt es in Berlin eine ganze Reihe an Veranstaltungen anlässlich des 100. von Hildegard Knef: Shows, Konzerte, Lesungen, sogar einen Gottesdienst. Selbstverständlich ist auch Ulrich Michael Heissig aka Irmgard Knef dabei, in der Bar jeder Vernunft. Seit 26 Jahren versprüht Irmgard Knef als Hildegards fiktive jüngere, zu kurz gekommene Schwester ihren eigenen Glamour. Heissig sieht Hildegard Knef als „Erfinderin des Outings, als es den Begriff noch gar nicht gab: das Private öffentlich machen, sich selbst immer wieder neu und anders erfinden“. Und zu Knefs „Wunschbefehl“, es rote Rosen regnen zu lassen, fragt er: „Wer könnte sich als queerer Mensch damit nicht identifizieren?“
Irmgard Knef: Happy Birthday, Hilde!,
28.12., 19:00, 30.12., 20:00, Bar jeder Vernunft
Tim Fischer singt Hildegard Knef – Na und,
22.+23.12., 20:00, Bar jeder Vernunft
bar-jeder-vernunft.de
Friedelise alias Hildegard Knef –„Ich will alles“,
13.12., 16:00, Konzerthaus
konzerthaus.de
Hildegard Knef: Ich glaub‘, ‘ne Dame werde ich nie,
28.12., 16:00, Theater im Palais
theater-im-palais.de
Gottesdienst mit Gedenken zum 100. Geburtstag von Hildegard Knef,
28.12., 10:00, Zwölf-Apostel-Kirche
zwoelf-apostel-berlin.de
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