Kultur

Heimatgefühle und Gender-Identität: Rae Spoon in Berlin

9. Mai 2014
© JJ Levine

Der Trans*Künstler macht eine Lesung im Other Nature und gibt ein Konzert im Alten Finanzamt

Seit 2001 veröffentlichte der queere kanadische Singer-Songwriter Rae Spoon acht Alben, flirtete mit Folk, Indierock und sogar Electropop. Sein letztes, „My Prairie Home“, ist der Soundtrack für eine gleichnamige musikalische Dokumentation, die beim diesjährigen Sundance-Filmfestival zu sehen war. Rae ist gerade in Berlin zu Gast: Am 11. Mai wird er eine Lesung im Other Nature halten, am 29. Mai spielt er live im Alten Finanzamt. Joey Hansom sprach mit dem Trans*-Künstler

Deine letzte Platte „My Prairie Home“ befasst sich mit der Bedeutung von „Heimat“, wenn diese ein Ort geworden ist, an den man nicht mehr zurückkehren kann. Du wurdest in Calgary geboren und lebst jetzt in Montreal. Fühlt sich Montreal wie Heimat an? Ich lebe jetzt schon seit fast sechs Jahren in Montreal und mittlerweile fühlt es sich auch nach Heimat an, ja. Ist schon ewig her, dass ich in Calgary gelebt hab.
Wenn ich das richtig recherchiert habe, hatte die Filmemacherin Chelsea McMullan bereits mit der Planung des gleichnamigen Films begonnen, bevor sie dich traf. Erst wolltest du nur den Soundtrack beisteuern und am Ende warst du das Hauptthema des Films. Wie kam das?
Eigentlich traf sie sich mit mir, weil ich den Soundtrack für einen anderen ihrer Filme machen sollte – „Deadman“. Wir arbeiteten also bereits zusammen und wurden Freunde. Für „My Prairie Home“ arbeitete sie mit dem selben Produktionsteam und so kam sie auf die Idee, den Film zu einer Art musikalischen Dokumentation zu machen mit mir im Fokus der Handlung.
Du liest am 11. Mai im Other Nature Sexladen aus deinem Buch „Grass Fire“ und spielst am 29. Mai ein Konzert im Alten Finanzamt. Wird der Film während deines Berlinaufenthaltes auch gezeigt?
Ich glaube, der Film wird in Deutschland vorerst überhaupt nicht gezeigt. Finde ich irgendwie komisch, da er bereits in Österreich und anderen Teilen Europas lief.
Nachdem du bereits seit zehn Jahren als Trans*mann lebst, hast du dich kürzlich dazu entschlossen, dass du gerne mit dem Pronomen „they“ bezeichnet werden möchtest. Gab es eine weitere Transition in deiner Gender-Identität oder war das einfach das bessere Wort für etwas, das du schon immer warst?
Früher habe ich das Pronomen „er“ bevorzugt, weil es meine Trans-Maskulinität ausdrückte. Ich habe mich ganz in diese männliche Identität hineinbegeben und fand das auch sehr lange passend. Als ich nach Montreal zog, traf ich dort zum ersten Mal Leute, die ein genderneutrales Pronomen benutzten. Das zeigte mir eine neue Möglichkeit auf, und ich hatte schnell das Gefühl, das das noch besser zu mir passte. Ich denke schon, dass das eine weitere Gender-Transition für mich war. Davor hatte ich einfach nicht dieses Umfeld, in dem der Gebrauch von „they“ eine Option war.
Kennst du dich ein bisschen in der deutschen Sprache aus?
Naja, ich hab ein paar Jahre lang in einer Kleinstadt in Deutschland gelebt. Aber ich war damals so viel international unterwegs, dass ich die Sprache nicht wirklich gelernt habe. Ich weiß also nicht, ob es im Deutschen genderneutrale Pronomen gibt.
Naja, „they“ heißt im deutschen Plural „Sie“ und „Sie“ kann gleichzeitig weiblich gelesen werden. Außerdem ist es auch noch die formale Anrede für eine Person, deshalb funktioniert das genderneutrale „they“ in der deutschen Übersetzung nicht.
Das ist schwierig, stimmt. In Montreal ist die Amtssprache Französisch. Wenn ich dort in den Medien vorkomme, erbitte ich mir das männliche Pronomen, weil es im Französischen auch kein passendes Äquivalent zu „they“ gibt. Ich denke aber, jede Sprache wird da ihre eigenen Lösungen finden. Ich finde nicht, dass man den Leuten die englische Variante aufdrängen sollte.

Lesung: 11.05., 19:00, Other Nature
Konzert: 29.05., 21:00,
Altes Finanzamt Neukölln