Film

„Coming In": Von heterophoben Homos

22. Okt. 2014

„Coming In" eilt der Ruf eines schwulenfeindlichen Machwerks voraus. Ab dem 23.10. läuft Marco Kreuzpaintners Komödie in den Kinos an

– Im Vorfeld sorgte „Coming in“ bereits für böses Blut. Ausgerechnet Marco Kreuzpaintner, ein schwuler Regisseur, schien sich in seinem neuen Film auf das homophobe Klischee zu berufen, dass man nur auf die Richtige oder den Richtigen treffen muss, um von seiner Homosexualität kuriert zu werden. Erinnerungen an Klassiker wie „The Fox“ (1967) kommen hoch, in dem ein hübscher Seemann eine junge Frau aus ihrer krankhaften lesbischen Beziehung befreit. Demgegenüber mag das Wort Homophobie für eine Klamotte wie „Coming In“ wie eine unzulässige Dramatisierung erscheinen. 

Kostja Ullmann spielt den schwulen Berliner Starfriseur Tom Herzner, der seinen ziemlich unterkühlt wirkenden Lebensgefährten Robert verlässt, weil er sich neu verliebt. Seine Auserwählte ist die Neuköllner Kiezfriseurin Heidi (Aylin Tetzel), die aussieht wie Lena Meyer-Landrut und auch genauso quirlig und jugendlich frisch daherkommt. Die beiden treffen aufeinander, als Tom den Auftrag bekommt, zum ersten Mal ein Shampoo für Frauen zu kreieren. Dafür streift er sein geschniegeltes Schwulen-Outfit ab und verkleidet sich mit blonder Perücke und Fußballtrikot als Hetero. Ganz inkognito, als Aushilfskraft in Heidis Friseursalon, gilt es herauszufinden, was das für ihn so fremde Wesen Frau denn nun eigentlich will. Es kommt wie es kommen muss: zwischen den beiden funkt's, was Toms tuckige und extrem aufgebrachte Schwulen-Clique auf den Plan ruft, die sein titelgebendes „Coming In“ zu verhindern sucht.

Soweit also der ziemlich debile Plot. Aber es kommt noch dicker: Fast zwei Stunden lang darf man die abgedroschensten Klischees bezüglich Geschlechterdifferenzen und sexueller Identitäten ertragen, ohne das sie auch nur einen Hauch unterminiert würden: Frauen sind hier natürlich vor allem total kompliziert und Schwule brechen beim Anblick von Hetenpornos in Angstschweiß aus. Nachdem jegliches Schubladendenken derart zementiert wurde, ist der Film dreist genug, noch eine moralische Botschaft in die Welt zu posaunen: Auch Homos sollten mehr Toleranz zeigen und ihre eigenen normativen Vorstellungen von Sexualität überwinden. Immerhin der erste Moment im Film, an dem man sich ein Grinsen nicht ganz verkneifen kann.

Selbst eine arg in die Jahre gekommene Posse wie „La Cage Aux Folles“ (1978) legte nicht nur ein größeres Maß an Sensibilität gegenüber seinen queeren Figuren an den Tag, sondern brachte auch mehr Wissen über Tuntenklischees mit. Mal ganz zu schweigen von dem wesentlich liebevolleren Blick, der auf sie geworfen wird. Der Film weiß eigentlich nichts über Berliner Community oder Szenerituale. Seine Vorstellungen von Homosexualität scheint er sich von Sat1-Filmen und den QVC-Sendungen mit Harald Glööckler geborgt zu haben, seine Ästhetik gleich mit. Auch findet sich hier alles wieder, was man deutschen Komödien irgendwo zwischen „Manta Manta“ und Bully Herbig vorgeworfen hat: Es fehlt an einem gelungenen Timing für Pointen, es fehlt an Fantasie, an Charme, es fehlt eigentlich an allem. Man weiß nicht, was schlimmer ist, dass Heidi ihrem zukünftigen Lover hysterisch entgegenschreit „Ich will nicht deine Schwulenmutti sein" oder das irgendjemand der Beteiligten offensichtlich dachte, das wäre witzig.

Der Aufruf zu mehr Toleranz wird aus verschiedenen Gründen zum zweischneidigen Schwert: „Coming in" möchte helfen unser Schubladendenken zu überwinden. Ein löbliches Anliegen. Und dass ein schwul lebender Mann sich in eine Frau verliebt und dadurch Probleme mit seiner bisherigen Homo-Clique bekommt bzw. sogar ausgegrenzt wird, ist nicht einfach die lebensfremde Konstruktion eines schlechten Drehbuchs. Der Stoff hätte da durchaus Potenzial gehabt, auch Teilen der Community einen Spiegel vorzuhalten. Aber Kreuzpaintners Film ist an einer ironischen oder wie immer gearteten Reflexion dieses Themas gar nicht interessiert, sowie er auch das Wort Bisexualität in Bezug auf Tom tunlichst vermeidet. Schließlich könnte das implizieren, dass nach dem großen Glück mit Heidi vielleicht doch wieder ein Mann in seinem Leben auftaucht. Und das würde die romantische Luftblase zum Zerplatzen bringen. Denn in der Welt von „Coming In" gibt es das ganz große Glück zwischen zwei jungen und blendend aussehenden Menschen nur zwischen Mann und Frau. Die umgekehrte Variante der Geschichte ist zumindest als massenkompatible Feel-Good-Komödie kaum denkbar. So geht es dann eben doch nur um die Toleranz für einen Haufen Heten, denen angeblich nicht zuzumuten ist, mit einer romantischen HeldInnenfigur mitzufiebern, die am Ende mit einer Person des gleichen Geschlechts in den Sonnenuntergang schreitet. Für deren Unbehagen sollte man schon Verständnis aufbringen: Feel-Good-Komödien sind ja schließlich dazu da, um sich wohl zu fühlen ...

Andreas Scholz

„Coming In", ab 23.10. im Kino

Interview mit Regisseur Marco Kreuzpaintner folgt