Interview: Sopor Aeternus

„Ich suchte einen Weg, um mich nicht umbringen zu müssen“

6. Nov. 2014
Sopor Aeternus @ Ingo Röhmling, Bearbeitung von Natalie Shau und AVC

Kürzlich erschien das neue Album von Anna-Varney Cantodea alias Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows. Wir sprachen mit der queeren Gothic-Ikone

Mit „Mitternacht" erscheint jetzt das zwölfte Album der Gothic-Künstlerin Anna-Varney Cantodea, deren Projekt Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows zu den weltweit erfolgreichsten deutschen Dark-Wave-Acts gehört. Bereits zum dritten Mal hat Siegessäule-Chefredakteur Jan Noll die Trans*Goddess der spukigen Kammermusik zum Interview gebeten, um mit ihr über ihr neues Werk zu sprechen

Mit der Veröffentlichung deines neuen Albums „Mitternacht“ ist es jetzt 20 Jahre her, seitdem das erste Album von Sopor Aeternus auf CD erschien. Macht diese Zahl emotional irgendwas mit Dir? Wie nah bist du der Vision von Sopor gekommen, mit der du Ende der 80er das Projekt gestartet hast? 
Interessante Frage. In einer weniger ausgeglichenen Stimmung würde ich sagen, dass, je mehr sich die Dinge verändern, desto eher bleibt letztendlich doch alles beim Alten. Einer der Gründe, warum ich SOPOR erschuf, war, dass ich einen Weg suchte, um mich nicht umbringen zu müssen, um irgendwie meinem Schmerz Ausdruck zu verleihen und mich auf diese Weise von meiner Depression zu befreien. Letzteres stellte sich dann allerdings als Illusion heraus, da ich erkennen musste, dass (meine) Depression nicht heilbar ist. Sie war und wird immer ein Teil von mir sein. Das Einzige, das mir zu tun bleibt, ist, mich soweit von (emotionalem) Ballast zu befreien, dass es mir möglich ist, mit der Depression zu leben. Das ist jetzt über 20 Jahre her, und da ich immer noch hier bin, würde ich sagen, dass mein Plan so einigermaßen erfolgreich war.

Als wir das letzte Mal ein Interview machten, sprachen wir über dein damals aktuelles Sexorcismo-Projekt „A Triptychon of Ghosts“. Das Ziel dieser Trilogie sollte sein, dich vom konfliktbeladenen, neurotischen Verlangen nach Sexualität zu befreien. Welche Veränderungen hat dieses Projekt tatsächlich für dich gebracht? Ich weiß, dass du mich gerade zitiert hast, aber trotzdem, so wie du das sagst, klingt das wirklich absolut furchtbar. Welche Veränderungen die Trilogie genau gebracht hat? Hmm, schwer zu sagen, zumal es ja nicht so ist, dass mit der Fertigstellung und Veröffentlichung eines Albums dann automatisch auch dessen Zielsetzung erreicht ist. Sich gänzlich von einer Illusion oder emotionalen Blockade zu befreien, dauert mitunter eben seine Zeit. Ein Album ist daher eher mit einem gepflanzten Samenkorn zu vergleichen, und nicht mit einem Kippschalter für sofortige Erleuchtung zu verwechseln.

Gerade vor diesem Hintergrund finde ich es ganz interessant, dass „Mitternacht“ (Dein erstes Album seitdem, lässt man das Edgar Allan Poe-Projekt „Poetica“ mal außen vor) erneut ein großes, unstillbares Verlangen ins Zentrum stellt: die Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung, aber auch nach Freundschaft und sogar vielleicht auch nach einem eindeutigen Platz innerhalb der heteronormativen Matrix (zum Beispiel in „You Cannot Make Him Love You“). Auch sexuelle Begehrlichkeiten klingen an, wie der haarige männliche Körper im Song „Beautiful“. Ist das Sexorcismo-Projekt gescheitert? Der Punkt ist aber gerade, dass du „Poetica“ eben nicht außer Acht lassen kannst! Die Sache mit „Poetica“ war, dass das Album auf einer so extrem traurigen Note (vor allem auch im übertragenen Sinne) endete, dass ich das so einfach nicht stehen lassen konnte. Ich sollte zum besseren Verständnis vielleicht vorausschicken, dass zwischen Kunst und Leben (zumindest in meinem Fall) keine Trennung besteht. Das Album endete mit den Worten und der Erkenntnis, dass absolut alles komplett und völlig hoffnungslos ist. Dies war gleichsam symptomatisch für den Zustand, in dem ich mich nach Fertigstellung des Albums befand. Ich musste dies irgendwie auflösen, die alles verzehrende Traurigkeit zumindest soweit in eine andere Richtung kanalisieren, damit das Ganze über kurz oder lang nicht doch noch in meinem Suizid endete. Aber wie? Ich hatte wirklich keine Ahnung, was ich machen sollte. Zwei Kräfte waren hier am wirken: die mehr oder weniger sexuell aufgeladene Energie des Triptychons, sowie die alles durchdringende traurige Einsamkeit von „Poetica“. Hinzu kam, dass mir etwas in der Aussenwelt begegnete (ich drücke mich absichtlich sehr vage aus), dass meine Einsamkeit und „Andersartigkeit“ in einem noch grausameren Licht erscheinen ließ. Das Ergebnis war ein Jahr geprägt von bis dato ungewohnten Hochs, stets gefolgt von dermaßen brutalen Tiefs, wie ich sie schon lange nicht mehr hatte. Ich dachte bisweilen wirklich, dass ich das diesmal nicht durchstehen würde. Ist der Sexorzismus des Triptychons also gescheitert? Nein. Ganz im Gegenteil. Das mag seltsam klingen, aber augenblicklich geht es mir besser, als je zuvor (was zugegebenermaßen relativ ist, aber hey, was soll’s).

Textlich bist du auf „Mitternacht“ relativ wenig verklausuliert, die Gefühle, die du beschreibst, sind recht universell, die Worte schlicht und klar. War das Teil eines Konzepts oder entstand das sozusagen unbewusst? Teils teils. Ich schreibe meine Texte immer bewusst, und daher sind sie eben auch diesmal Teil eines übergeordneten Konzepts, klar. Allerdings ist die leichte Zugänglichkeit des Inhalts nicht auf berechnende Weise herbeigeführt worden, im Sinne von: ich muss alles schön einfach halten, damit es auch jeder versteht. Darum geht es bei SOPOR ja ohnehin nicht. Es hat sich vielmehr einfach so ergeben. Vielleicht kommt es einem aber auch nur leichter zugänglich vor, weil die besprochenen Gefühle von so universeller, geradezu „gewöhnlicher“ Natur sind, wo hingegen Themen wie Transidentität oder Depressionen im Vergleich wesentlich spezieller sind.

Das Buch zur CD stellt jeden Songtext nochmal in – verzeih – recht kitschigen Gothic-Comic-Gemälden dar. Wie bist zu auf die Künstlerin aufmerksam geworden? Wie gut fühlst du dich mit der bildlichen Umsetzung deiner persönlichen Themen durch eine andere Person, speziell in diesem Fall? Die Illustrationen sind nicht kitschig, sondern symbolisch und wurden genau nach meinen Vorgaben angefertigt. Anastasiya Chyringa, eine russische Künstlerin, habe ich, wie das heute so ist, über das Internet kennen gelernt. Das erste Mal sah ich ihre Arbeit, glaube ich, als jemand ein „Fanart“-Gemälde von ihr auf SOPORs Facebook-Seite gepostet hatte: eine unterschwellig verstörende, homoerotische Mischung aus Genet’s Notre Dame des Fleurs gepaart mit Figuren aus dem Videospiel Team Fortress und mittendrin Tante Varney.

Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows: Mitternacht – The Dark Night of Soul (Apocalyptic Wision), jetzt erhältlich