Kommentar

Paris ist nicht in Texas

23. Jan. 2015
Tanja Schnitzler

Als das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo passierte, war unser Kolumnist Dirk Ludigs gerade für einige Wochen in Amerika. Für uns fasst er die politischen und persönlichen Reaktionen in den USA zusammen

Paris liegt nicht in Texas und das ist schon Grund genug, warum die meisten US-Amerikaner mit sehr viel weniger blankem Entsetzen auf die Ereignisse in Frankreich blicken, als die meisten Europäer. Die Ereignisse sind für viele hier einfach zu weit weg. Und so diente und dient „Charlie Hebdo“ vor allem dazu, innenpolitische Querelen weiter zu befeuern.

Die Republikaner, seit den Zwischenwahlen im Herbst mit einer komfortablen Mehrheit in beiden Häusern ausgestattet, waren wie immer schnell bei der Hand, die Morde für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Sie seien in erster Linie ein Ergebnis der laschen Sicherheitsvorkehrungen in Europa. Andererseits erklärte der Sprecher des Repräsentantenhauses John Boehner noch am Tag des Attentats auf Charlie Hebdo, seine Partei werde die Finanzierung von „Homeland Security“ lahmlegen, wenn Präsident Obama seine Direktive, am Kongress vorbei 5 Millionen Immigranten mit Arbeitsvisa auszustatten, nicht zurücknimmt. Die seit Jahren erbittert wütende Schlammschlacht in Washington machte also nicht einmal angesichts der Toten von Paris auch nur einen Tag Pause.

Am intensivsten wurde in den US-Medien noch die Frage diskutiert, warum Präsident Obama nicht mit all den anderen Staatschefs Hand in Hand durch Paris marschierte und ob das ein Fehler war. Die meisten Autoren sahen in seinem Fernbleiben einen weiteren Fauxpas einer außenpolitisch schwachen Regierung. Interessanterweise mischen sich aber auch in liberalen Kreisen unter die kritischen Stimmen jene, die die Entscheidung als taktisch klug empfinden. Die Sorgen um ein wirtschaftlich schwaches und politisch labiles Europa sind groß dieser Tage in den USA. Gerade die Progressiven wünschen sich ein Europa, das sich stärker gegen den internationalen Terror engagiert. Das Land ist kriegsmüde und fühlt sich allein gelassen von einem alten Kontinent, dem außer ständig zu kritisieren selbst nicht viel einfällt. So könnte Obamas Fernbleiben auch dazu gedient haben, die europäischen Staatschef dieses Mal nicht aus der Verantwortung zu entlassen.

Interessanterweise gibt es in den linken und liberalen Kreisen an Ost- und Westküste auch viele, die kein bisschen das Gefühl haben, in diesen Tagen „Charlie“ zu sein. Einer von ihnen ist der 46jährige Cameron Fitzsimmons, Französischlehrer an einer Privatschule in Hollywood. Er sagt: „Die Karikaturen aus Charlie Hebdo würden so in den USA nicht mehr gedruckt werden. In meinen Augen sind sie nicht nur religionskritisch, was absolut erlaubt ist, sie sind außerdem zutiefst rassistisch und erniedrigen eine Gruppe von Menschen, die französischen Muslime, die seit Generationen in Frankreich systematisch marginalisiert und diskriminiert werden. Keiner meiner französischen Kollegen hier scheint diese postkoloniale Seite der Medaille zu begreifen. Amerikaner haben in Jahrzehnten der Auseinandersetzung mühsam gelernt, Schwächere nicht durch Worte und Bilder zu beleidigen. Europa ist offensichtlich noch meilenweit von dieser Erkenntnis entfernt.“ Vielleicht war es also nicht unbedingt die Angst vor dem Terror, die die meisten Zeitungen in den USA davon abgehalten hat, die Karikaturen aus Charlie Hebdo nachzudrucken, sondern das Gefühl, sie lösen gerade bei aufgeklärten Amerikanern das Gegenteil von dem aus, was sie beabsichtigen.

Dirk Ludigs