Film

Sehnsuchtsort Knast

12. Apr. 2015

Folterung als Dienstleistung! Jan Soldats neue Doku „Haftanlage 4614“ läuft am Montag in der Volksbühne

Der deutsche Regisseur Jan Soldat entführt auch in seinem neuen Dokumentarfilm „Haftanlage 4614“ in schwule SM-Welten. Die Haftanlage ist ein Gefängnis für freiwillig Inhaftierte, die sich durch Folterungen und das Nachspielen des Knastalltags Lustgewinn verschaffen. Premiere hatte die Doku auf der Berlinale, jetzt läuft sie am Montag in der Volksbühne zusammen mit „Der Besuch“, einem weiteren Film von Jan Soldat. Der Regisseur hat SIEGESSÄULE.DE einige Fragen zu seinem neuen Film beantwortet.

Jan, in deinem Doku-Film „Haftanlage 4614“ geht es um ein kleines ausgebautes Gefängnis mit authentisch wirkenden Zellen, in die sich Männer freiwillig einsperren lassen, um dann von zwei Wärtern in SM-Spielen „gefoltert“ zu werden. Wie und wo hast du diesen Ort gefunden? In meinem vorangegangenen Kurz-Dokumentarfilm „Der Unfertige“ ging es um Klaus, einen sechzigjährigen Mann, der als Sklave leben möchte. Mit ihm war ich für den Film unter anderem in einem Sklavenlager. Das war meine erste Begegnung mit Rollenspielen, die außerhalb von Schlafzimmern oder SM-Clubs stattfinden. Ich fand spannend, dass es Orte gibt, an denen Menschen in einer derart ultimativen Form versuchen ihre Lust auszuleben. Klaus erzählte mir auch über einen Knast. Über Internetrecherche und verschiedene Ecken und Umwege habe ich ihn dann gefunden. Der Knast befindet sich in der Nähe von Berlin, allerdings wollen die Organisatoren dieses Privatevents nicht, dass ich den Ort genauer spezifiziere. Ein gewisser Schutzraum soll erhalten bleiben.

Die Protagonisten deines Films, sowohl die Gefangenen als auch die Wärter, sind eigentlich keine besonders „extremen Typen“. Eher im Gegenteil! Wie würdest du die Männer charakterisieren, die sich dort einsperren lassen? Für mich ist das schwer zu beantworten. Ich selbst bilde mir da auch kein wirkliches Urteil. Bei allem hat mich ihre Lust zur Selbsterfahrung beeindruckt. Ebenso, wie selbstbestimmt das Ganze geschieht und wie viel Sensibilität und Vertrauen dahinter steckt. Sie tasten sich im Spiel aneinander ran, um herauszufinden, wie weit jeder gehen möchte.

Wenn du zum Beispiel die Wärter zeigst, wie sie miteinander Karten spielen, hinterlässt diese SM-Welt eher den Eindruck deutscher Gemütlichkeit. Geht es dir auch darum die Banalität dieser Welt zu zeigen? Ja, mir geht es im positiven Sinne um die Banalität darin. Ich will einen Blick hinter die Härte und hinter das „Dunkle“ werfen, mit dem solche Themen oft verbunden sind. Man sieht neben dem Schmerz auch, wieviel Zärtlichkeit und Humor darin steckt. Es geht mir da glaube ich, um die Differenzierung und Relativierung eines tabuisierten Themas.

In diesen SM-Rollenspielen entsteht ziemlich viel Komik. Wodurch eigentlich? Generell würde ich sagen, dass der Humor dadurch entsteht, dass alle Beteiligten ihre Freude am Spiel auch vor der Kamera zeigen. Das hat ja eine gewisse Lockerheit, durch die die Härte des Knastspiels gebrochen wird. Auch Arwed trägt als Mensch sehr viel Komik in sich. Er hat das Gefängnis gebaut und ist in dem Film der Direktor. Durch seine Art Befehle zu geben und mit den Beteiligten umzugehen, wird diese Knastwelt als Rollenspiel bloßgestellt.

Dein Film scheint eher an einer Abbildung dieser Welt interessiert zu sein und weniger daran, diese offensiv zu hinterfragen. Warum? Mich hat eher das Erleben interessiert. Dass man über den Film einen Eindruck bekommen kann, wie es sich anfühlt, an einem solchen Rollenspiel teilzunehmen. Das Hinterfragen führt mich persönlich zu eventuellen Antworten und dann oft zu Rechtfertigungen oder unnötigen Erklärungen. Man kann sich die eigenen Fragen auch anhand meiner Beobachtungen im Film beantworten. Ich wollte einfach teilhaben, mit der Kamera zuschauen dürfen. Das hat für mich auch was mit Respekt und der Würde der Gezeigten zu tun, dass ich da eine für den Film wichtige Distanz wahre.

Gab es Momente während des Drehs wo du dich zu sehr als Eindringling oder Voyeur empfunden und die Kamera ausgeschaltet hast? Solche Momente gibt es bei jedem Film immer wieder. Egal wie gut man sich kennt oder ob man sich mag. Es gibt Momente, in denen ich eine Unsicherheit verspüre, weil derjenige vor der Kamera merkt, dass er jetzt gefilmt wird. Und dann stellt sich die Frage, wie ich damit umgehe. Oft gibt es ein Einverständnis anhand eines Blicks oder dem Verhalten zur Kamera, wodurch ich merke: ah okay, ich darf das jetzt filmen. Manchmal gibt es eine klare Ansage der Protagonisten wie: „Ich will nicht, dass du das filmst oder dass im Film zu sehen ist, was ich da gerade gesagt habe.“ Das versuche ich zu akzeptieren. Und dann verlasse ich den Raum oder mache eben aus. Aber das sind meistens keine spektakulären Momente, die jetzt besonders hart oder intim wären. Ich habe immer mit Menschen gearbeitet, die sich zeigen, öffnen und darstellen wollen. Ansonsten bin ich halt darauf bedacht, nicht unnötig Druck mit meiner Kamera zu machen, sondern eben da zu sein, je nachdem wie es mir erlaubt wird. Anhand der Kameraeinstellung und des Schnitts versuche ich auch transparent zu machen, wie ich gearbeitet habe. Man kann immer sehen, wie eine Szene zustande gekommen ist.

„Haftanlage 4614“ lief auf der diesjährigen Berlinale, auf der auch „50 Shades of Grey“ gezeigt wurde. Deswegen ist von einigen Leuten, die über den Film geschrieben oder gesprochen haben, immer wieder der Vergleich zu dem amerikanischen Mainstreamfilm gezogen worden. Wo würdest du selbst den entscheidenden Unterschied im Blick beider Filme auf SM sehen? Ich habe versucht die SM-Praktikten als kreative Energie zu erhalten, wobei in „Fifty Shades of Grey“ schon eher ein negativer Grundtenor vermittelt wird. Nach meiner Ansicht wird SM dort mit einem Trauma und einer gewissen Unfähigkeit zur Nähe verbunden. „Fifty Shades“ nutzt SM als dramaturgisches Mittel, um eigentlich von etwas anderem zu erzählen. Bei mir sprechen und zeigen die Leute sich eben in ihren gewählten Realitäten und das kommt einem gelebten SM vielleicht näher als die Stilisierung in „Fifty Shades of Grey“.

Du hast mittlerweile etliche Filme über SM gemacht. Gibt es etwas, das du aus deiner Recherche und Beobachtung über die schwule SM-Szene oder Leute, die ihre Bondage- und SM-Phantasien ausleben, gelernt hast oder überraschend fandest? Ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich jede Begegnung als Bereicherung wahrgenommen habe und ich bin sehr dankbar, dass mich Leute an ihren Gedanken, Träumen und Intimitäten teilhaben lassen. Mich beeindruckt sehr, wie andere Menschen versuchen sich zu verwirklichen, ihre Beziehungen und ihre Sexualität zu leben. Auch die Offenheit und Stärke, wie sie mit etwas umgehen, das die meisten wohl eher als randständig bezeichnen würden. Ich mag es, dass es Leute gibt, die sich scheinbar frei davon machen und ihr Ding leben. Und ich mag es auch sehr, genau das über Filme zu teilen.

Interview: Andreas Scholz

„Haftanlage 4614“, „Der Besuch“, 13.04., 20:00, Volksbühne

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