Community/Kunst

„Mein Thema ist Einsamkeit.“

1. Sept. 2015
Mischa Badasyan

Ein Jahr lang hat sich Aktionskünstler Mischa Badasyan jeden Tag zu einem Sexdate verabredet. Gestern endete sein Projekt „Save the Date". SIEGESSÄULE hat sich mit ihm zum Interview getroffen

Letztes Jahr im September berichteten wir über den Start der Performance „Save the Date“ von Mischa Badasyan, die medial für enorme Aufregung sorgte. An 365 Tagen hintereinander hat sich der schwule Aktionskünstler zu Sexdates verabredet, um Themen wie Sexualität, Beziehungen und Einsamkeit zu verhandeln. Seine Partner fand er über Online-Portale, an Cruising-Orten oder auf der Straße. Wir sprachen mit ihm während des Endspurts im August

Mischa, ein Jahr lang jeden Tag ein Date: wie haben sich da deine eigenen Gefühle im Laufe des Projekts gewandelt? Teilweise hat es sich wie ein Alptraum angefühlt. 80 Prozent der Begegnungen konnte ich sexuell nicht genießen. Oft habe ich geweint, manchmal während oder direkt nach den Dates. Ich bin sehr empfindsam geworden, auch weil ich zu oft zurückgewiesen wurde. Inzwischen treibe ich Sport, um meinen Körper dem schwulen Klischee anzunähern. Ich habe auch Angst vor mir selbst bekommen, misstraue meinem Körper und meinen Bedürfnissen. Und ich habe durch das Projekt die Hoffnung verloren, je mit jemandem zusammenkommen zu können.

Das klingt grauenvoll. Glaubst du denn, dass es auch eine Art „intelligenten Umgang“ mit Promiskuität gibt? Vielleicht haben andere tatsächlich Spaß daran. Möglicherweise bin ich einfach nur nicht das richtige Beispiel. Ich bin als Armenier in Russland aufgewachsen. Bis zu meinem 20. Lebensjahr hatte ich noch nie einen Schwulen gesehen. Seit drei Jahren lebe ich nun in Berlin. Von null auf hundert sozusagen, was die Sexualität angeht. Vielleicht war das ein zu krasser Sprung in die Freiheit.

Wie hat sich deine Sexualität durch das Projekt verändert? Ich bin regelrecht nymphoman geworden. Weil viele Begegnungen eigentlich unbefriedigend waren, habe ich immer weitergesucht. Stundenlang beobachtete ich die Freier auf dem Frauenstrich auf der Kurfürstenstraße und habe auch selbst welche abgeschleppt. Einen von ihnen habe ich sogar immer wieder getroffen. Dabei sagte er mir anfangs, dass er keine Schwulen mag.

Wenn ich das höre, frage ich mich, ob schwuler Selbsthass für dich ein Thema ist. Hat dich seine Homophobie angetörnt? Dieser spezielle Satz nicht, aber die ganze Situation schon. Ich habe dann nach und nach bei ihm Aufklärungsarbeit geleistet.

Wurde auch in Russland über „Save the Date“ berichtet? Das Online-Magazin Afischa hat über mich berichtet. Der Artikel gehört dort mit über 100.000 Klicks zu den erfolgreichsten überhaupt. Ich bekomme immer noch viele, hauptsächlich positive Reaktionen und auch Angebote für Dates. Und: die Journalistin hat meinen Mut zur Offenheit zum Vorbild genommen und den Artikel schließlich unter ihrem Klarnamen veröffentlicht.

In deiner Arbeit geht es um radikale Offenheit. Deine Eltern in Russland wissen aber nicht einmal, dass du schwul bist. Wie passt das für dich zusammen? Sie nutzen kein Internet, deshalb wissen sie von nichts. Für ein Coming-Out bin innerlich zwar bereit, habe aber einfach noch nicht den richtigen Moment gefunden.

Du arbeitest für das Projekt mit der Deutschen Aidshilfe zusammen. Es geht also auch um Safer Sex. Anfangs hatte ich beschlossen, keinen Sex mit Positiven zu haben. Auch um meine vielen anderen Date-Partner nicht zu gefährden. Schon im letzten Oktober aber hat mir dann ein Mann, mit dem ich im Tiergarten Sex hatte, anschließend gesagt, dass er positiv sei. Das war zunächst ein Schockeffekt — der dann zum Wendepunkt für mich wurde. Ich bin offener geworden, habe meine Urangst vor dem Virus verloren und seitdem mit mindestes zehn weiteren Positiven Sex gehabt.

Gestern war es in Berlin 38 Grad heiß. Welche Art von Sex ist da noch möglich? Ich hatte Sex im Keller. Aber ich möchte nicht in die Details gehen. Die täglichen Sexdates sind nur mein Arbeitsmittel, nicht mein Ziel. Mein Thema ist Einsamkeit.

In Berlin gibt es einige schwule Männer, für die ein tägliches Date Alltag ist. Wie erklärst du denen, dass es Kunst ist, wenn du das gleiche machst? Ich nenne es eine körperliche Installation der Einsamkeit. Diese Life-Performance ist ein sehr persönliches, intimes Projekt. Es ermöglicht mir viele Begegnungen, Erfahrungen, die mich zu neuen Videoarbeiten, Gedichten und sogar Büchern inspirieren.

Was machst du ab dem 1. September? Jedenfalls kein Date mehr. Darauf freue ich mich sehr.

Interview: Carsten Bauhaus

mischabadasyan.com

Interview mit Mischa Badasyan vom 05.09.2014