Interview

DAF-Sänger Gabi Delgado ist tot

24. März 2020
Bild: Joe Dilworth
Gabi Delgado

Gabi Delgado, Sänger des legendären Electro-Duos DAF, ist im Alter von 61 Jahren verstorben.

Am Sonntagabend verstarb Gabi Delgado (Gabriel Delgado Lopez). In den 80er-Jahren schrieb er als Teil des Electro-Duos DAF Musikgeschichte, mit Titeln wie „Der Mussolini“ und dem homoerotischen Stück „Der Räuber und der Prinz".

Zu seinem Tod gab sein Management auf Facebook bekannt: „Die Musikszene verliert einen ihrer einflussreichsten Musiker und kreativsten Köpfe. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Ehefrau Jane und seinem kongenialen Musikerkollegen Robert Görl. Mach es gut Gabi, als wärs das letzte Mal."

Mit ihrem harten monotonen EBM-Sound trieben DAF die Entwicklung der elektronischen Musik voran. Ihre aggressive Postpunk-Ästhetik war beeinflusst von dem hypermaskulinen Erscheinungsbild der schwulen Lederszene, was sie innerhalb der Community zu einer überaus beliebten Band machte. Während Gabi sich in jungen Jahren auch sexuell in der schwulen Szene auslebte, verlor er nach eigener Aussage später das Interesse daran.

Anlässlich von Gabi Delgados 2015 erschienen Soloalbum „2“ traf SIEGESSÄULE-Chefredakteur Jan Noll den Musiker zum Gespräch. Dabei ging es u. a. um Sexualität und Delgados Vorliebe für hypermaskuline Ästhetiken

Deine Platte „2“ umfasst 32 Songs. Du hast das mal als Lust an der Verschwendung bezeichnet, die künstlerische Notwendigkeit sei. Das ist ein Motiv, das sich auch bei DAF mit „Verschwende deine Jugend“ zeigte. Was fasziniert dich daran? Dass Verschwendung eigentlich das natürliche Lebensprinzip ist. Man sollte immer alles geben. Sich irgendetwas aufsparen ist Quatsch. Für wann? Für später? Vielleicht gibt es später gar nicht. Die Natur gibt auch alles. Die Blume überlegt sich ja auch nicht, ob sie sich ein bisschen Farbe für morgen aufbewahrt. Dieser ganze Sparwahn, dieses Vorsorgen, was für später aufbewahren, das ist einfach Ausdruck der großen Angst, die es momentan in der Gesellschaft gibt und die auch total propagiert wird. Dort sind die Islamisten, hier die Infektionen, damit wird viel Angst verbreitet mit dem Ziel, Menschen leichter kontrollieren zu können. Sie sollen nicht aus sich herausgehen, sich irgendwie zurückhalten. Sogar in persönlichen Beziehungen. Da gibt es einen grenzenlosen Egoismus in der Gesellschaft.

Verschwendung produziert aber auch jede Menge Müll. Genau so ist das Leben, und wenn man viel feiert, dann stinkt danach die Disco. (lacht) Ich meine damit ja nicht die gnadenlose Ausbeutung. Es geht nicht darum, sich unheimlich viel reinzuziehen, sondern darum, sehr viel von sich zu geben.

Auch sexuelle Entgrenzung und Verschwendung spielen in deinem Werk immer schon eine Rolle. Auf dem neuen Album natürlich im Song „Hausarrest“: 30 Tage ficken in einem geschlossenen Raum. Irgendwie klaustrophobisch, oder? Nicht unbedingt. Ich denke, dass, wenn man sich in Liebe oder Sexualität wirklich entäußern will, man schon geschützte Räume braucht. Wir erleben derzeit eine Sexualisierung der Gesellschaft. Aber diese Entwicklung ist keine wirkliche Sexualisierung, sondern eine Kommerzialisierung der Sexualität. Sex wird zur reinen Unterhaltung, zum Entertainment. Gehe ich ins Kino, mache ich Sex, was mache ich heute? Und dem steht entgegen, dass man viel extremere Formen der Sexualität sucht. Und das kann im Prinzip nur in geschlossenen, geschützten Räumen stattfinden. Es ist auch lustig, dass in der ganzen SM-Literatur, bei De Sade angefangen, alles auch gerne in Klöstern stattfindet. (lacht)

Gerade in der schwulen Community gibt es diesen Trend zu ewigen Ficksessions in Privatwohnungen auf Drogen wie Crystal Meth oder GHB.
Ich komme ja aus dieser Szene und kenne das zur Genüge.

Du machst du auf dem Album diese Analogie auf von Sex, Liebe und Drogen. Und kommst dann ein bißchen verkürzt zu dem Fazit: Drogen machen glücklich. Ist das eine reine wortspielerische Provokation oder empfindest du das Recht auf Rausch und Drogen als etwas, was wichtig ist, um glücklich sein zu können? 
Ja, das finde ich schon. Ich bin auch für die Legalisierung aller Drogen. Ich will sie nicht verherrlichen und ich will sie aber auch auf keinen Fall verteufeln. So viele Kunst- und Kulturleistungen wären ohne Drogen gar nicht möglich. Das Verlogene in unserer Gesellschaft ist ja, dass irgendwo irgendwelche Herren sitzen, die dann entscheiden, was Droge ist und was nicht. Die Verlogenheit ist einfach, dass wir in einer total verdrogten und gedopten Gesellschaft leben. Die halbe weibliche Bevölkerung ist auf Ibuprofen, wenn die Kids ein bißchen zappeln, kriegen sie gleich irgendwelche Beruhigungsmittel, damit die in der Schule besser klarkommen, die ganze USA ist auf Prozac. Die Anwälte und Politiker koksen sich die Nase zu, dass es nicht mehr schön ist, bei den kleinsten Wehwehchen wird Aspirin eigefahren. Alkohol spielt eine riesige gesellschaftliche Rolle und manche Drogen sind verboten und andere nicht. Es gibt also irgendwelche Leute, die über dein Leben bestimmen wollen und sagen, hier, kauf dir einen Doppelkorn und sauf dir die Leber kaputt, aber Kiffen darfste nicht. Du darfst zwar Stimmungsaufheller nehmen, Psychodrogen, aber LSD nicht. Das finde ich eine Fremdbestimmung, die ich nicht akzeptiere.

Deine Kunst wirkt auf mich immer schon hypermaskulin. Warum war dein Weg immer so betont „männlich“?
Ich stand halt immer auf Männer. Auf richtige Männer, muss ich sagen. Ich halte die schwule Kultur immer für die Speerspitze, die Avantgarde der Maskulinität überhaupt. Ein Hetero von heute sieht aus wie ein Schwuler von vor zehn Jahren. Ich hab mich damals immer als Polizist verkleidet oder als Bauarbeiter. Diese extrem mit Männlichkeit konnotierten Outfits fand ich sehr gut.

Begreifst du Männlichkeit trotzdem als gesellschaftliche Konstruktion oder glaubst du an so was Urmännliches?
Ja, ich glaube an das Tier. Ich glaube daran, dass außerhalb der Geschlechterrollen, die vorgegeben und erlernt werden müssen, auch animalische Triebe existieren, die in der Natur liegen.

Das heißt, man wird doch als Mann geboren? 
Man wird als Mann geboren. Nicht alle. Ich glaube auch an Transition, auch an Entwicklungen.

Ein Song heißt „Begrüßungsgeld“. Nicht gerade das aktuellste Wort. Was hat dich am Begrüßungsgeld, das nach der Wende 1989 an die DDR-BürgerInnen gezahlt wurde, so gekickt, dass du es noch mal aufgegriffen hast?
Ich hab Parallelen gesehen zur gesamten Asylproblematik, zum omnipräsenten Flüchtlingsthema. Gerade kommen so viele Leute und würden auch gerne begrüßt werden. Aber es werden stattdessen Mauern hochgezogen. Was da läuft, ist unmenschlich. Meiner Meinung nach hat die erste Welt eine historische Schuld diesen Menschen gegenüber. Unser Reichtum beruht zu ganz großen Teilen auf der Ausbeutung solcher Länder. Und ich finde deshalb, dass man alle Flüchtlinge aufnehmen und ihnen ein Begrüßungsgeld zahlen sollte. 

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