Religion

Offene Türen? Die katholische Kirche und die Familiensynode in Rom

9. Okt. 2015
© Martin Berk

Am letzten Sonntag eröffnete Papst Franziskus die Familiensynode im Vatikan. Zuvor trafen sich katholische LGBTIs zu einer Konferenz: Von der Synode erhofft man sich klare Signale für einen neuen Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften

Wer die Bilder von den einziehenden Bischöfen und Kardinälen in den Petersdom zu Beginn der Familiensynode Anfang Oktober gesehen hat, könnte mitleidig lächeln, die Veranstaltung der älteren Herren als unwichtig abtun und zu den eigenen Alltagsgeschäften zurückkehren. Aber der Schein trügt. Die katholische Kirche ist in Deutschland eine der wichtigsten Arbeitgeberinnen für Tausende von Beschäftigten in Einrichtungen der Caritas, in katholischen Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen, Beratungsstellen und Kirchengemeinden. Zudem gilt die katholische Kirche weltweit immer noch als die moralische Instanz schlechthin, zumindest für gläubige Katholikinnen und Katholiken. Es ist also zu einfach, die Ereignisse in Rom als irrelevant abzutun.

Und was geschieht in Rom? Vom 4. bis zum 25. Oktober findet eine sogenannte Bischofssynode im Vatikan statt. Der Papst und Bischöfe aus aller Welt diskutieren über das Thema Familie. Die Hauptstreitthemen: der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, mit Lesben und Schwulen, mit den Themen Abtreibung und Verhütung. Themen also, die seit Jahrzehnten strittig sind und über die in der katholischen Kirche offiziell bisher wenig debattiert wurde.

Im Kontext der Synode ist noch eine andere Konferenz wichtig. Sie hat nicht zufällig vom 1. bis zum 4. Oktober ebenfalls in Rom stattgefunden. Ihr Titel: „LGBT Voices to the Synod“, also lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Stimmen zur Synode. Es war zugleich die Gründungsveranstaltung des „Global Network of Rainbow Catholics“. LGBTIs aus Nigeria, Kenia, Botswana, Namibia, Südafrika, Indien, China, Malaysia, Australien, Tonga, Chile, Brasilien, Kolumbien, Puerto Rico, den USA und aus vierzehn europäischen Staaten waren vertreten. Das Netzwerk hat auf der Konferenz ein Statement verabschiedet, das der Bischofssynode übermittelt wurde.

„Die Chancen auf Bewegung im Vatikan sind nie größer gewesen“

Michael Brinkschröder, katholischer Theologe, ehemaliger Co-Präsident des „Europäischen Forums Christlicher LGBT-Gruppen“ und Mitglied des Steuerungskommittees des globalen Netzwerks, fasst die Forderungen der Anwesenden wie folgt zusammen: „Wir hoffen, dass die Synode ein klares Signal sendet, dass LSBTs in der Kirche willkommen sind, unsere Partnerschaften akzeptiert und wertgeschätzt werden und die traditionelle Bewertung von Homosexualität als ,Sünde‘, ,wider die Natur‘ und ,intrinsische Unordnung‘ nicht fortgesetzt wird. Die Kirche soll eine Pastoral für LSBTs, ihre Eltern und Familien beginnen und damit zugleich eine Phase des Dialogs einleiten. Die Synode soll ein klares Signal senden für den Schutz der Menschenwürde und Menschenrechte von LSBTs und sich ausdrücklich gegen die strafrechtliche Kriminalisierung von Homosexuellen und Transsexuellen und gegen homophobe und transphobe Gewalt aussprechen.“

Die Chancen auf Bewegung im Vatikan sind laut Brinkschröder nie größer als bei dieser Synode gewesen. Die Bischöfe seien gut vorbereitet. Jetzt müssten sie sich aufeinander zu bewegen und verstehen lernen, welche gesellschaftlichen Kontexte hinter den regional unterschiedlichen Positionen und theologischen Differenzen stehen.

Auch der Papst warnte zum Auftakt der Synode die Anwesenden vor einer „Kirche der verschlossenen Türen.“ Gleichzeitig ist nicht erst seit der Synode klar, dass die katholische Kirche im Hinblick auf die genannten Streitthemen tief gespalten ist. Brinkschröder sieht es so: „Es gibt in der Frage der Homosexualität eine starke konservative Fraktion, die von den Kardinälen Sarah (Guinea/Kurie) und Pell (Australien/Kurie) angeführt wird. Die deutschen Teilnehmer gehören – mit Ausnahme von Kardinal Müller – zum reformorientierten Teil der Synode und wurden dafür im Vorfeld von den Konservativen aufs Schärfste angegriffen.“

Unterdessen setzt der Papst ambivalente Zeichen: Einerseits betont er, dass er Lesben und Schwule nicht verurteilen will. Andererseits hob er in seiner Eröffnungspredigt zur Synode die zentrale Bedeutung der heterosexuellen Ehe und Kleinfamilie hervor. Er verhinderte auch nicht, dass der polnische Priester Monsignore Krystof Charamsa fristlos entlassen wurde, nachdem er sich am Vorabend der Bischofssynode zu seinem Schwulsein und zu seiner Partnerschaft mit einem Mann bekannt hatte. Nach Brinkschröders Einschätzung ist es dem Papst wichtiger, eine neue Kultur des freien Worts zu ermutigen, als konkrete Entscheidungen in einzelnen Fragen zu diktieren.

Was bleibt? Der Papst beschwört eine Kirche der offenen Türen. Tatsächlich sind diese Türen für viele Anderslebende aber noch weitgehend verschlossen. Die katholische Basis ist da schon deutlich weiter. Sie hat sich vielerorts für andere Lebens- und Liebesformen geöffnet, ist mehrheitlich für die Homoehe und erwartet klare Signale der Synode. Und selbst lesbische, schwule, bi-, trans*, inter* und queere katholische Christ_innen werden in der katholischen Kirche sichtbarer und hörbarer. National und international. Das ist eine gute Nachricht. Nun liegt es an den Bischöfen.

Der Papst fordert offene Türen für alle in der katholischen Kirche. Hoffentlich werden wir das noch erleben. 

Kerstin Söderblom

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Dr. Kerstin Söderblom ist evangelische Pfarrerin und Studienleiterin im Ev. Studienwerk in Billigst/Westfalen. Darüber hinaus engagiert sie sich seit 20 Jahren als Mitglied im ökumenisch arbeitenden Euröpäischen Forum christlicher LGBT-Gruppen. Sie veröffentlicht vierzehntägig Blogeinträge zum Thema Kreuz & Queer auf evangelisch.de