Pornfilmfestival

Im Bett mit Cinderella

18. Okt. 2015
Sven Normann (c) Hassan

Im Themenschwerpunkt des diesjährigen Pornfilmfestivals, „Sex mit Behinderung“, läuft die Doku „Die Menschenliebe“. Wir sprachen mit einem der Protagonisten, Sven Normann

Sven Normann: Im alltäglichen Leben steht er als Schauspieler im Theater RambaZamba auf der Bühne. Dass er seine Sexualität nur ausleben kann, wenn er dafür bezahlt, zeigt der Film „Die Menschenliebe“ in detaillierten Bildern. SIEGESSÄULE hat Sven zum Interview getroffen

Sven, wie ist es dazu gekommen, dass du in der Doku „Die Menschenliebe“ porträtiert wirst? Ich arbeite im Theater Ramba Zamba als Schauspieler. Der Regisseur des Dokumentarfilms, Maximilian Haslberger, hat mich dort in einem Stück gesehen und dann gefragt, ob ich mir vorstellen kann, einen Film über Behinderung, Sexualität und Selbstbestimmung zu machen. Im ersten Moment habe ich erst einmal geschluckt. Maximilian sagte auch gleich, dass er mit seinen Filmen in Nischen gehen möchte, in die sich andere Regisseure nicht hineintrauen. Er möchte etwas zeigen, von dem andere sagen würden, dass sei zu intim. Ich habe mich dann dazu bereit erklärt, weil ich es wichtig finde, dass in unserer Gesellschaft auch solche Geschichten erzählt werden.

Es hat dich also Überwindung gekostet? Ich bin ein offener Mensch und kann über meine Sexualität sprechen. In meiner Wohngemeinschaft und im Theater wissen alle, dass ich auf Männer und Frauen stehe. Da mache ich kein Geheimnis draus. Trotzdem habe ich erst einmal gesagt: Wenn ich die Schlüpfer anbehalten kann, dann mach ich das und wenn nicht, dann müssen wir da noch einmal drüber reden.

Im Film bist du aber nackt beim Sex zu sehen ... Wir Behinderten dürfen fressen, scheißen, uns anziehen wie wir wollen, aber wir dürfen keinen Sex haben. Das gehört sich einfach nicht. Schließlich sind wir anständige Leute. Bitte schön, ich nicht! (lacht) Es ist für unsere Gesellschaft ja schon ein Problem, dass ich im Rolli sitze. Wenn man dann noch offen zugibt, dass man Sex mag, dazu noch bisexuell oder schwul ist, entwickeln viele gleich „komische Vorstellungen“. Um diesen entgegenzuwirken, habe ich gesagt: Na gut, dann lasse ich die Hüllen fallen und bin eben auch nackt zu sehen.

Welche Rolle spielt Sex in deinem Leben? Eine sehr wichtige! Es fällt mir schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass ich aufgrund meiner Behinderung Sex nur bekomme, wenn ich dafür bezahle.

Gab es überhaupt schon mal den Fall, dass du Sexualität ausleben konntest, ohne dafür zu bezahlen? Wenn ich mir abends einen runterhole. Ansonsten nicht. Und selbst da bezahle ich die 27 Euro, die eine DVD bei Orion kostet. (lacht)

Bist du in der Szene unterwegs, um Leute kennenzulernen? Ja, schon. Man könnte denken: Oh cool, Schwule und Behinderte sind Randgruppen und müssten sich deswegen eigentlich verstehen. Das ist in der Regel leider nicht der Fall. Ich gehe ja häufig in Clubs, zum Beispiel in die Busche und ins GMF. Dort wird man geduldet, aber dabei bleibt es auch. Mehr als zwei Sätze mit jemanden anderen zu wechseln, ist kaum erwünscht. Und dabei geht es nicht darum, den anderen abzuschleppen. Okay, hin und wieder geht es schon darum. (lacht) Aber ich merke, dass da eine ziemliche Distanz ist. Das hätte ich so nicht gedacht.

Wie gehen die Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen mit deiner Behinderung um? Als erste Frage kommt fast immer: Entschuldige, du sitzt doch im Rollstuhl, bekommst du da überhaupt einen hoch? Hast du einen Orgasmus? Und ich antworte dann: Ja klar, probier es aus. (lacht) Viele sehen in mir vor allem einen Pflegefall und keinen Menschen mit sexuellen Bedürfnissen. Sie denken, sie müssen jetzt für mich sorgen, mir den Hintern abwischen. Aber ich buche sie ja nicht dafür, dass sie bei mir die Pflege machen, sondern um mit mir Sex zu haben. Ich hatte schon eine Frau, die zu mir sagte, sie könne mit mir nicht schlafen, weil sie Angst habe, sich anzustecken. Das muss man erst einmal verdauen. Da merke ich, wie weit wir von einer Inklusion entfernt sind.

Gibt es auch positive Erfahrungen? Mein Stammcallboy kommt mittlerweile seit vier Jahren zu mir, und er ist der erste Mann, der mich im Bett normal behandelt. Er fragt nicht bei jeder Bewegung, ob mir das, was er da macht, wehtut. Und das würde ich mir verdammt noch mal von anderen auch wünschen. Viele Callboys nutzen mich aber eher aus. Ich bekomme selten das, was für den Preis vereinbart war. Also Sex mit allem, was dazugehoört: mit Eindringen, mit Stellungswechsel, mit Abspritzen. Meist bleibt es beim Blasen und das hängt natürlich mit meiner Behinderung zusammen.

Im Film gibt es eine Szene zwischen dir und einem Callboy. Ihr hattet gerade Sex, doch es findet zwischen euch keine Kommunikation statt ... Ich bin dem Regisseur dankbar, dass er die Szene dringelassen hat, auch wenn es eine sehr schlechte Erfahrung war. Dieser Mensch wollte nicht mit mir sprechen. Wir waren zusammen in einem Zimmer, hatten Sex, und ich kam mir dabei vor wie eine Maschine. Es war völlig monoton. Und obwohl ich den Sex mit ihm ja wollte, habe ich mich benutzt gefühlt. Da war uüberhaupt keine Zwischenmenschlichkeit. Aber man sieht an dieser Szene die Problematik meiner Situation und wie sehr ich darunter leide.

Hast du die Sehnsucht nach einem Partner, einer Partnerin? Was ich mir mit dem Sex erkaufe, ist keine Liebe. Es ist ein bisschen wie mit Cinderella. Sie bekommt von der guten Fee ein wunderschönes Kleid, um abends auszugehen und zwei, drei Stunden zu tanzen. Dann kommt der Glockenschlag und alles ist vorbei. Genauso ist es bei mir auch. Für diese paar Stunden ist es wunderschön, aber danach merke ich erst, wie einsam ich bin und dass es besser wäre, jemanden zu haben, der einen liebt. Jemanden, von dem ich weiß, dass er es nicht nur macht, weil er gerade Geld dafür bekommt.

Interview: Andreas Scholz

Die Menschenliebe, D 2014, R.: Maximilian Haslberger, mit Sven Normann (Foto), beim 10. Pornfilmfestival Berlin: 22.10., 16:00, Südblock (barrierefrei), und 24.10., 19:15, Moviemento

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