FILM

Roland Emmerichs "Stonewall" jetzt im Kino

18. Nov. 2015

Gut gemeint ist nicht gut. Dazu sind bei dieser Inszenierung zu viel Klischees und zu wenig Authentizität im Spiel

18.11. – Ihr hattet alle Unrecht, Roland Emmerichs „Stonewall“ ist ein Meisterwerk! Das wäre doch der perfekte und vor allem überraschende Einstieg in einen Text über diesen Film, der so viel Hass und Ablehnung – und das beileibe nicht nur aus der Community – auf sich gezogen hat. Auch kommerziell ist er bisher ein Riesenflop. Im Prinzip würde man Emmerich ja gerne verteidigen. Sein Film über den zentralen Erweckungsmoment der modernen LGBT-Emanzipationsbewegung war für ihn ein Herzensprojekt, entstanden aus seinem persönlichen Engagement für obdachlose LGBT-Jugendliche, deren Zahl gerade heute erschreckend hoch ist und die auch 1969 bei den Stonewall-Aufständen sich an vorderster Front gegen die Polizeigewalt stellten. Ihnen vor allem sollte der größtenteils von Emmerich eigenfinanzierte Film gewidmet sein. So sieht eigentlich kein Fraß für zynische Verrisse aus.

Aber gut gemeint ist eben nicht gut. Und dass Emmerich einem solchen Projekt wahrscheinlich nicht gewachsen sein würde, war wohl jedem klar, der schon mal einen Film des in Deutschland geborenen Regisseurs gesehen hat. Man denke zum Beispiel an die Aussortierlogik seines letzten großen Katastrophenfilms „2012“: Alles was mit ausländischen Akzent spricht, promiskuitiv ist oder in irgendeiner Form die im Mittelpunkt stehende weiße heteronormative Kleinfamilie „bedroht“, wird von Druckwellen, Feuerstürmen oder mit anderen Mitteln aus dem Film katapultiert. Dementsprechend wäre es wohl naiv gewesen, von Emmerich trotz seiner eigenen Homosexualität zu erwarten, dass er die komplexen Befindlichkeiten der Community treffen oder einen progressiven Blick auf die LGBT-Bewegung werfen könne. Der online einsetzende Shitstorm nach dem ersten Trailer war also im Prinzip vorprogrammiert. Und all die vorgebrachten Einwände gegen den Film sind dann auch weit mehr als blauer Dunst!

Doch worum geht es eigentlich? Danny ist ein Kleinstadtteenager aus dem Mittleren Westen der USA, der von seiner Familie verstoßen wird, nachdem sein Vater von seiner Homosexualität erfährt. Er bricht nach New York auf und kommt in der Christopher Street bei einer Clique obdachloser LGBT-Sexarbeiter unter. Die Homo-Bar Stonewall Inn, deren BesucherInnen von der Polizei mit Razzien drangsaliert werden, ist ihr Treffpunkt. Doch am 28. Juni 1969 eskaliert die Situation. Die Kids beginnen sich gegen die Gewalt zu wehren, was zu einer mehrtägigen Straßenschlacht führt.

Die wird im Film allerdings ziemlich kurz dargestellt, im Zentrum steht Dannys Geschichte. Gerade daran erhitzten sich die Gemüter: Die Rolle der Transgender, Lesben und People of Colour beim Aufstand würde marginalisert. Stattdessen führe der Film mit seiner Hauptfigur Danny einen weißen, schönen Retter ins Feld, der den ersten Stein schmeißt und die Aufstände ins Rollen bringt. Wer nun wirklich den Anstoß gab, mag ein Streit um des Kaisers Bart sein. Dass die Stonewall-Ereignisse dazu genutzt werden, um zum gefühlt tausendsten Mal die Coming-of-Age-Geschichte eines hübschen weißen Jungen zu erzählen, die zudem derart schablonenhaft inszeniert wurde, ist hingegen schon ziemlich ärgerlich. Wie in seinen Katastrophenfilmen treten uns beständig Figuren entgegen, die sich bereits auf den ersten Blick fast vollständig erschließen lassen und die hier oft nur Homo-Klischees reproduzieren: Da ist zum Beispiel die schmierige, unsympathische Tunte, die Danny in einem Café entdeckt und gleich ihre Spinnenfinger nach dem Frischfleisch ausstreckt. Aus der schwarzen Trans*Aktivistin und Stonewallveteranin Marsha P. Johnson wird kaum mehr als ein klassischer Comic-Relief-Charakter, der für ein paar humorvolle Einschübe sorgen darf. Danny bleibt als Figur aber ebenso blass, mehr als zwei, drei Gesichtausdrücke schenkt ihm Schauspieler Jeremy Irvine leider nicht. Der Film mag die historischen Ereignisse vielleicht weitgehend akkurat wiedergeben, authentisch wirkt er damit kaum.

Und dieses Prinzip der Reduzierung zieht sich durch den Film: So bekommt Danny aufgrund seiner bürgerlichen Herkunft doch noch die Chance auf eine rosige Zukunft mit Hochschulausbildung – ganz im Gegensatz zu den Latino-Queens oder People of Colour seiner Clique. Dass dahinter ein ungerechtes, rassistisches Prinzip steht, will der Film nicht weiter verhandeln. Danny ist eben der „Normalo“, der von Emmerich sehr „straight“ angelegt wurde, damit sich nach Aussage des Regisseurs auch Heteros mit ihm identifizieren können. Umso problematischer ist es, dass Danny meist ängstlich oder gar angeekelt reagiert, wenn er im Film mit schwulem Sex konfrontiert wird. Es scheint so als würde sein angewiderter Blick die möglichen Ängste oder Aversionen eines Hetero-Publikums gleich mit reflektieren. Eine erfüllende Form von Sexualität ist im Film jedenfalls kaum zu finden, entweder wird sie verschämt zurückhaltend oder auf überzogene Weise negativ dargestellt.

Aber vielleicht unterschätzt Emmerich auch die Heteros. Und man kann darüber spekulieren, ob der finanzielle Flop nicht gerade damit zusammenhängt, dass ein Homo-Film, der auf anbiederndes „straight acting“ setzt und sich so wenig traut, weder für die Community noch für ein Mainstream-Publikum interessant ist. Auch Heteros leben nicht alle unter einem Stein oder sind in der AFD organisiert. Nicht jede oder jeder nimmt beim Anblick von einer anderen Sexualität als der eigenen schreiend Reißaus. „Brokeback Mountain“ wurde als Homo-Film auch deswegen zum Riesenerfolg, weil er etwas Neues wagte – sozusagen die große amerikanische Historie mit Cowboys und Pferden, erzählt über eine mitreißende schwule Liebesgeschichte -, etwas das vorher noch niemand zumindest in dieser Form gesehen hatte. „Stonewall“ wirkt dagegen konventionell, rückschrittlich und langweilig. Und das finden Heteros natürlich auch doof.

as

Ab 19.11. im Kino