Film

Geraldine Chaplin in „Sand Dollars“

8. Dez. 2015

Zwei Frauen aus verschiedenen Welten und 50 Jahre Altersunterschied – geht das? Das stille Drama „Sand Dollars“ umkreist darüber hinaus das Thema gekaufte Liebe und zeigt eine sehr verletzliche Geraldine Chaplin

– Die Beziehung ist unmöglich, Anne weiß das genau. Und doch ist sie hoffnungslos verliebt. Also plant sie eine Zukunft für sich und ihre Geliebte Noeli, obwohl sie ahnt, dass ihr Traum verdammt schmerzhaft enden kann.

Aber wer will schon allein sein? „Wenn du mich nicht mehr liebst, werde ich daran sterben“, singt der berühmte dominikanische Musiker Ramón Cordero, dessen Lieder den Film begleiten. Man kann sich dazu die warme Brise vorstellen, die das karibische Ferienparadies in „Sand Dollars“ durchweht wie eine leicht wehmütige Stimmung.

Die Französin Anne, die sich hier in der Dominikanischen Republik einen angenehmen Alterssitz am Meer eingerichtet hat, wird von der 71-jährigen Geraldine Chaplin gespielt. Oft trägt sie zwei schwarze Tupfen Schminke unter den Augen: wie ein trauriger Clown, der an ihren Vater erinnert. Noeli, gespielt von der Newcomerin Yanet Mojica, ist vielleicht 20. Genau weiß Anne das nicht. Überhaupt will sie lieber nicht so genau wissen, in welch ärmlichen Verhältnissen Noeli mit ihrem Freund Yeremi (Ricardo Ariel Toribio) lebt, den sie als Bruder ausgibt. Anne macht der schönen jungen Frau Geschenke, verspricht ihr ein Visum für Europa. Noeli gibt ihr körperliche Nähe und ein Stück Jugend zurück. Der arbeitslose Yeremi profitiert mit vom äußeren Wohlstand und der inneren Sehnsucht der „alten Frau“. So leben drei Menschen in einem fragilen Gleichgewicht aus Kosten, Nutzen und schwer zu bemessenden Gefühlen. Und versuchen dabei, so gut es eben geht, ihre Würde zu bewahren.

Mit „Sand Dollars“ hat das Ehepaar Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas einen Film gedreht, der das Thema Sextourismus auf denkbar unaufgeregte Weise aufgreift, der nicht wertet und nichts künstlich zuspitzt. Das ganze Drama spielt sich in den traurigen Augen von Anne ab und hinter dem verschlossenen Gesicht von Noeli. Welche Berührung, welche Emotion echt ist und welche gekauft – wer kann das wissen?

Auch wie körperlich nah sich das Frauenpaar dabei kommt, bleibt in der Schwebe. Viel geredet wird nicht, das Tempo ist langsam – und das muss man definitiv mögen. Wer auf vermeintliches Tabupotenzial hofft – eine lesbische Liebesgeschichte über Klassen-, Hautfarben- und Altersgrenzen hinweg –, wird enttäuscht sein. Ein Feuerwerk der Gefühle entfacht „Sand Dollars“ gerade nicht; es ist eine stille Beobachtung ungleicher Lebens- und Liebesverhältnisse. Über allem liegt eine Melancholie des Älterwerdens, ein ständiger Hauch von Alleinsein und Verlust.

Geraldine Chaplin zeigt ihren nackten Körper dabei ganz uneitel. Unter der faltigen Haut ist noch die drahtige Frau von früher zu ahnen, in ihren Bewegungen und ihrem Lachen der Lebensdurst eines jungen Mädchens. Anne will als Mensch geliebt werden und nicht nur als wohlhabende Europäerin. Aber wie soll das gehen, wenn die Ökonomie die Beziehungen mitbestimmt?

Selten wird ein Film aus der Dominikanischen Republik in Deutschland veröffentlicht. Dass dies mit „Sand Dollars“ gelingt, liegt sicher auch an der Prominenz von Geraldine Chaplin. Mit dem intimen Film hat sich der Inselstaat sogar um den Auslands-Oscar beworben.

kittyhawk

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Sand Dollars, DOM/MEX/RA 2014, Regie: Laura Amelia Guzmán, Israel
Cárdenas, ab 10.12. im Kino

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